Referenten des gemeinnützigen Projekts „Draussenseiter macht Schule“ berichteten am Ursulinen-Gymnasium, wie sie in die Obdachlosigkeit gerieten.
Ursulinen-Gymnasium KölnObdachlose berichten Sechstklässlern aus ihrem Leben

Jan Fesse, Christina Bacher und Oliver Manz (v. l.) klärten am Ursulinengymnasium über Wege in die Obdach- und Wohnungslosigkeit auf.
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Wie nehmen Kinder und Jugendliche Armut wahr? Wie blicken sie auf obdachlose Menschen in einer vermeintlich wohlhabenden Metropole? Was würden Schüler fragen, wenn sie mit betroffenen Personen direkt ins Gespräch kämen? Was versteht man unter sozialer Ungerechtigkeit? Antworten darauf ergaben sich bei einem Besuch des Projekts „Draussenseiter macht Schule“ am örtlichen Ursulinen-Gymnasium. Christina Bacher, Chefredakteurin der ältesten Straßenzeitung Deutschlands – dem Draussenseiter und die Magazin-Verkäufer Jan Fesse sowie Oliver Manz waren in einer sechsten Klasse zu Gast. Im Gepäck hatte das Trio authentische Geschichten vom Leben auf der Straße und reichlich Aufklärung zur Thematik. Sowohl Jan Fesse als auch Oliver Manz haben soziale Aufstiege wie Abstiege erlebt, die sie in elementare Existenznöte brachten.
Krank geworden, Job verloren, Wohnung gekündigt, obdachlos
„Ich war früher ein Top-Manager. Wisst ihr, was das ist?“, wendet sich Manz an die Elf- und Zwölfjährigen. „Wenn man Chef ist“, sagt ein Junge. „Richtig. Ich war sogar ein Chef von den Chefs und bin viel in der Welt herumgekommen. Das war toll“, setzt der Gast seine Geschichte fort. Irgendwann sei er krank geworden – Burn-out von der vielen Arbeit, dem Stress und dem Erfolgsdruck. Darauf folgten Depressionen. Zur Behandlung begab sich der Geschäftsmann in eine Klinik. In der Zwischenzeit wurde er von seinem Arbeitgeber durch eine neue Führungskraft ersetzt. Dann kündigte der Vermieter wegen Eigenbedarfs die Wohnung. Als er schließlich aus dem Klinikum entlassen wurde, war der ehemalige Verlagsmitarbeiter obdachlos.
Unterbringung im Riehler Männerheim
Nach Notunterkünften in zehn Quadratmeter großen, unbeheizten und verdreckten Zimmern, die er sich mit jemand anderem teilen musste, folgte die Unterbringung in einem Riehler Männerheim. Dort war kein Besuch gestattet. Seinen Sohn konnte Manz dort nie empfangen. Nach mehreren Jahren in prekären Verhältnissen deutet sich für den 51-Jährigen eine positive Veränderung an: Eine Wohnung steht in Aussicht und auch ein neuer Job erscheint möglich. „Ich sehne mich sehr nach vertrauten Strukturen. Das Gefühl, nach Hause zu kommen, hatte ich schon seit vier Jahren nicht mehr“, offenbart Manz den Schülern. Auch Jan Fesse kennt die Abhängigkeit von anderen, die damit verbundenen Gefahren und die Richtungslosigkeit. „Draußen bist du nie sicher. Und schlafen bedeutet, ausgeliefert zu sein“, erklärt der wohnungssuchende Gast, dem seine Tätigkeiten als Straßenzeitungsverkäufer und Referent neue Tagesstrukturen und Perspektiven ermöglichen. „Übrigens, ihr könnt uns alles fragen. Deshalb sind wir ja hier“, so Fesse.
Obdachlose erfahren viel Ablehnung von anderen
Was es denn mit ihnen mache, wenn sie spürten, dass man obdachlose Menschen nirgendwo gerne sieht, will etwa eine Schülerin wissen. Ob sie von anderen schon geschlagen wurden und warum viele Leute trotz ihrer Armut einen Hund haben, der ja auch Geld koste, richten sich die Schüler an Jan und Oliver. Die beiden Männer bedanken sich für das Interesse und klären auf: Der Missmut gegen sie sei verletzend, aber man gewöhne sich an vieles und sei jeden Tag aufs Neue vor allem damit beschäftigt, Essen, Trinken und eine Übernachtung zu organisieren, so Jan. Ein Hund bedeute zwar Rechnungen für Fressen und den Tierarzt, ermögliche aber auch eine emotionale Bindung.
Kinder sind beeindruckt von den Schilderungen
Nach dem rund 90-minütigen Treffen zeigten sich die Schüler bewegt: „Ich wusste gar nicht, dass man so schnell obdach- oder wohnungslos werden kann. Ich fand es toll, dass Jan und Oliver so gut darüber reden konnten und sich nicht dafür geschämt haben“, fasste Olivia (12) ihre Eindrücke zusammen. „Ich fand den Besuch sehr gut, da man eine andere Seite der Menschen sehen konnte“, berichtete Lena (12). „Ich hatte vor dem Besuch des Draussenseiter immer die Meinung, dass man selbst schuld daran ist, wenn man obdach- oder wohnungslos wird. Jetzt ist vieles klarer geworden“, sagte Luna (11). Erschreckend empfanden die Kursteilnehmer zudem, dass vermehrt auch Kinder und Jugendliche von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit bedroht sind. „Mir hat es aber auch gefallen, dass die Leute gezeigt haben, wie sie aus ihrer Lage wieder herausgekommen sind“, wertschätzte Lea (11) den Besuch, in dessen Verlauf zudem die Entstehung des Straßenmagazins erläutert wurde.
Pädagoge Colin Nolan bezeichnete die Doppelstunde als signifikanten Perspektivwechsel: „Zu verstehen, dass hinter jedem wohnungslosen oder obdachlosen Menschen ein eigenes Schicksal steckt, ist eine wichtige Erkenntnis. Vorurteile abzubauen gelingt am besten in direktem Austausch. Besonders gefallen hat mir, dass so viel Platz für die teils persönlichen Fragen der Schüler war“, sagte der Gymnasiallehrer. Das buchbare Präventionsprojekt von OASE e. V. und Draussenseiter wurde unter anderem durch eine Spendenverdopplungsaktion der Bethe-Stiftung ermöglicht. Dabei konnten Einnahmen von 12.000 Euro generiert werden.
