Kölner Sexualtherapeutin verrätDarum beeinflusst die Gesellschaft unser Sexualleben

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Symbolbild

  • Ulrika Vogt ist Sexualtherapeutin in Köln.
  • In ihrer Praxis haben Frauen oft ein „Leidensthema“ und auch bei Männern ist nicht alles gut. Mit den Jahren schwindet die Manneskraft – kann ein Hüfttraining dagegen helfen?
  • Vogt über die Geheimnisse der Sinnlichkeit und wie die Gesellschaft unser Sexualverhalten prägt.

Köln – „Oh!“, sage ich unbeabsichtigt, als mir meine heutige Gesprächspartnerin die Frage nach ihrer Berufstätigkeit beantwortet. „Wenn Sie Fremden Ihre Visitenkarte überreichen, erleben Sie bestimmt spannenden Reaktionen – sicherlich andere als ein Finanzberater“, mutmaße ich. „Ich weiß nicht mal, ob das da drauf steht“, sagt Ulrika Vogt und greift in ihre Handtasche. „Tatsächlich“, bemerkt sie und reicht mir ihre Karte. „Sexualberatung und Sexualtherapie“, lese ich.

Die Reaktionen seien bei Frauen und Männern unterschiedlich. Frauen reagierten oft überrascht oder mit Sätzen wie: „Das könnt’ ich auch mal gebrauchen“, oder „Da hätt’ ich auch ein Thema“. „Aber dann ist schon Ruhe.“ Bei Männern erlebe sie Neugierde und auch ein bisschen Respekt.

Ein trauriges Kapitel

Respekt? – „Ja, die gehen davon aus, man wüsste alles, hätte selber den perfekten Sex und analysiert nun den anderen.“ Nun lache ich, noch nicht ahnend, dass wir uns gerade einem eher traurigen Kapitel nähern.

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Ich begegne Ulrika Vogt am Rathenauplatz. Das Feynsinn sei das erste Café gewesen, das sie besucht habe, nachdem sie nach Köln kam, erzählt die 51-Jährige, die aus Ravensburg stammt. „Wie muss ich mir Ihre Tätigkeit vorstellen?“, frage ich und höre Robert Lembke aus mir sprechen. Vogt erklärt, dass es in ihrer Praxis überwiegend um Frauen gehe, um deren Körper und Gefühl. Mindestens zehn Prozent hätten ein „Leidensthema“. – „Unabhängig vom Alter?“ – Mein Gegenüber nickt. „Wir sind so im Kopf.

Wir bewohnen das nicht“, sagt sie und deutet mit einer waagerecht vor den Hals gehaltenen Hand eine Trennung zum restlichen Körper an. „Dabei können wir uns nicht glücklich denken, wir können uns nur glücklich fühlen.“ Lust, Erregung, Genuss, Sinnlichkeit– all das habe mit Gefühl zu tun.

Porno per Knopfdruck ins Wohnzimmer holen

Mich interessiert, ob in unserer sexualisierten und aufgeklärten Gesellschaft die vermeintlich schönste Sache der Welt zum Problem geworden ist. Dadurch, dass sich heute jeder per Knopfdruck den Porno ins Wohnzimmer holen könne, werde ein Bild vermittelt, das mit wahrer Sexualität nichts zu tun habe. Ihre Aufgabe sei es, „die Frauen zu sich zu bringen – unabhängig davon, was andere sagen“.

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Vogt spricht darüber, wie stark die gesellschaftliche Atmosphäre auf uns wirkt und damit auch unser Sexualverhalten prägt. Aufklärung fände noch immer auf eine mehr oder weniger funktionale Art statt. Dass Sexualität „eine Lebensenergie, eine Kraftquelle, ein Lebenselixier sei“, bleibe unerwähnt.

Selbstbefriedigung wird liberaler diskutiert

Immerhin gelange das Tabu-Thema Selbstbefriedigung mehr und mehr in die Öffentlichkeit und verliere – besonders, wenn es Frauen betreffe – den Stempel „verwerflich“. Auffallend sei, dass oft junge Paare, die ansonsten gleichberechtigt agierten, es in diesem Bereich nicht seien. Vogt berichtet, dass sie Vorträge über weibliche Sexualität hält und regelmäßige Gesprächsabende unter dem Motto: „Let's talk about Sex“ anbiete.

Was sie ärgert, ist die in ihren Augen meist fehlende Bereitschaft von Frauen- und Männerärzten, über Probleme zu sprechen. „Zum Beispiel?“ – Sie habe bereits mehrere Versuche unternommen, in Kooperation mit Gynäkologen über das ihrer Erfahrung nach vermeidbare Problem „Schmerzen bei Sex“ zu informieren. „Da war wenig Interesse.“ Und auch darüber, dass Männer ihre im Laufe der Jahre schwindende Manneskraft nicht nur mit Hilfe der pharmazeutischen Industrie, sondern sogar noch erfolgreicher mit gezieltem Hüftbewegungstraining nach sexualtherapeutischer Anleitung zurückgewinnen könnten, werde kaum gesprochen oder informiert. Unser Gang, unsere Bewegungen, unsere Körperhaltung, all das habe Einfluss. „Wir müssen nur die Tabuthemen lüften. Denn dass die Leichtigkeit verloren geht, ist in vielen Fällen unnötig.“

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