Innenstadt – Herr Malchers, Sie haben Ihr Büro aufgeräumt. Nach fast 25 Jahren als Intendant des Hänneschen-Theaters ist Freitag Schluss. Das geht nicht ohne Emotionen ab, oder?
Heribert Malchers: Natürlich nicht. Das war ganz schwierig. Allein die Präsente, die ich im Laufe der Jahre von Fans bekommen habe. Da nimmt man jedes einzelne Teil in die Hand und überlegt: Womit belaste ich meinen Haushalt, und was werfe ich weg? Das ist schwer. Ich habe schon bei meinem letzten privaten Umzug zwei Lager angemietet.
Sie könnten Ihren Nachlass doch einem Museum überlassen.
Malchers: Da ist nichts dabei, was sich für ein Museum eignen würde. Eher lauter persönliche Erinnerungen. Ich habe ja ein sehr buntes Leben hinter und hoffentlich auch noch vor mir. Das Hänneschen wird aber für immer der größte Teil meines Berufslebens bleiben. Meine Mutter hat mich schon als Kleinkind mit hierher getragen. Sie hat Stücke für das Hänneschen-Theater geschrieben. Für mich waren die Figuren immer lebendig, so wie das heute für die Kinder auch immer noch ist. Insofern schließt sich der Kreis.
Wie hat sich das Theater unter Ihrer Regie verändert?
Malchers: Als ich die Spielleitung übernahm, mussten viele Vorstellungen wegen des schlechten Besuchs ausfallen. Wir sind jetzt das erfolgreichste Theater Deutschlands und seit 25 Jahren jeden Abend ausverkauft. Karten bekommt man höchstens mal vereinzelt für eine Kindervorstellung. Für das aktuelle Weihnachtsmärchen beispielsweise haben wir alle 15 000 Karten im Vorverkauf abgesetzt. Und in 25 Jahren ist nicht eine Vorstellung ausgefallen.
Worauf führen Sie den Erfolg zurück?
Malchers: Ich denke, die Puppenspieler haben eingesehen, dass das Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit auch eine wichtige Rolle spielt. Vor meiner Zeit hieß es immer wieder: Krach in Knollendorf, Knies hinger d’r Britz. Natürlich kriegt man sich mal in die Wolle, aber das haben wir immer intern ausgetragen. Als Schauspieler im Hänneschen kann man nicht mal eben wechseln, wenn es einem nicht mehr gefällt. Das ist die einzige kölsche Stockpuppen-Bühne, die es gibt. Deshalb war es wichtig, die Kollegen, die sich nicht so mochten, so zu disziplinieren, dass sie auf der Bühne professionell miteinander umgehen. Das ist mir bis heute gelungen. Alle Kollegen sind hervorragende Schauspieler, die zusätzlich noch die Puppen führen.
Zumal sie auf engstem Raum miteinander spielen müssen.
Malchers: Ich mache gern folgenden Witz: Wenn bei uns einer krank wird, steckt er das halbe Ensemble an. Wenn der Speimanes krank wird, steckt er alle an. Weil er auch hinter der Bühne stottert und spuckt.
Mit Disziplin allein macht man kein erfolgreiches Puppentheater. Was haben Sie sonst noch geändert?
Malchers: Ich habe auch viel Glück gehabt. Mein erstes Stück war eines, das Wilhelm Millowitsch senior noch geschrieben hat. Das ist der Großvater von unserem Willy Millowitsch und hieß „Drei Dach Alt Kölle“. Wir hatten die Hänneschen-Kirmes vor der Tür. Willy Millowitsch kam und hat Werbung gemacht. Die ersten zehn Vorstellungen waren gleich ausverkauft. Ich hatte zuvor 50 kölsche Krimis beim WDR inszeniert, galt als Fachmann für die kölsche Sprache. Hier habe ich sie erst richtig gelernt. Das Hänneschen ist der Hort der kölschen Sprache. Und dann habe ich versucht, das Volkstheater – so habe ich das Hänneschen immer gesehen – mit aktuellen Themen zu verbinden.
Geben Sie mal ein Beispiel.
Malchers: Als der FC 1998 zum ersten Mal in die Zweite Liga abstieg und auf einmal in einer Klasse mit der Fortuna spielte, hieß das Stück „FC Fortuna Tünnes gegen 1. FC Schäl“. Geschrieben hat es mein Vertreter Peter Ulrich. Da geht es darum, dass die beiden Präsidenten Tünnes und Schäl in den mexikanischen Dschungel fahren, um Dopingmittel einzukaufen, die man am Ende nicht nachweisen kann. Der dicke Fußballgott Balla-Balla gibt sie ihnen mit. Später stellt sich heraus, dass Balla-Balla der Bruder von Reiner Calmund ist und die Leverkusener die dummen Kölner nur benutzt haben, um das Mittel zu testen. Beim Derby in Köln schlafen alle 22 Spieler auf dem Platz ein. Wir spielen bis heute richtige Schwänke, das ist ein sehr deftiges Theater.
Sie könnten mehr Zuschauer haben, wenn das Theater größer wäre.
