Hozier hält sich nicht an sein Erfolgsrezept und ist deswegen kein Popstar, künstlerisch aber umso interessanter.
Konzert im Kölner CarlswerkHozier hat keine Lust mehr auf sein eigenes Erfolgsrezept

12.07.2023, Köln: Konzert des Musikers Hozier im Carlswerk. Foto: Michael Bause
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Es ist fast halb elf, als er das erste Mal über die Bühne tanzt. „Take me to Church“, der erste und größte Hit von Hozier, wird zum späten Höhepunkt des Konzerts im Mülheimer Carlswerk Victoria. Der junge Mann schlägt auf seine Brust, zeigt mit dem Finger in Richtung Publikum und weiß, dass er es allerspätestens jetzt gewonnen hat. Aber von vorne.
Der Ire Andrew Hozier-Byrne, inzwischen 33 Jahre alt, hat sich seit seinem Megahit künstlerisch weiterentwickelt und will das auch gesehen wissen. Mit seinem jüngst veröffentlichten Lied „Eat your Young“ führt er dem Kölner Publikum zum Start seine Kopfstimme vor. Dann folgen zwei ältere Lieder. Sein erstes Album, fast zehn Jahre alt und benannt nach dem Künstler selbst, lebt von eingängigen und mittelkomplexen Refrains wie in „Someone New“, in dem er radiotauglich berichtet, wie er sich jeden Tag neu verliebt, und von akustischen Balladen wie „Cherry Wine“, die auf die Tränendrüse drücken. Und, natürlich, von dem erstaunlich wirkungsvollen Megahit „Take me to Church“.
Konzert im Kölner Carlswerk: Hozier ist kein Popstar
Teile davon präsentiert er auch in Köln am Mittwoch, das Publikum ist textsicher. 2019 folgte das zweite Album, auf dem sich Hozier auf die Suche nach Zwischentönen begibt. Es ist gespickt mit Songs wie der titelgebenden und komplexen Ballade „Wasteland Baby“, die wunderbar klingt, sich auf viereinhalb Minuten aber jeder Pointe verweigert. An die Verkäufe seines Erstwerks kommt die zweite Platte längst nicht heran. Der fast zwei Meter große Mann hat in seinem Auftreten immer noch so etwas wie einen jugendlichen Restbestand, hochgekrempeltes und aufgeknöpftes Hemd, strohige Zopffrisur. Das Erste, wozu er sein Publikum nach drei Songs auffordert, ist ein Applaus für die Vorband Victoria Canal. Dann will er, dass es besser singt als Berlin. Als er sagt, Köln sei „a million times better“: Wildes Gekreische. Als jemand offenbar hitzebedingt schwächelt, unterbricht er die Show und lässt der Person eine Flasche Wasser reichen.
Zehn Jahre nach dem Megahit, in dem er seine eigene Erfolgsformel ja längst gefunden hat, läuft Hozier dieser nicht einfach hinterher. Sein drittes Album, das im August erscheint, fällt wieder wenig pompös aus, es gelingt ihm darauf sehr unverkrampft und mit einer neuen Leichtigkeit, seine grundverzweifelten Motive auszubreiten – für einen Popstar, so kann man Hozier nicht nennen, ist das alles wohl zu akademisch. Da ist zum Beispiel Francesca, ein Song über die Adelige Francesca da Rimini, die im 13. Jahrhundert von ihrem Ehemann umgebracht wurde, nachdem sie ihn mit dessen Stiefbruder betrogen hatte: „I would do it again“, hallt es durch das Carlswerk. Das Publikum mag auch das, obwohl Hozier am Mikrofon klebt, als wäre er im Studio. Sein neunköpfiges Instrumentalensemble steuert genug Bühnenpräsenz bei.
Es macht durchaus Freude, dem Iren dabei zuzuschauen, wie er neuen künstlerischen Ambitionen nachgeht. Die leistet er sich auf der Bühne wahrscheinlich auch, weil er weiß, dass er am Ende sowieso alle überzeugt. Die ersten paar Zeilen von „Take me to Church“ lässt er das Publikum singen, dann ist er, wie wohl seit zehn Jahren, wieder selbst ergriffen von seinem noch immer besten Song. Danach: Lichtgewitter, Endorphine, zwei Songs Zugabe. Drei hätten es auch sein dürfen, denkt man sich.
