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Serie

Köln von unten
Fett, Ratten und ein Kronleuchter im Untergrund

6 min

Zwischen Schmutz und Prunk: Elf Meter unter der Riehler Straße putzen Arbeiter Kanäle – unweit des historischen Kölner Kronleuchtersaals.

Ein dunkles Loch und ein Schachtdeckel daneben: ein Eingang zu Kölns Kanalisation. Ein unangenehmer Geruch steigt aus dem Loch auf. Direkt in die Nase von Sascha Link. Er ist Kanalreiniger bei den Stadtentwässerungsbetrieben Köln (Steb): „An diesen Geruch gewöhnt man sich nie.“ Es seien die Fette im Abwasser, die dafür sorgten, dass es so rieche. „Fäkalien sind einfacher zu reinigen und die riechen wir schon nicht mehr. Aber dafür Fette umso mehr.“

Diese Fette wollen Link und seine Kollegen in der Kanalisation unter der Riehler Straße in der Nähe vom Reichenspergerplatz beseitigen. Dafür haben sie einen schwarzen Schlauch in das Loch hinuntergelassen, der an einen Lkw angeschlossen ist.

„Kanäle reinigen, sauber machen, die Fettstoffe rausholen, Hölzer und alles, was da nicht reingehört“, so beschreibt Sascha Link seinen Alltag. Um sechs Uhr morgens geht es los. Zuerst müsse der Lkw mit Wasser befüllt werden, damit das abgesaugte Wasser aufbereitet werden kann, sagt der Kanalreiniger. Anschließend fährt die Kolonne zu den Schachtdeckeln. Gut 30 Kilogramm wiegt so eine Platte. Mit Spezialwerkzeug öffnen sie den Deckel und Link steigt in die Tiefe.

Ein Mann im orangefarbenen Anzug öffnet einen Kanaldeckel

Kanalreiniger ist ein körperlich anstrengender Beruf. Gut 30 Kilogramm kann ein Kanaldeckel wiegen.

Meistens sind es drei bis vier Meter, dieses Mal sind es elf. Das liegt daran, dass hier ein „Düker“ liegt, unter dem die U-Bahn läuft, sagt Link. An den meisten Stellen fließe das Wasser durch leichtes Gefälle durch den Kanal. Wegen der U-Bahn sei das an dieser Stelle, nahe des Riehler Platzes, nicht möglich. Hier sei ein sogenannter Düker notwendig. Ein Düker führt das Wasser u-förmig, mittels starkem Gefälle am Anfang, unter der U-Bahn hindurch. Der durch das Gefälle entstehende Wasserdruck bringt das Abwasser am Dükerende wieder auf das ursprüngliche Höhenniveau zurück. Die Funktionsweise sei mit der eines Siphons am Waschbecken zu vergleichen.

Für diesen Abstieg sind die Kanalreiniger mit Falldämpfern, Sicherheitsgurten und persönlicher Schutzausrüstung gesichert. Dazu zählen ein Helm mit Lampe, Schutzkleidung, Handschuhe und festes Schuhwerk. In Kölns Kanalisation angekommen, können die Reiniger die Schläuche befestigen und den Kanal säubern.

Blick auf das Fett in der Kanalisation.

Hier schwimmt einiges, was gar nicht ins Abwasser sollte.

Für die Reinigung dieses Kanals werden er und seine Kollegen eine Woche brauchen, schätzt der Kanalreiniger. Normalerweise arbeiten sie einen Tag an einer Baustelle. Aber weil der Kanal so sehr mit Fett belastet ist, brauchen sie dieses Mal länger. Zuerst stechen sie das Fett mit einem Spaten ab und saugen es dann mit einem Schlauch ab. Für die Reinigung benötigen die Mitarbeiter zudem eine besondere Düse, die wie eine Rakete in den Kanal geschossen und anschließend zurückgezogen wird. Aus der Rückseite der Düse strahlt Wasser heraus, und zwar mit 200 bar, wodurch der Dreck zum Ausgangspunkt gespült wird. Der Druck eines Autoreifens beträgt ungefähr zwei bar.

Wie im Tropenhaus, nur mit Ratten

Das komplette Kanalnetz unter Köln umfasst rund 2400 Kilometer. Alle 15 Jahre muss es laut Kühn einmal komplett gereinigt und inspiziert werden. Das Kanalwasser selbst besteht vor allem aus dem Abwasser, das in normalen Haushalten anfällt: Wasser aus Badewannen, Duschen, Waschmaschinen, Toilettenspülungen und Wäschetrocknern. Auch Essensreste geraten oft in die Kanalisation. Das sei allerdings ein Problem, denn dadurch vergrößere sich die Rattenpopulation, so der Techniker. Feuchttücher und Lappen stören ebenfalls, denn sie verstopfen die Kanäle und erschweren die Arbeit. Der höhere Aufwand sorge dann wiederum für höhere Kosten, sagt Kühn.