Malchers: Ja und nein. In der Karnevalszeit wäre das sicher so. Die Größe der Puppen setzt dem Theater aber Grenzen. Wir haben jetzt 19 Reihen, viel mehr geht nicht. Dann sieht man nichts mehr.
Warum arbeitet das Hänneschen nicht kostendeckend, obwohl es immer ausverkauft ist?
Malchers: Wir sind ein städtisches Theater, alle Mitarbeiter fest angestellt und unkündbar. Alles, was man macht, muss mit vierfacher Ausfertigung geschehen. Früher hat ein Freund aus Bergisch Gladbach in den Sommerferien den Bereitschaftsraum der Puppenspieler für 400 Mark mal eben gestrichen. Das war ein Freundschaftspreis, weil er auch ein Freund des Hänneschen ist. Heute läuft das mit Ausschreibung über die Gebäudewirtschaft und kostet am Ende 2000 Euro.
Warum gibt es keine freien Puppenspieler?
Malchers: Eigentlich müsste das so sein. Es dürfte keine Künstler geben, die fest angestellt sind. Das ist der Tod des Künstlertums. Aber wer sich dazu entschließt, bei uns einzusteigen, gibt doch einen Beruf auf. Dem kann man nicht mit einem Fünf-Jahres-Engagement kommen. Weil es eben keine vergleichbare Bühne gibt.
Sie haben Ihre Nachfolgerin Frauke Kemmerling noch zwei Monate eingearbeitet.
Malchers: Sie kennt das Haus seit 20 Jahren und ist ihm sehr verbunden. Dennoch wäre eine Einarbeitungszeit von einem Jahr sicher besser gewesen. Weil man mit allen wichtigen Partnern persönliche Kontakte herstellen muss.
Muss das Hänneschen auch mal Hochdeutsch sprechen?
Malchers: Nein. Ich kann mir keinen Dialog zwischen Tünnes und Schäl auf Hochdeutsch vorstellen. Man kann auf Hochdeutsch nicht alles sagen, wie das auf Kölsch möglich ist. Kölsch ist eine eigene Sprache, die sehr viel Gefühl transportiert. Ich finde es gut, wenn das Hänneschen-Theater auf Facebook geht. Aber das Wichtigste sind und bleiben die Stücke. Die müssen gut sein. Schließlich kaufen die Leute die Karten blind. Ohne das Stück zu kennen.
Ihre Nachfolgerin tritt ein schweres Erbe an.
Malchers: Mein Start war einfacher. Ich konnte hier etwas aufbauen. Ich hoffe, dass Frauke Kemmerling diesen Erfolg fortführen kann. Das ist ungleich schwieriger. Als ich hier anfing, lag das Theater am Boden. Ich konnte nichts falsch machen, nur gewinnen. Aber um eins mal klarzustellen: Jeder ist zu ersetzen. Da sollte man sich nichts vormachen.
Es ist kein Geheimnis, dass Sie gerne länger geblieben wären.
Malchers: Das stimmt. Ich hätte gerne noch einen Fünf-Jahres-Vertrag bekommen. Das hat nicht geklappt und hat mich erst einmal sehr unglücklich gemacht. Aber jetzt habe ich eine neue Aufgabe, auf die ich mich sehr freue.
Wie sieht die aus?
Malchers: Anfang Dezember fange ich am Bernsteinsee an. Das ist eine große Freizeitanlage in der Nähe von Wolfsburg. Mit 600 Häuschen und einem großen Hotel. Wir haben da eine Oper am See inszeniert, ich werde da einen Skulpturenpark organisieren. Die Spanische Hofreitschule überwintert da. Die Anlage gehört einem meiner Freunde. Ich gehe da in die Geschäftsführung. Ich bin jetzt 65 Jahre, und mein größter Horror war, dass ich mit dem Kissen den ganzen Tag im Fenster liegen muss. Im Weihnachtsmärchen habe ich den Bernsteinsee als kleinen Wegweiser versteckt. Als kleiner persönlicher Scherz zum Abschied. Da legen der Tünnes und der Schäl den Giftmüll ab.
Es gibt keinen offiziellen Abschied seitens der Stadt. Ärgert Sie das?
Malchers: Das ist eine der Geschichten, die dem Kulturdezernenten ins Schwarze Buch geschrieben werden. Ich werde vom Förderverein am 3. Dezember in der Kreissparkasse verabschiedet. Aber ich hatte schon einen traumhaften Abschied. Seit 25 Jahren bin ich während der letzten Nacht des Vorverkaufs für die Puppensitzung vor Ort, wenn die Menschen vor dem Hänneschen kampieren. Ich kenne die alle. In diesem Jahr klingelte es in meinem Büro. Ich bin runter. Da standen 200 Menschen im Halbkreis, ich musste ein Kölsch nehmen, sie haben sich bei mir bedankt und gesungen: „Wie soll dat nur wiggerjonn?“ Da kamen mir die Tränen. Das war ein sehr zu Herzen gehender Abschied. Da muss ich dem Kulturdezernenten nicht mehr die Hand drücken.
