Wilfried Schmickler steht an einem der Stehtische vor dem Filos. Das Lokal an der Merowinger Straße ist für den 72-Jährigen fester Bestandteil seiner Tagesroutine. „Ich drehe morgens gerne eine Runde mit dem Fahrrad durchs Veedel.“. Dabei gehört ein Schwatz vor der Tür des Filos, gerne bei einer Zigarette, für den 72-Jährigen dazu. Obwohl er für den Weg zum Filos gar kein Rad braucht. Der Kabarettist, der jahrzehntelang in den „Mitternachtsspitzen“ den bärbeißigen Schlussmonolog hielt und sich als eine Hälfte des Raucherpaares Schmidt „Loki und Smoky“ mit Uwe Lyko Ikonen-Status erwarb, wohnt schräg gegenüber.

Das Filos mit seinen raucherfreundlichen Stehtischen gehört zu Wilfried Schmicklers täglicher Tour durchs Veedel.
Copyright: Alexander Schwaiger
„Seit 40 Jahren lebe ich in der Südstadt“, erzählt der gebürtige Leverkusener, der vor allem das Mikroveedel zwischen Lutherkirche und St. Severin ins Herz geschlossen hat. „Ich liebe Läden, in denen man noch einzelne Dinge kaufen kann“, sagt Schmickler, als er vor dem Regal mit den nach Farben und Größen sortierten Briefumschlägen bei Sabine Kresse steht. In ihrem Laden versorgt sich Schmickler regelmäßig mit seinem Hauptarbeitsmaterial: Karteikarten. „Die brauche ich für meine Notizen. Wenn ich Zeitung lese, fallen mir immer Dinge auf, die ich aufschreibe. So entsteht allmählich ein Mosaik aus Karteikarten um mich herum.“ Irgendwann wird dann daraus ein Text oder ein neues Programm.

Im „Hampelmann“, dem Laden von Gül Cassagnéres entdeckt Wilfried Schmickler gerne Neuheiten auf dem Spielzeugmarkt.
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Auftrittsmüde ist Schmickler, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist, nicht. Am Vortag war er mit seinem aktuellen Programm im „Vingster Pohl“ zu Gast. Christian Bechmann von der Reihe „Escht Kabarett“ im Ehrenfelder Bürgerzentrum hatte ihn gefragt, ob er ins Rechtsrheinische kommen würde. „Ich mache das gerne, nur hatten die dort eine derart kleine Bühne, dass ich mich kaum bewegen konnte, nicht gut für den Rücken“, erzählt Schmickler. Manchmal fürchtet er, der für sein scharfsinniges Sezieren der Weltlage im Allgemeinen und der herrschenden politischen Verhältnisse im Besonderen bekannt ist, es sich selbst in seiner Blase zu bequem zu machen. Dann helfen Ausflüge in andere Veedel, Wege aus der Komfortzone, aber auch die tägliche Zeitungslektüre.

Karteikarten kauft Schmickler immer bei Sabine Kresse. Der Schreibwaren- und Künstlerbedarfladen „Traumfarben“ ist einer der letzten seiner Art, nicht nur in der Südstadt.
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Ein Zeitungsabo hat er nicht, Zeitungen kauft er täglich bei einem jungen Mann, der am Chlodwigplatz an seinem mobilen Stand genau vier Titel feilbietet: „Express“, „Rundschau“, „Stadt-Anzeiger“ und die „Süddeutsche“. Je nach Tagesform kaufe er ihm zwei oder drei ab. „Wir haben so einen Deal. Ich gebe ihm einen Fünfer für zwei.“ Direkte Kontakte zu den Menschen sind ihm wichtig. Auch die Inhaberin des Ladens neben den „Traumfarben“ kennt Schmickler seit Jahren: Im Spielwarenladen „Hampelmann“ ist er ebenfalls Stammgast, weil er sich für Spielzeug und Kleinkram aller Art begeistern kann. Heute hat es ihm ein Grusel-Gummimännlein angetan. Zum Leute-Erschrecken.
Weiter geht es über den großen Kreisverkehr, über den die KVB-Bahnen Richtung Ubierring rattern. „Ich habe ein absolut positives Verhältnis zum Chlodwigplatz. Wir haben hier zwar auch ein paar Verrückte, aber die tun keinem was.“ Probleme mit Suchtkranken, wie es sie am Friesenplatz gibt, könne Schmickler in seinem Viertel nicht ausmachen. „Mit dem Vringstreff und der Annostraße haben wir hier zwei Zentren für Obdachlose, aber dass sie negativ auffallen würden im Stadtbild, kann ich nicht bestätigen. Der Platz ist sauber, donnerstags ist Markt und die Severinstorburg ist eine der schönsten in Köln, weil sie so schön fußgängerfreundlich ist.“ Anders als die Ulrepforte etwa, die von Hauptstraßen eingekesselt sei.

Bei Diefenthal geht Schmickler gerne shoppen. Hüte in allen Formen und Farben gibt es hier zur Auswahl.
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An der Severinstraße gefällt Schmickler die große Auswahl allein an Metzgerläden. Und das Hutgeschäft Diefenthal. Hier hat er seine Schiebermütze gekauft. Gegenüber im Laufladen Bunert hat er vor Kurzem besonders bequeme Schuhe erstanden. Wichtig für ihn, um weiter rund zu laufen. „Seit ich diese Schuhe habe, laufe ich auf Wolken. Die möchte ich gar nicht mehr ausziehen.“ Die lebendige Geschäftswelt in der Südstadt zu erhalten, macht dem Imi aus Leverkusen keine Mühe. Für ihn ist es selbstverständlich, sein Geld im Veedel auszugeben. „Es braucht Menschen, die diese Art des Einkaufens schätzen." Nur so könne sich die Vielfalt erhalten. Sonst drohten Leerstand oder seelenlose Fressmeilen.