Der Kanal an diesem Tag ist eng, die Luft unten feucht und warm. Sascha Links Brille beschlägt. Die Luftfeuchtigkeit ähnelt der im Tropenhaus, nur gibt es dort keine Affen, sondern Ratten. Wer die Sprossen an der Wand hinunterklettert, kann von der ersten Plattform die Wassermassen entlang der steinigen Wände peitschen sehen, ebenso zahlreiche Tischtennisbälle, die auf dem Fett aufliegen. Ein Gang durch die Kanalisation ist hier nicht möglich, sagt Kühn. Andernorts sei das Wasser aber ruhiger und die Kanäle größer. Dort sei es machbar, durch Kölns Untergrund zu waten. Das Wasser fließt in Richtung der Kläranlagen. Fünf Stück gibt es in Köln. Die größte davon in Stammheim.

Ein Mann im weißen Anzug mit rotem Helm steht an einem schwarzen Rohr.

Von der ersten Plattform geht es noch weiter runter. Sascha Link lässt den Reinigungsschlauch in die Tiefe.

Was nicht in die Kanäle gehört, landet dort trotzdem gelegentlich. Meistens sind es kleine Gegenstände, so wie die orangen Bälle, aber Link und seine Kollegen haben auch schon E-Scooter, Einkaufswagen und Motorroller gefunden. Wenn Menschen sich in Ausnahmefällen hineinbegeben, herrscht allerdings eine Notsituation, denn der Sauerstoffmangel unten kann gefährlich werden. Feuerwehr und Polizei müssen dann ausrücken.

Kronleuchter in der Kanalisation

An einer Stelle können Besucher aber trotzdem einmal im Monat ein bisschen Kanalluft schnuppern: im Kronleuchtersaal. Nicht weit von der Baustelle von Sascha Link am Theodor-Heuss-Park wartet Stefan Schmitz von den Steb mit einer Besuchergruppe darauf, dass sein Kollege mit seiner Gruppe wieder aus der Kanalisation herauskommt. Sieben Meter führt die Treppe unter die Erde. Fünf Meter breit, 20 Meter lang ist der Kronleuchtersaal, und drei Meter hoch. Ein großer Kronleuchter hängt an der Decke und gibt dem Raum seinen Namen. Er ist vor Kalk weiß angelaufen, die silberne Farbe blitzt nur an wenigen Stellen noch auf.

Ein Mann im blauen Hemd steht in einem großen Saal. Hinter ihm ein Kronleuchter.

Stefan Schmitzt führt seit mehr als 25 Jahren Besuchergruppen in den Kronleuchtersaal der Kanalisation.

Dass dieser Kanal noch heute in Betrieb ist, überrascht einige Besucher der Führung. Dabei hat sich an seiner ursprünglichen Funktion nichts geändert: Er ist ein Abschlagbauwerk. Er leitet das Abwasser Richtung Kläranlage und führt bei starken Niederschlägen Regenwasser in den Rhein. Exakt so, wie es die Bauleute im 19. Jahrhundert vorgesehen hatten, obwohl es zu jener Zeit noch gar keine Kläranlagen gab.

„Man würde das Bauwerk heute von der Funktionsweise genauso bauen, allerdings nicht aus Klinkern, sondern aus Beton, weil es schneller geht und günstiger ist“, sagt Schmitz. Und nicht in dieser Dimension. Warum der Saal seine gewaltige Größe hat, können auch die Fachleute der Stadtentwässerungsbetriebe heute nicht mehr sagen. Die Größe des Saals habe es schon damals nicht gebraucht. 

Blick in den Kanal

Bis 2019 haben im Kanal einmal im Jahr Konzerte stattgefunden. Die Länge des Kanals, der an den Kronleuchtersaal anschließt, sorgt für eine besonders gute Akustik. Weil ein zweiter Notausgang fehlt, dürfen sie jetzt nicht mehr stattfinden.

Der Kronleuchtersaal wurde Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Stadterweiterung als Teil eines fortschrittlichen Kanalisationssystems gebaut. Zur Einweihung wurden zwei Kronleuchter und mehrere Wandleuchter installiert. Woher die Leuchter stammten, sei nicht ganz klar, sagt Schmitz während der Führung. Er denkt, dass sie wohl von der Stadt angebracht wurden, um den Saal zur Einweihung zu beleuchten.

Als die Stadtentwässerungsbetriebe den Saal im Jahr 2000 für Besichtigungen freigaben, habe dort kein Kronleuchter mehr gehangen, sagt Schmitz. Wahrscheinlich seien die ursprünglichen irgendwann weggerostet. Die hohe Luftfeuchtigkeit in der Kanalisation lässt normales Eisen schnell rosten. Im Oktober kommt der Kronleuchter deshalb herunter und wird in der Werkstatt komplett abgeschliffen, neu verkabelt und wieder silbern angestrichen. Dann ist er bereit für die nächsten Führungen ab März.