WintereinbruchObdachlos auf den Straßen Kölns – bei Kälte und Schnee

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Ein Mann mit zotteligem Bart und Kapuze steht im Ladenlokal „Zohus“.

Stefan ist obdachlos in Köln.

Tausende Obdachlose schlafen in Köln auch bei Minusgraden im Freien. Streetworker, Ehrenamtliche und aufmerksame Bürgerinnen und Bürger arbeiten daran, niemanden lebensbedrohlich frieren zu lassen.

Es ist 20 Uhr, Minus 2 Grad. Es ist eiskalt und feucht. Stefan wird die Nacht auch bei diesem Wetter draußen verbringen. Er ist seit bald sechs Jahren obdachlos. Wie viele Menschen ohne Wohnsitz in Köln leben, ist schwierig abzuschätzen, die Dunkelziffer hoch. Es dürften einige Tausend sein. Im Ladenlokal „Zohus“ des Vereins Straßenwächter wärmt sich Stefan am Dienstagabend auf. Ehrenamtliche kochen Tee und verteilen Kuchenstücke. 80 Menschen sind an diesem Tag schon da gewesen, um sich helfen zu lassen. Am Tag darauf wird es schneien.

Obdachlosigkeit im Winter: Aufwärmen und ausrüsten im „Zohus“

Im „Zohus“ in der Balduinstraße 18 stehen zwei Tische mit Hockern. Nicht nur Menschen ohne Obdach, auch Kölnerinnen und Kölner, die Körbe voll Kleider und Weihnachtsgeschenke spenden, kommen im Minutentakt herein. Bunt verpackte Geschenke sind in zwei Reihen an der Wand aufgestapelt. Am Dienstagabend aber sind es Decken und Schlafsäcke, die vor allem mitgenommen werden.

Stefan hat schon sein Handy aufgeladen und einen Kaffee getrunken. Er geht raus, will ein Bier trinken. „Komm lieber noch was rein, bevor wir zu machen“, ruft Initiativen-Gründer Dennis Bucek auf den Bürgersteig. Er kennt Stefan schon seit vielen Jahren. Er kennt eigentlich jeden im „Zohus“, lädt sie ins Warme ein, fragt nach ihnen. Bucek hilft seit 2005 Obdachlosen in Köln. Mittlerweile engagieren sich 160 Ehrenamtliche für seinen Verein Straßenwächter.

Ein junger Mann sitzt in rotem Pulli und dickem Schal an einem Tisch vor aufgestapelten Geschenken.

Dennis Bucek hat den Verein Straßenwächter gegründet.

Dino ist einer von ihnen. Der 19-Jährige kocht 40 bis 50 Kilogramm Mahlzeiten pro Tag und koordiniert die Helferinnen und Helfer. Seit drei Jahren engagiert er sich an Dennis Buceks Seite. Ein weiterer Obdachloser kommt rein. Eine Mütze, einen Nagelschneider und Deo braucht der Mann. Die Ehrenamtlichen lassen ihn nicht gehen, bis sie eine Mütze gefunden haben, die wirklich über seine Ohren reicht. Dino erzählt derweil, dass jetzt nach mehr Essen gefragt werde als früher. Und Bucek beobachtet: „Es sind unheimlich junge Leute dabei.“

Dino steht in schwarzem Sweatshirt und rot gefärbten Haaren an einer Holztheke.

Ehrenamtler Dino an der Tee- und Kaffeetheke

Da geht die Tür wieder auf: Antonia zieht einen großen Wagen hinein. Die 22-Jährige hat an jenem Winterabend zum ersten Mal geholfen und Essen und Lebensmittel bei einem der allabendlichen Rundgänge verteilt. Fünf Quadratkilometer der Innenstadt deckt Straßenwächter ab, vom Dom bis zum Habsburger Ring, vom Rudolf- bis zum Barbarossaplatz. Seit April hat der Verein hier 70.000 Mahlzeiten ausgegeben. „Gerade in Köln gehen Obdachlose unter“, schildert die 22-Jährige ihren Eindruck, „es müsste viel mehr Aufmerksamkeit geben.“ Sie hat eine Angehörige, die auf der Straße lebt, und sich deshalb nun engagiert.