Karin Dewil, die den Laden Trüffel Ulrich führt, berät den Schokoliebhaber Wilfried Schmickler.
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Apropos Essen: Zu Schmicklers Favoriten gehört auch der unscheinbare kleine Laden mit den großen süßen Schätzen darin: Bei Trüffel Ulrich verlässt er sich ganz auf die Expertise von Betreiberin Karin Dewil. „Ich lasse mir von ihr immer ein Tütchen zusammenstellen. Das liegt dann zu Hause in der Schublade und ruft immer ganz laut nach meiner Frau und mir und dann ist es auch schon wieder leer“, gesteht Schmickler seine Schoko-Schwäche offen ein.
Das kleine Ladenlokal atmet den Charme der guten alten Zeit, in den Regalen gibt es Schokoladen-Figuren, Teetassen mit Blumenmustern und in den Vitrinen sind die Stars ausgestellt: Pralinen in allen Schokoladenfarben und vielerlei Geschmacksrichtungen. Alles zum Anbeißen verführerisch.

Die Severinstraße und die Merowinger Straße jenseits der Torburg sind Wilfried Schmicklers Lieblingseinkaufsorte in der Südstadt.
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Auf dem Rückweg kommt Schmickler ein Postbote entgegen, der ihn mit einem breiten Grinsen begrüßt. Mustafa Özdemir ist ausgewiesener Fan und hat Wilfried Schmicklers aktuelles Programm schon gesehen. „Unbedingt reingehen“, empfiehlt er lachend und radelt weiter. Auf dem Weg zurück Richtung Merowinger Straße gibt es noch einen Abstecher in die Severinskirche. „Ich finde es schade, dass die getragene Sprache der Kirche und die Spiritualität, die man hier findet, im richtigen Leben fast keinen Einfluss mehr haben“. Nächstenliebe, die Kernbotschaft des Christentums, aber auch ihre weltliche Entsprechung, die Solidarität, seien auf dem Rückzug. „Da bedauere ich schon, dass beide Kirchen immer mehr an Einfluss verlieren.“
Lebendiges Gemeinde- und Kulturleben in der Lutherkirche in der Südstadt
Den Schlusspunkt des Spaziergangs bietet die andere zentrale Kirche in der Südstadt: Die evangelische Lutherkirche. „Es ist eine riesengroße Tragödie, dass dem Viertel das Herz herausgerissen wird“, meint Schmickler. Die evangelische Kirche hatte zuletzt beschlossen, die Kirche zu schließen und an ihrer Stelle Wohnungen zu errichten. Das lebendige Gemeindeleben, das unter Südstadt-Pfarrer Mörtter florierte, zusammen mit den Veranstaltungen, die der Südstadt e.V. organisiert, werden dann Geschichte sein. „Die evangelische Kirche hat Millionen in ihren Campus am Kartäuserwall gesteckt. Dass sie hier alles dichtmachen, fühlt sich nicht sehr nach Kirche an.“
Gut, dass man sich schräg gegenüber im Café Sur mit einem anderen Thema ablenken kann: Fußball. Inhaber Gerardo d’Ambrosio stammt aus Argentinien und ist glühender Fan der Boca Juniors, dem einen der zwei Fußballclubs aus Buenos Aires. Er prognostiziert Schmicklers Team Bayer Leverkusen einen 3:0-Sieg im bevorstehenden Pokalspiel gegen Nürnberg. „Die werden explodieren, wie jetzt der FC gegen Union“, ist sich der Fußball-Aficionado sicher, als er Schmickler den Cortado hinstellt. Schmickler ist dem Verein seiner Heimatstadt treu geblieben.
„Für mich sind die Spiele von Bayer gegen den FC die echten Derbys, und nicht, wenn der FC gegen Gladbach spielt“, sagt er schmunzelnd. Den Blick aus dem kleinen Café in der Metzer Straße auf das friedvolle Ensemble der Lutherkirche wird er jedenfalls so lange genießen, wie die Kirche dort steht. Und im Stillen hofft er noch, dass sich vielleicht doch noch eine Lösung finden wird, mit der sich das lebendige Kultur- und Gemeindeleben retten lässt.
Wilfried Schmicklers Empfehlungen für die Südstadt:
1) Filos, Merowinger Straße 422) Traumfarben, Merowinger Straße 393) Hampelmann Spielwaren, Merowinger Straße 374) Hutgeschäft Diefenthal, Severinstraße 215) Trüffel Ulrich, Severinstraße 1026) Café Sur, Metzer Straße 39
Am Freitag, 11. Dezember, um 19.30 Uhr ist er zusammen mit Jochen Malmsheimer zu Gast in der Aula der Gesamtschule Rodenkirchen, Sürther Straße 191. Unter der Devise „Lies meinen Text“ traut sich der eine jeweils an die Texte des anderen. Der Eintritt kostet 35 Euro (ermäßigt 24). www.koelnticket.de

