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Kölner Autofahrer Die Egoisten parken in zweiter Reihe

Sonntagskuchen holen auf der Venloer Straße.

Sonntagskuchen holen auf der Venloer Straße.

Köln – Weshalb so viele Kölnerinnen und Kölner innerstädtisch mit einem Geländewagen unterwegs sind, soll mal einer verstehen. Slalom-Fahrzeuge wären wesentlich nützlicher angesichts der Unmengen an Zweite-Reihe-Parkern, die tagtäglich andere Verkehrsteilnehmer dazu zwingen, sich wedelnd wie Skifahrer auf der Piste fortzubewegen.

Lieferfahrzeuge und Paketdienste verschlimmern diesen Zustand, vor allem im Vorweihnachtsbetrieb.

Der ganz normale Feierabendwahnsinn

An einem Donnerstag gegen 18.30 Uhr auf der Berrenrather Straße: Der ganz normale Feierabendwahnsinn. Stadtauswärts kann man auf dem Stück zwischen Universitätsstraße und Sülzburgstraße bereits zwölf Zweite-Reihe-Parker zählen – nur ein Vorgeschmack auf das, was auf dem Abschnitt bis zum Gürtel folgt.

Vor der Questerhof-Apotheke stehen drei Fahrzeuge, das hintere mit eingeschaltetem Warnblinker. Nach einigen Minuten nähert sich die Fahrerin. „Kann ich vielleicht helfen, bei Ihnen liegt offenbar ein Notfall vor“, frage ich und deute auf ihre Lichter. „Nee, alles gut. Hab mir nur schnell schnell was zu essen geholt“, entgegnet sie grinsend, hebt den am Handgelenk baumelnden Plastikbeutel, um mich reinschauen zu lassen. Ich blicke auf drei Imbiss-Behältnisse mit Alufolie, also keinen Einkauf, den man mal fix aus dem Supermarkt-Regal hätte ziehen können.

Autos nutzen zwangsläufig die Gegenfahrbahn

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann: Eine so freundliche Reaktion wie von dieser Autofahrerin werde ich während meines insgesamt etwa zwölfstündigen Experiments verteilt auf drei Tage bei keinem anderen Zweite-Reihe-Parker erleben.

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Durch die Falschparker müssen andere Verkehrsteilnehmer ausweichen.

Kaum ist die Imbiss-Frau weg, nähert sich auf der anderen Fahrspur ein Fiat 500 und hält mitten auf der Fahrbahn. Warnblinkanlage. Nachfolgende Fahrzeuge müssen jetzt zwangsläufig einen Teil der Gegenfahrbahn benutzen. Auch hier frage ich, ob ein Notfall vorliege. „Ich muss Ware ausliefern, ha’m Sie damit 'n Problem?“, raunzt mich die Frau an. Als ich sie darauf hinweise, dass sie mitten auf der Fahrbahn stehe, wird der Ton noch rüder. „Außerdem weiß ich gar nicht, was Sie das angeht!“

Radfahrer müssen auf Bürgersteig ausweichen

Dann verschwindet sie in einem der Geschäfte in Edeka-Nähe, kommt in Begleitung von Ladenpersonal zurück, verstaut etwas im Kofferraum. Dem folgt eine Debatte mitten auf der Straße, bei der die Frauen immer wieder zu mir rüber schauen. Schließlich kehren beide zum Laden zurück, holen neue Ware. Das Szenario wiederholt sich.

In der Zwischenzeit haben sich auf der Gegenfahrbahn vier Fahrzeuge mit Warnblinker hintereinander gestellt, was den passierbaren Raum so verengt, dass nur Kleinwagen in der Mitte hindurchpassen. Glücklicherweise kommen gerade weder Bus noch Feuerwehr, sondern nur ein Radfahrer, der fluchend auf den Bürgersteig ausweicht.

„Ey, willste mich anmachen oder was?“

Als die Fiat-500-Fahrerin nach zehn Minuten endlich abfährt, stehen gegenüber auf der Straßenseite acht Fahrzeuge in zweiter Reihe. Jeder einzelne käme mit einem Bußgeld zwischen 15 und 35 Euro davon, wenn kontrolliert würde. Als nächstes fahre ich durch die Dürener Straße. Von der Universitätsstraße kommend, zähle ich 14 Fahrzeuge in zweiter Reihe.

Um selber aussteigen zu können, biege ich in die Lindenburger Allee und habe nach etwa 100 Metern die freie Wahl zwischen vier legalen Plätzen. Wieder zurück auf der Dürener Straße, frage ich einen in zweiter Reihe stehenden Mann, ob er die Stelle für einen Parkplatz hält: „Ey, willste mich anmachen oder was?“

Mittelfinger als Reaktion auf Belehrung

Nachdem mir am späten Nachmittag ein Pkw-Fahrer am Ehrenfeldgürtel, dem ich schier hintendrauf fahre, weil er plötzlich anhält, um dem Kofferraum zwei Kästen Bier zu entnehmen, auf meinen Einwand des Falschparkens hin den Mittelfinger entgegengereckt, rechne ich mit allem.

