Immer mehr Kinder besitzen schon in der Grundschule ein Smartphone. Eltern an der GGS Martinusstraße in Esch wollen dieser Entwicklung etwas entgegensetzen.
Initiative an GrundschuleKölner Eltern schließen Pakt gegen das erste Smartphone

Kinder nutzen immer früher Smartphones.
Copyright: Annette Riedl/dpa/dpa-tmn
An der Bushaltestelle in der Kölner Innenstadt ist es ungewöhnlich still. Mehrere Kinder im Grundschulalter warten auf den Bus, fast alle mit gesenktem Kopf. Keine Fangspiele, kein Gerangel um den besten Platz auf der Bank, kaum ein Wort. Stattdessen wischen kleine Daumen über kleine Displays. Das Smartphone ist längst auch im Grundschulalter angekommen – und mit ihm eine Debatte, die Eltern, Lehrkräfte und Kinderärzte gleichermaßen beschäftigt.
Das Smartphone für Grundschulkinder empfinden immer mehr Eltern eher als Fluch denn als Segen. Laut der neuen digitalen Postbank-Studie bekommen 54 Prozent der Kinder zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr ein Handy, jedes fünfte Kind erhält bereits mit acht Jahren ein Gerät. Viele Experten erachten das als viel zu früh. Permanente Ablenkung, Konzentrationsstörungen, problematische Inhalte im Internet. Die Liste der Argumente gegen ein Handy im frühen Kindesalter ist lang.
Eltern an der GGS Martinusstraße wollen nun den Einstieg in die Smartphone-Welt bewusst verzögern und haben sich zu einem Elternpakt zusammengeschlossen. Ab dem kommenden Schuljahr soll das Präventionskonzept „Erst Smart, dann Phone“ der gemeinnützigen Initiative Smarter Start aus Hamburg an der Escher Schule eingeführt werden. Ziel ist es, Eltern dabei zu unterstützen, sich zu vernetzen und ihren Kindern möglichst bis zum Ende der Grundschulzeit kein eigenes Smartphone und keine Social-Media-Accounts zu gestatten.

