EinzelhandelManga und Matratzen statt Luxus – so stark hat sich die Mittelstraße verändert

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Zwischen Markengeschäften hat sich ein Manga-Store angesiedelt.

Zwischen Markengeschäften hat sich ein Manga-Store angesiedelt.

Vor einem Jahr beklagte die IG Mittelstraße einen Leerstand von zehn Prozent. Ein Jahr später zeigt sich eine überraschende Entwicklung.

Der Brief an OB Reker war eindringlich und die Zahl erschreckend. Auf der Mittelstraße, einst die Vorzeige-Modemeile Kölns, stehen zehn Prozent der Ladenlokale leer, so schrieb die IG Mittelstraße vor einem Jahr. Schuld daran seien vor allem die autofeindliche Verkehrspolitik der Stadt und die vielen ungepflegten Ecken, die betuchte Käuferinnen und Käufer abschrecken würden.

Gut zwölf Monate später zeigt sich bei der Bestandsaufnahme auf der Mittelstraße: Es hat sich Überraschendes getan. Allerdings nicht so, wie es sich Arnd Böcking, seit 25 Jahren als Juwelier auf der Straße ansässig und Sprecher der IG, gewünscht hat. Es gibt kaum noch Leerstände, aber es sind für die Straße eher ungewöhnliche Mieter eingezogen. So zum Beispiel ein Virtual-Reality-Escape-Room, ein Manga- und Cosplay-Laden, ein Handyzubehör-Geschäft, eine Vodafone-Filiale, ein Makler und eine ambulante Schönheitsklinik mit Botox-Angeboten.

Erst Kölle alaaf, jetzt guter Schlaf
Werbeslogan im „Emma“-Matratzenladen

Vor kurzem kam das Steifftier-Fachgeschäft vom Neumarkt auf die Mittelstraße und gerade eröffnete die Matratzenmarke „Emma“, die bisher nur online verkaufte, hier ihren ersten stationären Store in Deutschland. Er wirbt mit dem Slogan: „Erst Kölle alaaf, jetzt guter Schlaf“.

Schaufenster der Matratzenfirma „Emma“

Die Matratzenfirma „Emma“ eröffnete gerade ihren ersten stationären Laden in Deutschland auf der Mittelstraße.

Hinzugekommen sind auch ein Juwelier und ein Brautmodengeschäft, die allerdings nicht zu großen Marken gehören. Der Tesla-Showroom, der eine Weile leer stand, ist nun vom chinesischen E-Autobauer BYD besetzt. Bereits vor längerer Zeit ist das große Zeiss-Optik-Center in die ehemaligen Räume eines Schuhladens an der Ecke Pfeilstraße gezogen. Ein Maßschneider richtet momentan seine Räume ein.

Die neuen Mieter, die eher einzelhandelsuntypisch sind, werden für uns keine Kunden auf die Straße bringen
'Arnd Böcking, Juwelier

So ergibt sich ein äußerst heterogener Mix, der mit der ursprünglichen Mittelstraße, die einst ein bisschen Glamour in die Stadt brachte, nur noch wenig zu tun hat. Escape-Room statt Edelsteine, Manga statt Mode. Juwelier Arnd Böcking ist unglücklich über diese Entwicklung. „Die neuen Mieter, die eher einzelhandelsuntypisch sind, werden für uns keine Kunden auf die Straße bringen.“ Die Exklusivität gehe immer mehr verloren. „Einige Vermieter von Leerständen sind meines Wissens mit den Mieten deutlich heruntergegangen.“

Er hört immer wieder, dass Kunden mittlerweile häufiger nach Düsseldorf fahren und dass sich der hochwertige Einzelhandel auch eher dorthin orientiert. Und er wiederholt die Klage, dass vor allem die Verkehrspolitik und das ungepflegte Umfeld Käufer abschreckten. Eine Einladung zu einem Gedankenaustausch der Händler mit Politik und Verwaltung im Januar dieses Jahres sei ohne Konsequenzen geblieben. „In dieser Stadt ist es sehr schwer, als hochwertiger Einzelhändler zu bestehen.“

Das Schaufenster des Steifftier-Fachgeschäftes

Das Steifftier-Fachgeschäft zog vom Neumarkt in die Mittelstraße.

Boris Hedde, Geschäftsführer des in Köln ansässigen Instituts für Handelsforschung, sagt zur Lage auf der Mittelstraße: „Das Angebot ist nicht mehr so hochpreisig wie zuvor. Das liegt aber auch daran, dass es allgemein im Luxussegment eine Kaufzurückhaltung gibt.“ Offenbar seien auch die Mieten herabgesetzt worden, um neue Mieter zu gewinnen. Das sieht er aber nicht negativ. Es sei erstaunlich viel, was sich in so kurzer Zeit auf der Mittelstraße getan habe.

Das ist schwer, aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen
Boris Hedde, Institut für Handelsforschung Köln

Jeder Leerstand ist einer zu viel und wirkt sich negativ auf das Umfeld aus. Da ist der Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach. Das ist schwer, aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Man muss sich den Rahmenbedingungen stellen.“

Ähnlich schätzt Stadtmarketing-Geschäftsführerin Annett Polster die Situation ein. Die Mittelstraße erlebe wie andere City-Einkaufsmeilen eine Transformation. „Leerstände wurden größtenteils mit neuen Ladenkonzepten und Produktgruppen vermietet, die sich nicht mehr zwingend am Textil- und Bekleidungssortiment vergangener Jahrzehnte orientieren.“ Dafür würden aber die Gastronomie entlang der Mittelstraße, die Angebote rund um die Apostelnkirche und zum Beispiel der „Meet and Eat“-Markt auf dem Rudolfplatz neue Kundengruppen anziehen. Sie betont aber auch: „Den Eigentümern kommt weiterhin eine wichtige Rolle mit der Vermietung ihrer Immobilien zu und sie tragen damit auch zur weiteren Ausrichtung der Handelslage bei.“

Für die Gründer von „Emma“ jedenfalls war die Mittelstraße die erste Wahl in Deutschland. „In Köln hat sich die erste perfekte Gelegenheit in der zentralen Innenstadtlage in der Mittelstraße ergeben. Der Store ist toll gelegen: Im Umfeld befinden sich viele weitere interessante Lifestyle-Unternehmen, Concept-Stores und bekannte Marken wie Aigner, The Kooples und Zara Home“, heißt es auf Anfrage.

Auch das Traditionsunternehmen Steiff ist sehr froh über den neuen Standort. „Die Mittelstraße als Verbindung des lebendigen Rudolfplatzes und seiner Nebenstraßen mit vielen individuellen, einzigartigen Geschäften einerseits und dem hoch frequentierten Neumarkt andererseits bietet uns ein angenehmes, wertiges und abwechslungsreiches Umfeld, das sich sicher in den nächsten Jahren weiter positiv entwickeln wird.“ Auch Steiff betont das gute Nebeneinander in der Nachbarschaft „zwischen Café Fassbender, Apropos, dem Manga-Store und Zara Home“. Für feine Stofftiere scheint der Mix in der Mittelstraße also zu stimmen.

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