Innenstadt – Spaziergänger und Passanten gehen zumeist achtlos am modernen Neubau von St. Mauritius am Mauritiuskirchplatz vorbei, kaum jemand weiß, dass in dieser Kirche eine bedeutende Reliquie der Christenheit verwahrt wird – ein Stück vom Saum der Tunika Christi, ein Stück vom „Heiligen Rock“. Wie und warum die Reliquie in die Kirche am Mauritiussteinweg gelangte, ist bis heute nicht eindeutig zu klären – man weiß nur, dass es vermutlich einem Trierer Erzbischof zu „verdanken“ ist, dass die Kostbarkeit nach Köln kam, allerdings zunächst in die Kölner Kartause.
Dieser Erzbischof, Philipp Christoph von Sötern, war seit 1623 Kurfürst von Trier und Fürstbischof von Speyer. Er hatte es sich aufgrund seiner Amtsführung mit allen verdorben: Die Trierer Bürger waren nach immensen Geldforderungen auf die Seite seiner Gegner getreten, zudem legte er sich auch mit dem eigenen Domkapitel an. Schließlich nahmen ihn die Spanier gefangen, wegen Landesverrats wurde er mehrere Jahre in Haft gehalten. Doch nach seiner Freilassung verbündete er sich 1645 erneut mit den Franzosen, und wieder wurden die Mosellande mit Krieg überzogen. Damals floh das gesamte Trierer Domkapitel nach Köln – und die Domherren brachten den wertvollsten Besitz ihrer Kirche, den Heiligen Rock, in die sichere, mit wehrhaften Fortifikationen umgebene Reichsstadt.
Ein europäischer Wallfahrtsort
Trier war damals – wie Köln – ein Wallfahrtsort von europäischem Rang, und es war der Heilige Rock, der Pilger aus dem gesamten Abendland an die Mosel lockte. Der siebenjährige Rhythmus der Wallfahrt (siehe Kasten: „Hintergrund: Der Heilige Rock“) konnte aber infolge kriegerischer Ereignisse nur selten eingehalten werden – erst recht nicht im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges, als man die Reliquie in die Festung Ehrenbreitstein in Sicherheit gebracht hatte. Von dort aus war die Reliquie 1645 nach Köln gelangt.
Annähernd zehn Jahre lang wurde sie dann in der Kölner Kartause verwahrt. Die Kartäuser spielten damals – neben den Jesuiten – eine wichtige Rolle als „Speerspitze“ der Gegenreformation im Rheinland, es war kein Zufall, dass die Reliquie ihnen übergeben wurde. Erst 1654 kehrte der Heilige Rock nach Ehrenbreitstein zurück. Als Dank, so ist überliefert, wurde den Kartäusern ein kleiner Teil der Reliquie überlassen, die „Fransen vom Saum des Gewandes Christi“. Dieser Saum ist im Neuen Testament erwähnt: Eine Frau, die unter Blutfluss litt (einer schmerzhaften Blutung außerhalb der Menstruation), berührte die Quasten des Gewandes Christi – sofort sei der Blutfluss zum Stillstand gekommen und sie geheilt worden. In der „hauseigenen“ Kartäuser-Überlieferung wird allerdings 1401 als das Jahr benannt, in dem die Reliquie in den Besitz des Klosters kam – als Geschenk der Florentiner Kartause, die sie von einem Kardinal erhalten haben soll. „Schwer zu sagen, welche der beiden Versionen den wahren Sachverhalt wiedergibt“, meint der Kölner Kartäuser-Forscher Werner Beutler, „der historische Kontext dürfte aber eher für das Jahr 1654 sprechen.“
Wunder durch Reliquien
Wie auch immer: noch Mitte des 18. Jahrhunderts, als im Zuge der Aufklärung Herkunft und Wunderwirkung jedweder Reliquien allgemein in Zweifel gezogen wurden, rühmten sich die Kartäuser, sie hätten „den Saum von Christi Oberkleid, den das blutflüssige Weib angerührt habe“, der Saum habe „seit kurzem viel hunderte Mirakul in der gleichen Krankheit getan“. Tobias Wolf, Gemeindeassistent der Kirchengemeinden Herz Jesu und St. Mauritius, berichtet, dass die Kartäuser damals oft gefragt wurden, wie dieses „Mirakul“ funktioniere, da Frauen das Männerkloster doch nicht betreten dürften. Die Frauen, so die überlieferte Antwort, „schickten nur ein Stück Brot, welches die Mönche an den Saum streichen, und wenn eine Frau solches Brot äße und ein paar Vater Unser und Ave Maria dabei betete, helfe es sogleich“. Es ist aber auch verbürgt, dass die Mönche den Glaszylinder, in dem die Reliquie verwahrt wurde, den am „Blutfluss“ leidenden Frauen zum Kuss darboten. Dieser Brauch soll sich bis zur Aufhebung der Kartause durch die Franzosen im Jahre 1794 gehalten haben.
