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Tausche Konzert gegen ApplausKölner Sänger Savoy singt aus seinem Fenster

6 min
Der Kölner Sänger Savoy sitzt auf seiner Fensterbank und bereitet sich auf sein Fensterkonzert unter dem Titel Clap2Sing vor.

Der Kölner Sänger Savoy gibt jeden Freitagabend von seinem Fenster aus Konzerte für Passantinnen und Passanten.

Wer Freitagabend am Friesenwall vorbeikommt, kann sich ein Konzert des Kölner Sängers Savoy erklatschen, direkt aus dessen Fenster.

Freitagabend, Friesenwall: Es herrscht Feierabendstimmung. Die umliegenden Bars und Restaurants sind gut besucht, Autolärm dringt durch die Straße, ein Kellner balanciert zwei Teller mit Pizza an einen der Tische am Straßenrand. Kurz vor 19 Uhr öffnet Julian sein Fenster, blickt auf die belebte Straße, stellt das Mikro auf die richtige Höhe ein und einen Verstärker auf die Fensterbank. Fünf Songs hat er für heute vorbereitet, den Anfang macht „Ain't No Sunshine“ von Bill Withers. Sobald das rosa Schild mit der Aufschrift „Clap2Sing“ auf dem Bürgersteig in Position steht, geht es los. Punkt 19 Uhr ertönt von unten das erste Mal Applaus.

Julian atmet einmal tief ein, dann tief aus und schon erklingen die ersten Takte. Vorbeigehende blicken nach oben und folgen den Blicken der kleinen Gruppe, die sich an der Hauswand formiert. „Kommt rüber, von hier kann man besser sehen!“, ruft ein Junge seinen beiden Freunden zu, die sich auch gerade eine Pizza beim Laden gegenüber geholt haben. Mit jedem Song wird die kleine Gruppe etwas größer, Handyvideos werden aufgenommen, jemand pfeift anerkennend Richtung Fenster.

„In meinem Kopf war nur: Ich mache das jetzt einfach. Ich mache das Fenster auf und singe!“ So beschreibt Julian den Moment, als er das erste Mal Verstärker und Mikrofon auf die Fensterbank seiner Wohnung gestellt und den Mitarbeiterinnen des Secondhand-Geschäfts auf der anderen Straßenseite etwas vorgesungen hat. Hörbar für die ganze Nachbarschaft und alle, die vorbeigehen und trotzdem im Komfort der eigenen Wohnung. Das ist der Gedanke hinter den Fensterkonzerten, die der Kölner Sänger seit Anfang des Monats unter dem Künstlernamen Savoy jeden Freitagabend gibt. ‚„Clap2Sing“‘ nennt er die Konzertreihe. Die Idee: Passantinnen und Passanten klatschen zweimal in die Hände, dann öffnet Julian das Fenster und gibt einen Song zum Besten. Ein Schild erklärt das Konzept.

Ein Konzert aus dem Safespace

Musik und vor allem Gesang begleiten den 31-Jährigen seit seiner Kindheit. Als er vor neun Jahren nach Köln kam, verlor er das Singen zunächst ein bisschen aus den Augen, bis er sich irgendwann mit einem Freund zum gemeinsamen Singen verabredete. Den entscheidenden Anstoß bekam er dann von seiner Freundin Hanna: „Ich habe mich lange nicht so richtig getraut, bis sie meinte, ich solle doch mal Gesangsunterricht nehmen. Das mache ich jetzt seit Anfang des Jahres neben meinem Beruf und bin seitdem praktisch immer am Üben“, sagt Julian.

Doch nur Üben reichte ihm schon bald nicht mehr. Equipment war bereits gekauft und er hatte Lust, seine Stimme und seine Liebe zur Musik mit öffentlichem Publikum zu teilen. Seine erste Überlegung war Straßenmusik, doch die Hemmschwelle sei ihm noch zu groß gewesen, erzählt er. Bei der Arbeit kam ihm dann die Idee zu Clap2Sing: „Da dachte ich eigentlich direkt, dass ich das ganz gut machen könnte. Ich bin zu Hause, in meinem Safespace, in dem ich sowieso immer singe. Und wenn ich merke, dass es irgendwie nicht läuft, dann kann ich einfach einen Schritt zurückgehen und dann sieht mich keiner. So kam die Idee zustande.“

