Köln – Wer das Glück hat, das Ausstellungshaus in einem Hinterhof von Ehrenfeld besuchen zu können, wird einen anderen Günter Wallraff (70) kennenlernen. Einen, der in sich ruht. Zwischen diesen Naturkunstwerken – was ja eigentlich ein Widerspruch in sich ist –, die er in Jahrzehnten gesammelt hat. „Das hier ist eine Gegenwelt“, sagt der Enthüllungsjournalist. „Sonst muss ich mich immer reinhängen, mich beweisen, mich rechtfertigen. Hier kann ich das für sich wirken lassen, kann mich dahinter stellen. Ich bin kein Esoteriker, ich schreibe den Steinen keine heilende Wirkung zu. Aber sie geben mir eine Ruhe, die ich selten woanders finde.“
Seine Leidenschaft für Steine hat Wallraff Ende der 1980er Jahre entdeckt. Auf Lanzarote, der Steininsel. Damals hat er sich ein meerestaugliches Kajak angeschafft und dadurch neue Welten entdeckt. „Mit dem Kajak kommt man in Buchten, die sonst unerreichbar sind, an unwirtliche Küstenabschnitte und steile Felsen. Doch das gilt ja nicht nur für das Meer. Ich finde Steine am Oberrhein und in Cinque Terre, manchmal muss ich Hunderte aufheben, bevor einer dabei ist, der so vollendet ist, dass er in meine Sammlung aufgenommen wird.“
Im Laufe der Jahre habe er gelernt, dass es nicht nur endemische Pflanzen, sondern auch endemische Steine gibt. Steine, die man nur an einem ganz bestimmten Küstenabschnitt auf der ganzen Welt findet. Die singulär zum Beispiel in einem Lößberg entstanden sind. „Man findet dergleichen in dieser Reinheit und Formvollendung nicht mehr. Vielleicht eine Verwandtschaft Tausende Kilometer entfernt. Die ist dann aber so ähnlich wie zwischen einem Menschen und einem Schimpansen.“
Das Ausstellungshaus sei seine heile Welt, sagt Wallraff. Es habe eine Klarheit und eine Ästhetik, es sei sein Rückzugsort: „Ich habe Steine gefunden, von denen man glauben könnte, Künstler wie Hans Arp oder Tony Cragg hätten sich durch die inspirieren lassen. Aber selbst Arps Urei eiert gewaltig gegenüber diesen natürlichen Formen. Mich interessiert weder ihr geologischer Wert noch ihre Zusammensetzung. Mich interessiert nur die Einzigartigkeit ihrer Form.“
In seinem Haus hat Wallraff einen 36 Kilogramm schweren Meteoriten, der größte Stein hat einen Durchmesser von 1,50 Meter. Ein paar Schwergewichte aus China hat er sich als Beipack per Schiffsfracht im Container liefern lassen. Unterwegs in aller Welt stoße er immer auf Menschen, die ihm helfen, große Steine zu bergen. „Irgendwann habe ich mir mal eine Malteserbahre angeschafft, um sie besser abtransportieren zu können.“ Vor vielen Jahren hat Wallraff ein paar seiner schönsten Exponate anonym bei einer Ausstellung in Köln gezeigt. Bei der Eröffnung habe er sich unters Publikum gemischt und gehört, wie ein bekannter Kunstkritiker zu einem seiner Naturkunstwerke sagte: „Das hier könnte ein Japaner sein, der vom Zen-Buddhismus beeinflusst worden ist. Ich habe nur geschmunzelt und gedacht. Da könnte er recht haben.“
Die meisten Steine in seiner Sammlung werden nicht bearbeitet, Ausnahmen bilden einige kleine Installationen aus runden Basaltsteinen mit Quarzadern vom Oberrhein, die teilweise poliert wurden, auf Stangen stecken und mit einem Fingerschnipser in Bewegung versetzt werden. „Wenn es mir nicht gelingt, die steinernen Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, dann sollen es wenigstens die Steine tun.“
Wer die seltene Gelegenheit bekommt, das Ausstellungshaus besuchen zu können, kann das gern mal ausprobieren. Wallraff selbst ist immer wieder begeistert, wenn Schulklassen zu Besuch kommen. „Die Kinder können noch staunen, die sind sofort begeistert“, sagt er. „Es gibt auch erwachsene Kinder, denen das gelingt. Aber es gibt auch Erwachsene, die beunruhigt das, die können das nicht einordnen.“ Wallraff nicht – was die Steine angeht, zählt er ganz klar zu den Kindern.