Danach, in den Wirren der Säkularisation, gelangte die „Kontaktreliquie“ in den Besitz der Pfarre St. Mauritius. Der genaue Zeitpunkt lässt sich anhand der dürftigen Quellenlage nicht ermitteln – ebenso der Grund, warum ausgerechnet St. Mauritius zum neuen Aufbewahrungsort der Kostbarkeit wurde. Denn viele Ausstattungsstücke der Kartause wurden damals in St. Severin eingelagert.
Finanzielle Misere in St. Mauritius
St. Mauritius gehört zu den jüngeren Pfarreien des mittelalterlichen Köln, 1141 wurde am Standort einer Vorgängerkirche ein großer Neubau geweiht, gestiftet vom wohlhabenden Bürger Hermann von Stave. Die Pfarrei stand unter dem Patronat von St. Pantaleon, das heißt, der Abt von St. Pantaleon bestimmte den Pfarrer. Die Kirche diente seit 1144 aber nicht nur dem Pfarrgottesdienst – der Westbau der Kirche mit der Michaelskapelle und der Westempore wurde einer Gemeinschaft von Benediktinerinnen überlassen, die Erzbischof Arnold I. neben der Kirche ansiedelte. Durch An- und Umbauten wurde die Kirche im Laufe der Jahrhunderte erweitert – um 1655 hat der Holländer Justus Finckenbaum eine schöne Tuschezeichnung von St. Mauritius gefertigt.
1802 wurde auch der Benediktinerinnenkonvent an St. Mauritius säkularisiert, die Baulichkeiten des Klosters, darunter der Westteil der Kirche, versteigert, sämtliche Pfarrgüter eingezogen. Die finanzielle Misere der Pfarrei St. Mauritius, so die Chronik der Gemeinde, hatte zur Folge, dass die romanische Kirche 1830 wegen Baufälligkeit geschlossen und bis auf den Unterbau abgebrochen werden musste. Erst 1859 wurde sie vollständig abgetragen und nach Plänen von Vincenz Statz ein Neubau errichtet; die Weihe der neuen Kirche fand 1866 statt.
Fast 60 Jahre in Vergessenheit
Möglicherweise haben diese widrigen Umstände dazu beigetragen, dass die Reliquie vom Heiligen Rock in St. Mauritius allmählich in Vergessenheit geriet. Erst 1933, als in Trier wieder die große Wallfahrt durchgeführt wurde, erinnerte man sich ihrer, der damalige Pfarrer Theodor Schweitzer organisierte regionale Wallfahrten nach Köln – und er ließ ein neues Reliquiar für den Saum Christi anfertigen; der Künstler Louis Weber schuf eine Figurengruppe, in der ein Kartäuser einer knienden Frau das Schaugefäß darbietet, in der sich auch ein Partikel des Märtyrers Reinoldus befindet. „Das »Heilige Jahr« 1933“, so weiß Werner Beutler, „hatte in Köln einen solchen Zulauf, dass eine Schienenschleife um St. Mauritius gelegt wurde, um den Transport der Pilger zu bewältigen.“
Fast 60 Jahre später, 1991, sprach Beutler im Vorfeld der Kartäuser-Ausstellung bei der Gemeinde vor, um das Reliquiar in der Ausstellung präsentieren zu können. Pfarrer Hans Wilhelm Berhausen, der seit 1973 an der im Krieg schwer zerstörten Kirche die Seelsorge ausübte, wusste indessen nichts von der Existenz einer Reliquie. „Er ging auf meine Bitte hin in den Keller – und kam mit einer Figurengruppe wieder, aus der noch der Staub der Bombennächte rieselte“, erinnert sich Beutler, „es war das von Weber gefertigte Reliquiar.“
Das kostbarste Stück hat seither einen festen Platz in St. Mauritius, unter einem eigens angefertigten Baldachin. So haben Gläubige aus Köln und Pilger aller Art die Möglichkeit, den Saum vom Heiligen Rock Christi jederzeit zu sehen.