Eltern der GGS Martinusstraße in Esch wollen Smartphones aus dem Alltag der Kinder verbannen.
Copyright: Arton Krasniqi
Einfache Idee, große Wirkung. Mutter Christiane Konrad hat Schulleitung, Lehrer und auch viele Eltern mit ins Boot geholt: Eltern können eine freiwillige Selbstverpflichtung ausfüllen, niemand werde aber gezwungen. Mit dem neuen Konzept müsse nicht mehr jede Familie die Entscheidung allein treffen, ob ihr Kind im Grundschulalter schon ein Handy erhalten soll. Stattdessen schlössen sich Eltern zusammen und gäben einander Rückhalt. Das Argument der Kinder, das viele ihrer Mitschüler ebenfalls ein Handy besäßen und sie so drohten, zu Außenseitern zu werden, liefe dann ins Leere, so Konrad. Im Rahmen der Initiative würden die Eltern und Lehrer mittels Infoabenden permanent zum Thema geschult. „Wichtig ist uns ein guter und respektvoller Austausch untereinander. Dabei sollen keine Vergleiche zwischen Familien gezogen und keine Entscheidungen bewertet werden. Wir respektieren, wenn jede Familie ihren eigenen Weg findet“, so Konrad.
Eltern streiten mit Kindern
Gerade dieser gemeinschaftliche Ansatz stoße auf großes Interesse, denn die Diskussion über den Gebrauch des Smartphones erschöpfe viele Eltern. Laut der einer Bitkom-Umfrage streiten sich rund drei Viertel (74 Prozent) der Eltern, deren Kind generell ein Smartphone nutzen darf, mit ihrem Kind über die Art oder Umfang der Nutzung. Nicht selten werde auch die Beziehung von Eltern und Kindern durch den Streit ums Mobiltelefon belastet.
Vorbild der Aktion ist die irische Stadt Greystones: Dort haben Schulen und Eltern gemeinsam vereinbart, dass Kinder während der Grundschulzeit kein eigenes Smartphone erhalten. Inzwischen hat das Modell unter dem Motto „It Takes a Village“ weltweit Nachahmer gefunden – auch in Deutschland. Daran knüpft der Hamburger Verein Smarter Start mit seinem „Eltern-Pakt“ an, den es bundesweit nach Angaben des Vereins mittlerweile an 35 Grundschulen gibt.
Die GGS Martinusstraße ist die erste Kölner Schule, die sich an dem Elternpakt beteiligt. Auch die Schule selbst unterstützt das Projekt. „Ich finde es gut, wenn die Eltern hier Initiative zeigen“, sagt Schulleiterin Tanja Wölfel. In ihrer Schule sei die Nutzung von Handys seit jeher untersagt, das lenke die Kinder nur ab, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung.
Ich finde es gut, wenn die Eltern hier Initiative zeigen
Dass ihr erstes Kind schon früh (ab der fünften Klasse) ein Smartphone erhalten hat, sieht Christiane Konrad heute als Fehler an. „Ich war nicht uninformiert, aber naiv und habe die Risiken und die Herausforderungen komplett unterschätzt“, sagt sie. „Ich dachte, wir könnten die Handy-Nutzung unseres Sohnes gut begleiten. Doch das Smartphone ist heute allgegenwärtig, und der soziale Druck, jederzeit mitreden und erreichbar sein zu müssen, ist enorm.“ In ihrer Familie gebe es klare Regeln im Umgang mit dem Handy – kein Gebrauch vor dem Frühstück, eine begrenzte Bildschirmzeit am Tag.
Trotz dieser Regeln beobachte sie, dass ihr Sohn immer häufiger zum Handy greift. Aus ihrer Sicht liegt das nicht an einem problematischen Verhalten des Kindes, sondern daran, dass viele Apps, Spiele und Plattformen gezielt darauf ausgelegt sind, die Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden – etwa durch Klassenchats und Spiele, die nicht enden wollen wie „Roblox“ oder „Brawl Stars“ sowie das endlose Scrollen auf Youtube.
Ich finde, Zwölfjährige sollten ihre Zeit vor allem mit echten Erlebnissen, Freundschaften und Bewegung verbringen – und nicht ständig einen Minicomputer in der Hosentasche haben
Konrad will digitale Medien keinesfalls verteufeln, sagt sie. „Ich finde aber, Zwölfjährige sollten ihre Zeit vor allem mit echten Erlebnissen, Freundschaften und Bewegung verbringen – und nicht ständig einen Minicomputer in der Hosentasche haben, der ihre Aufmerksamkeit immer wieder auf einen Bildschirm lenkt.“
Ähnlich sieht das Maria Boddez, Mutter zwei Kinder im Alter von acht und zehn Jahren, die die GGS Martinusstraße besuchen. Die Kinder dürfen bislang kein Handy besitzen. „Wir sind standhaft geblieben, ich finde, dafür ist es zu früh“, sagt Boddez. Zu viele nicht für Kinder geeignete Inhalte träfen auf junge Nutzer, die damit nicht umgehen könnten. „Man schickt Kinder ja auch nicht ins Schwimmbad, ohne ihnen zuerst Schwimmen beigebracht zu haben“, sagt sie. Allerdings sei der Druck der anderen Mädchen und Jungen groß, wenn Kinder ohne Smartphone etwa nicht im Klassenchat vertreten sind, was auch zu Frust bei ihrer älteren Tochter geführt habe.
Man schickt Kinder ja auch nicht ins Schwimmbad, ohne ihnen zuerst Schwimmen beigebracht zu haben
Christiane Konrad kennt negative Beispiele aus ihrem Umfeld: Da gibt es das Mädchen, das kein digitales Profil haben darf, und ihre Social-Media-Accounts, über die sie trotzdem verfügt, im Apple-Store pflegt. Und den Jungen, der den Personalausweis seines Vaters nutzt, um über die Face ID, die biometrische Gesichtserkennung für Apple-Geräte, heimlich in diverse Programme zu gelangen. Letztlich wisse niemand so genau, was die Kinder am Smartphone machen, sagt Konrad. Dabei lägen Videos, in denen zum Beispiel pornografische Inhalte gezeigt werden, immer nur einen Klick von den Mädchen und Jungen entfernt. „Die bleiben dann aber für Jahre in den Köpfen der Kinder.“ Zudem gibt es zahlreiche Studien (zum Beispiel eine Studie der DAK), die auf körperliche und psychische Beschwerden durch die starke Handynutzung sowie Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme aufmerksam machen.

Christiane Konrad hat die Initiative nach Esch geholt.
Copyright: Arton Krasniqi
Von der Bundesregierung ist Mutter Christiane Konrad bislang eher enttäuscht. Die 56 Empfehlungen der unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, die unter anderem ein Handyverbot an Schulen bis zur siebten Klasse und eine gesetzliche Mindestaltersgrenze von 13 Jahren für soziale Medien vorsehen, hält sie für einen Schritt in die richtige Richtung. Die Umsetzung werde aber noch Jahre dauern, die Änderungen benötige man dagegen sofort. „Einen maroden Spielplatz würde man ja auch sofort schließen.“
In NRW und damit auch in Köln gibt es keine einheitlichen Regeln für den Umgang mit dem Smartphone an Schulen. Für die Grundschulen und in der Primarstufe an Förderschulen empfiehlt das Schulministerium, die private Nutzung von Handys und Smartwatches auf dem Schulgelände und im Schulgebäude grundsätzlich nicht zu erlauben. „Handys sind aus dem Leben junger Menschen nicht mehr wegzudenken“, sagt Schulministerin Dorothee Feller. „Viele Schulen haben sich bereits Regeln gegeben. Darauf können wir gut aufbauen. Denn eines ist klar: Ein zu hoher Medienkonsum beeinträchtigt die Konzentration im Unterricht und das soziale Miteinander in den Pausen.“
