Köln – Herr Schmitz, nach dem Szeneclub Papierfabrik droht nun dem Odonien die Schließung. Gibt es in Köln überhaupt noch Raum für alternative Jugendkultur?
Roland Schmitz: Es wird definitiv enger. Das ist aber ein grundsätzliches Problem, das es nicht nur in Köln, sondern auch in Berlin, Hamburg und anderen Großstädten gibt. Es herrscht eine Sicherheits-Hysterie, die nach der Loveparade ausgebrochen ist. Kommunen und Städte wollen das Risiko durch Reglementierungen und Verbote eindämmen. Das ist einerseits berechtigt, aber je geregelter etwas wird, umso langweiliger wird es auch. Innerhalb der Stadt werden deshalb keine Spielräume mehr ausgenutzt. Ein gewisses Maß an Sicherheit ist unabdingbar für Orte, an denen mehrere hundert Menschen zusammenkommen. Aber es muss Luft für Kreativität und Nischen bleiben.
Roland Schmitz, 40 Jahre alt, gründete mit seinen ehemaligen Partnern Boris Witschke und Marco Zimmermann die Papierfabrik. Außerdem war er zeitweise im Odonien und nach der Schließung der Papierfabrik im Schrebergarten bis September 2011 aktiv. Heute ist er als unabhängiger Kulturproduzent und als Vorstandsmitglied in der „Klubkomm“ tätig, einem Verbund Kölner Clubs und Veranstalter. (egu)
Haben es alternative Clubs also generell schwer in Köln?
Schmitz: Alles, was ein wenig unorthodoxer ist, ist für die Stadt schwieriger zu handhaben. Orte wie das Odonien oder damals die Papierfabrik entstehen ja nicht am Reißbrett, wo alles bis ins Detail geplant wird und überschaubar ist. Das sind besondere Clubs, die aus einer Unordnung heraus entstehen und wo der Gedanke an kreatives Schaffen im Vordergrund steht. Das gehört aber nun mal zum Selbstverständnis der Szene. Der Ursprung liegt in den 80er und 90er Jahren, besonders im Berlin nach dem Mauerfall, wo es sehr viele illegale Bars und Clubs gab – quasi eine Politik des Laissez-faire. Da hatten viele Leute die Möglichkeit zu experimentieren. Ich kann aber nicht experimentieren, wenn ich erst mal eine Viertelmillion ausgeben muss, um einen Veranstaltungsort zu entwickeln. Im Schrebergarten zum Beispiel ging es lange Zeit gut, bis irgendwann das Ordnungsamt vor der Tür stand.
Früher oder später kommt es wegen der Auflagen zu Schwierigkeiten mit der Stadt. Das müssten die Betreiber von Anfang an wissen.
Schmitz: Man muss beide Seiten sehen. Wenn man so hohe Besucherzahlen hat, ist ein Mindeststandard an Sicherheitsvorkehrungen wichtig. Man muss aber auch pragmatische Lösungen finden und sich mit dem Betreiber einigen. Würde man jeden Club schließen oder stark einschränken, würde das langfristig zu einer Verarmung der Kölner Clubkultur führen. Diese Clubs entstehen nun mal in Freiräumen. Da muss man in einen Dialog miteinander treten. In Köln fehlt ein Klima des Förderns. Wir brauchen eine grundsätzliche Einstellung der Stadt, die sagt: Ja, wir wollen eine alternative Clubszene in Köln erhalten. Wenn das formuliert würde, wäre das für die Zusammenarbeit zwischen Betreiber und Stadt sehr hilfreich. Generell ist es keine Lösung, die Clubs dicht zu machen oder stark zu beschneiden. Da hat sich dann schon längst eine lebendige Szene drum gebildet.
Was wäre die Alternative?
Schmitz: Man muss sich an einen Tisch setzen und Konzepte zum Erhalt ausarbeiten. Die Stadt verbietet Partys nach 22 Uhr, wegen des Lärmschutzes. Da müsste man Ausnahmen schaffen. Was das Odonien angeht, hat sich beispielsweise über Jahre ein Anwohner ständig beschwert. Wenn nicht in der Hornstraße, wo soll man sonst länger feiern können ohne die Nachbarschaft zu stören? Gerade an Wochenenden im Sommer ist in einer Stadt wie Köln das Bedürfnis nach Freiluftveranstaltungen groß. Regelungen sollten sich da anpassen. Man könnte zum Beispiel das Problem am Brüsseler Platz lösen, indem man gerade Orte wie Odonien oder andere freie Räume nutzt und fördert. Im Grüngürtel wäre noch genug Platz. Da könnte man saisonale Biergärten organisieren. Doch dafür muss die Stadt ein Signal der Bereitschaft an die Szene senden.
Warum sind die alternativen Clubs wichtig?
Schmitz: Zum einen wird der Standort attraktiver. Die Papierfabrik hatte zum Beispiel eine Strahlkraft nach außen, so dass Menschen aus anderen Städten und sogar aus dem Ausland kamen. Die soziale Funktion ist natürlich sehr stark. Man bietet dadurch jungen Menschen, gerade Studenten, die auch neu nach Köln gezogen sind, einen Treffpunkt, der nicht im kommerziellen Massengeschmack angesiedelt ist. Und Subkultur bedeutet auch immer Gegenkultur, und die wiederum ist geprägt von der Kunstszene. In diesen alternativen Clubs gibt es keinen ökonomischen Zwang, weil diese Orte eher spontan entstehen und nicht viel Geld investiert werden muss. Da kann man kreative Experimente wagen. Das lockt, wie im Odonien, Künstler an, die sich austoben können. Das ist, glaube ich, der Hauptunterschied zwischen gängigen Clubs und den alternativen.
Wohin entwickelt sich die alternative Jugend-Szene seit den Schließungen verschiedener Clubs dieser Art?
Schmitz: Es geht natürlich zurück. Zum einen kommen nicht mehr so viele junge Menschen nach Köln. Es ist wichtig, dass eine Stadt viele Facetten hat und verschiedenen Stilrichtungen Raum gibt. Junge Menschen, die nicht in der Innenstadt feiern wollen, haben jetzt weniger Auswahl. Ich werde auf der Straße oft darauf angesprochen. Es kommen junge Leute zu mir und sagen, dass es etwas Vergleichbares wie die Papierfabrik nicht gibt – die trauern tatsächlich noch hinterher. Ich habe auch das Gefühl, dass die Toleranzgrenzen auf beiden Seiten damals höher waren.
Haben Sie bereits neue Projekte?
Schmitz: Ich organisiere momentan zweimal im Monat Veranstaltungen im Jugendpark. Seit einem halben Jahr suche ich intensiv nach neuen Räumen, dann soll es auch wieder mehr Richtung Club gehen.
Das Gespräch führte Esra Gürsel