Obdachlosigkeit im Winter: Trotz Notschlafstellen in der Kälte

Trotz Notschlafstellen übernachten viele Menschen bei der Kälte weiterhin auf der Straße. Antonia versteht das: „Die Leute gehen nicht in die Unterkünfte, weil das keine Alternative ist.“ Von ihrer Angehörigen und den Begegnungen, die sie am Dienstagabend gemacht hat, erzählt sie: „Es ist dort nicht sauber, es wird geklaut, sie sind überfüllt und man muss früh raus.“

Die Tür geht wieder auf, Unterwäsche und zwei Hosen braucht dieser Mann. „Das Schlimmste ist nicht die Kälte, sondern die Nässe“, kommentiert Stefan. Weitere Weihnachtspakete kommen per Lieferdienst an. Damit das Interesse auch nach Weihnachten nicht abreißt, appelliert Dennis Bucek zu Silvester: „Knallt nicht, sondern spendet dafür.“ Sein Telefon klingelt. Eine Stimme am anderen Ende beschreibt eine obdachlose Person, die am Dienstagabend in einer kalten Ecke schlafe. Die Bürgerin klingt besorgt.

Eine junge Frau in weißem Pullover und buntem Schal steht mit einem großen Bollerwagen vor einem hohen Regal mit Kleidungsstücken.

Ehrenamtlerin Antonia zieht den Wagen der Lebensmittel- und Kleiderverteilung ins „Zohus“.

Anrufe wie diese gehen nicht nur bei Straßenwächter, sondern vor allem beim Winterhilfetelefon der Stadt ein. Der Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) betreut mit der Stadt Köln die Winterhilfe für Wohnungslose. „Wir sind auf Bürgerinnen und Bürger angewiesen“, sagt Jane von Well, Sachgebietsleiterin beim SKM. Denn sie können Personen in Not über das Winterhilfetelefon (0221/56 09 73 10) oder per E-Mail (winterhilfetelefon@skm-koeln.de) Hilfskräfte des Sozialdiensts vorbeischicken.

Winterhilfetelefon der Stadt Köln soll Obdachlose vor dem Erfrieren bewahren

Geht ein Anruf ein, ziehen Streetworker des SKM und der Stadt zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu den Orten, an denen Bürgerinnen und Bürger gemeldet haben, dass Personen möglicherweise Hilfe benötigen. Von Well weiß aus ihrer Erfahrung, dass die meisten Menschen auf den Straße Kölns die zahlreichen Notschlafstellen kennen. Sie wüssten meist, wann sie es noch draußen aushielten und wann sie doch Schutz im Warmen suchen müssten. Schätzen Streetworker die Betroffenen so ein, dass sie diese Entscheidung nicht mehr selbst treffen können, helfen sie ihnen in die nächstgelegenen Notschlafstelle.

„Die Winterschlafstelle ist gut besucht, aber noch nicht ausgelastet“, berichtet von Well von der aktuellen Situation in der Unterkunft in der Ostheimer Straße mit 72 Feldbetten. Sollten Personen gar nicht ansprechbar sein, mahnt von Well bei Minustemperaturen nicht erst die Winterhilfe, sondern direkt den Rettungsdienst unter 112 anzurufen.

Die Sozialarbeiterin glaubt zudem, es drohten noch mehr Menschen, ihre Wohnung zu verlieren, denn die Coronazeit und der Energienotstand mache den Bürgerinnen und Bürgern zu schaffen. „Es geht uns auch darum, dass Menschen Wohnungen gar nicht erst verlieren“, sagt von Well, „die Beratungszahlen in unseren Fachbereichsstellen haben enorm zugenommen.“

Bucek meint, die Menschen, die bereits auf den Straßen Kölns leben, bekämen von gesellschaftlichen Krisenzeiten nichts mit. Das Ende des Monats hingegen würden sie spüren, da gebe es weniger Spenden. Doch auch Bucek sorgt sich, dass nicht noch mehr Kölnerinnen und Kölner ihre Wohnung verlieren. „Viele Leute haben keine Heizung mehr, die haben teils keine Kleidung, die haben Existenzängste.“

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