Seine Clap2Sing-Videos gehen viral

Bühnenerfahrung aus dem eigenen Wohnzimmer, umsonst für alle, die wollen. Was wie ein Win-win-Konzept klingt, war zunächst gar nicht so einfach: „Wirklich, beim ersten Mal war ich echt so kurz davor, das Fenster wieder zuzumachen! So eine Überwindung hatte ich selten im Leben“, erinnert sich Julian an sein erstes Fensterkonzert Anfang des Monats. Seine Überwindung hielt er auf Video fest und teilte es bei Tik Tok. Beim ersten Mal sprach er noch Passantinnen und Passanten direkt übers Mikro an und fand schließlich in den Mitarbeiterinnen des Secondhand-Geschäfts sein Premierenpublikum.

Ein Video von den tanzenden Zuschauerinnen landete dann in der Instagram-Story der bekannten Instagramseite „koelnistkool“. Als Julian daraufhin ein Video hochlud, indem er ankündigte, das Projekt ab jetzt jeden Freitag zu wiederholen, lies der Zuspruch nicht lange auf sich warten. Knapp 38.000 Personen sahen das Video, die Kommentare reichten von „Kannst du auf meiner (hypothetischen) Hochzeit singen?“ bis zu „Endlich mal was Schönes in der Welt, bin nächste Woche dabei!“

„Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so gut ankommt“

Während am Brüsseler Platz über Lärmbeschränkungen gestritten wird und der Kölner Straßenmusiker Thelonious Herrmann alias Stadtgeklimper seine Auftritte wegen zu strenger Auflagen aufgegeben hat, sieht Julian in Clap2Sing auch einen Beitrag zu unbeschwerten Momenten im Stadtleben: „Ein paar Kommentare haben auch gefragt, ob meine Nachbarn damit ein Problem hätten. Wenn ich mir überlege, wie oft hier in der Straße die fettesten Autos ihre Motoren aufheulen lassen, finde ich, dass es okay ist, wenn jemand mal ein bisschen was singt und die Leute das eben auch gerne hören.“

Passantinnen und Passanten applaudieren für Clap2Sing von Sänger Savoy.

Wer zweimal klatscht, bekommt ein Ständchen: Das Konzept Clap2Sing geht auf, wie die Gruppe an Zuhörerinnen und Zuhörern zeigt.

Von den Nachbarn habe sich noch niemand beschwert, sagt er, stattdessen würden einige ihre Fenster aufmachen und zuhören. Außerdem dauern seine Konzerte bisher meist nur etwa eine halbe Stunde. Die Liste an Songs besteht momentan vor allem aus Coverversionen von Klassikern. Julian möchte sie kontinuierlich erweitern und hat auch schon erste eigene Songs veröffentlicht. Dass durch die Videos auf Tik Tok jetzt theoretisch jeder herausfinden kann, wo er wohnt, beschäftigt ihn eher weniger: „Ich habe mir darüber ehrlich gesagt gar nicht so richtig Gedanken gemacht, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass es so gut ankommt. Jetzt kann ich es nicht mehr ändern, ein bisschen komisch ist es natürlich. Aber die letzten Male war es eben einfach auch sehr schön“, sagt er.

Nach drei Songs legt Julian eine kleine Pause ein, woraufhin eine ältere Dame ruft: „Junger Mann, können wir noch mehr hören?“ Freunde und Freundinnen kommen dazu und winken dem Sänger. Wer an Julians Fenster vorbeikommt, wird zumindest kurz langsamer oder gesellt sich für ein paar Minuten zu der Gruppe. Als dann Tommi plötzlich Heimweh hat, singt auch das Publikum leise mit. Ein vorbeikommendes Pärchen nimmt sich in den Arm und schunkelt zum Lied von AnnenMayKantereit. Nach dem fünften Song und einer bejubelten Zugabe kommt der Künstler aus der Haustür spaziert, stößt mit dem Publikum an und wirkt gelöst. Einer der Zuhörer kommt auf ihn zu: „Ich wohne um die Ecke und hab dich gehört. Das war so toll und mutig, danke!“ Auf die Frage, wie lange Julian noch aus seinem Fenster singen möchte, antwortet er: „Am liebsten so lange, wie es geht und wie es funktioniert. Wenn es doch jemanden nervt, dann soll es so sein und ich werde mir eine Alternative überlegen!“

Das nächste Clap2Sing findet heute, am Freitag, den 29. August, um 19 Uhr statt.