Auf anderen Ausfallstraßen, die ich an diesem Tag im Feierabendverkehr abfahre, sind die Behinderungen durch Falschparker weniger drastisch als in Sülz oder Lindenthal. Auf der Neusser Straße steht ein Lieferfahrzeug vor Gebäude 321. Wegen eines ADAC-Wagens schräg gegenüber wird die Stelle zwar zum Nadelöhr, ein Stau bleibt jedoch aus.

Auf der Friedrich-Karl-Straße ist das anders. Obwohl auf dem Abschnitt zwischen Eichhorn- und Niehler Straße an zahlreichen Geschäften noch reichlich freie Kundenparkplätze zur Verfügung stehen, ist die rechte der beiden Fahrspuren fast komplett zugeparkt – ordnungswidrig, denn hier darf man werktags erst ab 18 Uhr sein Auto abstellen.

Tritt auf die Bremse als letzter Ausweg

Weitgehend freie Fahrt habe ich überraschend auf Venloer- und Zülpicher Straße. Das Slalomspiel beginnt erst wieder auf dem unteren Teil der Luxemburger Straße, wo die linke Fahrspur abwechselnd von Pkw, Lieferwagen und Paketdiensten blockiert wird. Muss dann noch die Linie 18 durch, bleibt nur der Tritt auf die Bremse.

Auf der Rodenkirchener Hauptstraße stehen gegen 19.30 Uhr acht Fahrzeuge in zweiter Reihe. Zwischen Chlodwigplatz und Bonner Wall warten vier Fahrzeuge in zweiter Reihe und blockieren damit zwar nicht den Auto- aber den Radverkehr. Kurzfristigen Stillstand verursacht ein junger Mann, der in seinem BMW sitzend mit einem Fußgänger auf dem Gehsteig plaudert. Dass dadurch der 133er Bus und ein entgegenkommender Lieferwagen nicht aneinander vorbeikommen, interessiert ihn nicht.

Vor allem Anliefer-Fahrzeuge stoppen Verkehr

Bereits durch unzählige Baustellen und Fahrbahnverengungen gebeutelt, sitzt der Kölner auch fahrlässig verursachte Staus offenbar geduldig aus. Ob die Menschen in dieser Stadt tolerant sind, muss man nicht fragen, sondern höchstens, weshalb Autobauer nicht längst dazu übergegangen sind, ihre Modelle mit Leuchtschriften auszustatten: „Bin kurz beim Bäcker!“ – „Werfe schnell Brief ein!“ – „Hole nur Döner“.

Am Freitagmorgen bin ich ab 7.30 Uhr im Rechtsrheinischen unterwegs: Kalker Hauptstraße, Ostheimer Straße, Frankfurter Straße, Dort stoppen vor allem Anliefer-Fahrzeuge den Verkehrsfluss.

Abends auf der Berrenrather Straße, gleiche Zeit wie am Vorabend, gleiches Desaster. 22 Zweite-Reihe-Parker, darunter vier Lieferwagen, ein Möbeltransporter und zwei Paketzusteller. Am Samstagmittag ein ähnliches Szenario bei Tageslicht. Dass dann noch eine Fahrzeugbatterie streikt und der ADAC anrücken muss, macht die Lage nicht besser.

„Der Bär tanzt immer da, wo wir nicht sind“

Dafür ist es an diesem Samstag an der Venloer Straße relativ entspannt; möglicherweise auch, weil mit Carsten Zebralla und Thomas Joel zwei kaum übersehbare Männer vom Verkehrsdienst mit ihren Motorrädern Präsenz zeigen. „Der Bär tanzt immer da, wo wir nicht sind“, meint Heribert Büth, Sprecher des Verkehrsdienstes, der ebenfalls vor Ort ist. Wegen zugeparkter Anliefer-Zonen hatte er an diesem Samstagmittag zweimal den Abschleppdienst angefunkt. Eine Maßnahme, zu der die Stadt nur ungern greift, weil eine Stunde vergehen könne, bis das Fahrzeug vor Ort ist. „Stellen Sie sich das auf den Ringen vor. Das würde das Chaos doch nur noch vergrößern.“

Vergleichsweise geringe Bußgelder

Das Anhalten auf der Fahrspur ist grundsätzlich nicht erlaubt. Missbrauch der Warnblinkanlage kostet fünf Euro Bußgeld, welches entfällt, wenn zugleich ein teurerer Verstoß (etwa Zweite-Reihe-Parken) vorliegt. Halten in zweiter Reihe kostet 15 Euro (mit Behinderung 20 Euro), wobei der Gesetzgeber nicht zwischen Behinderung und Gefährdung differenziert, die etwa dann vorliegt, wenn Verkehrsteilnehmer auf die Gegenfahrbahn ausweichen müssen. Parken (Fahrzeug verlassen) in zweiter Reihe kostet 20 Euro, mit Behinderung 25 Euro. Parkt jemand länger als 15 Minuten in der zweiten Reihe, muss er mit 30 Euro, bei Behinderung mit 35 Euro Bußgeld rechnen. Zum Vergleich: Parken auf dem Gehweg mit Behinderung kostet ebenfalls 35 Euro.