Köln – Betty wird plötzlich unruhig, tänzelt im Wohnzimmer umher, knurrt und fiept. Katrin Immke weiß sofort, was das bedeutet: Ihr chinesischer Faltenhund schlägt Alarm, weil ihre diabeteskranke Tochter Tita unterzuckert ist.
Das Mädchen läuft in ihr Zimmer, holt das Blutzucker-Messgerät – der Apparat zeigt „129, Tendenz fallend“ an. 129 ist an sich kein schlechter Wert, Tendenz fallend verheißt aber Probleme. Keine allerdings, die Tita nicht mit einem Glas zuckerhaltigem Sirup lösen kann.
Tita ist neun, ein fröhliches Kind, dessen Zimmer in Michaelshoven fast vollkommen in rosa eingerichtet ist. An der Tür prangen „Hello Kitty“-Aufkleber und in den Regalen knubbeln sich Plüschtiere mit riesigen Augen. Seit 2013 hat das Mädchen Diabetes. Typ I, eine Variante, die schlecht in den Griff zu bekommen ist. Während ein durchschnittlicher Blutzuckerwert bei etwa 100 liegt, schießt er bei Tita mal auf 380 hoch, mal fällt er auf 50. Sinkt er unter 30, besteht Lebensgefahr für das Mädchen. Zuckerschock, Ohnmacht und bleibende Hirnschäden können die Folge sein.
Zig Kontrollen am Tag
Am linken Arm trägt Tita darum ein Patch-Pad, ein kleines rosa Kästchen, das gleichmäßig Insulin in den Körper des Mädchens pumpt und mit einer Fernbedienung gesteuert werden kann. Das Insulin ist notwendig, weil es die Bauchspeicheldrüse des Mädchens nicht mehr selbst produziert. Mit dem Hormon ist es eine vertrackte Sache: Die Blutzucker-werte der Betroffenen verändern sich stündlich. Essen spielt dabei eine Rolle, aber auch Stress, Freude, körperliche Anstrengungen. Schlicht alles, was Hormone ausschüttet, die den Insulinspiegel beeinflussen.
Damit es nicht so weit kommt, müssen die Eltern den Blutzucker-Spiegel möglichst rund um die Uhr im Auge behalten. Acht- bis zwölfmal pro Tag kontrolliert Katrin Immke die Werte. Sind sie zu niedrig, muss Tita Dextrose, also Zucker, zu sich nehmen. Liegt er zu hoch, muss die Insulinpumpe höher gestellt werden. Dazu gehört ein bisschen Rechenkunst: Jedes Lebensmittel muss in Kohlehydrate und schließlich in Insulineinheiten umgerechnet werden.
Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Wie Betty das Leben der Kölner Familie verändert hat.
30.000 Kinder mit Diabetes gibt es bundesweit, schätzt die Deutsche Diabetes-Hilfe. Damit sie eine hohe Lebensqualität haben, müssen sich Eltern, Babysitter und Lehrer mit der Krankheit auseinandersetzen. Wissen, wie man die Insulin-Pumpe bedient. Ahnen, wann es dem Kind schlecht geht. Für den Notfall liegt in Titas Schlafzimmer und im Klassenzimmer eine Notfallspritze.
Am schlimmsten sind aber die Nächte. Wenn Tita abends mit einem guten Blutzuckerwert ins Bett geht, können sich die Eltern nicht darauf verlassen, dass das so bleibt. „Ich bin früher nachts um drei aufgestanden und habe nachgemessen“, sagt Immke. Nach vier Monaten sei sie wegen des Schlafentzuges völlig fertig gewesen.
Dann kam Betty. Der Hund, den Mutter und Tochter bei einem Züchter in der Nähe von Augsburg gesehen und in den sie sich sofort verliebt hatten. Als sie mit Tita nach Bayern fuhren, trottete der Welpe sofort zum Kind. „Das war ein Gänsehaut-Moment“, erinnert sich Immke. „Die beiden waren füreinander geschaffen.“ Betty, das war auch das Ende einer langen Suche. Denn zuvor hatten die Immkes monatelang Fachmagazine studiert, im Internet gestöbert, Züchter in ganz Deutschland kontaktiert. Manche verlangten 30.000 Euro für einen Diabetiker-Warnhund.
Nächtliche Rettung
Mit Hilfe der Hundetrainerin Solveig Burauen aus Höhenhaus bildet Immke das Tier selbst aus. Betty erkennt anhand des Geruchs eine Unterzuckerung, kann einen Notfallbeutel apportieren und nachts sogar einen Notfall-Gong auslösen. Vor drei Wochen hat der Hund mitten in der Nacht eine Unterzuckerung des Mädchens erkannt.
In wenigen Monaten will Immke mit Betty die Assistenzhundeprüfung machen. Dann hat das Tier das offizielle Siegel zum Diabetiker-Warnhund. Zum Leben von Tita gehört der Hund ohnehin längst dazu. Die 14 Monate alte Betty schläft nachts in Titas Bett, begleitet das Mädchen in der Freizeit und war sogar mit auf Klassenfahrt.
Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Welche bürokratischen Hürden der Familie im Weg stehen.
Keine Befreiung von der Hundesteuer
Auch wenn Familie Immke gute Erfahrungen mit dem Diabetiker-Warnhund macht, muss sie bürokratische Hürden überwinden. Während es Blindenhunde auf Rezept gibt, zahlen die Krankenkassen keinen Cent für Diabetiker-Warnhunde. Auch die Stadt ist bisher nicht bereit, die Familie von der Hundesteuer zu befreien. Es sei keinesfalls erwiesen, dass die Hunde effektiv arbeiteten, sagte eine Ärztin des Kölner Gesundheitsamtes im Beschwerdeausschuss. Dort hatte eine Kölnerin, die nicht mit Namen genannt werden möchte, gefordert, von der Steuer befreit zu werden. Das Tier habe ihr bereits mehrmals das Leben gerettet. „Ohne den Hund wäre ich tot“, sagte die Frau.
Kein Grund, das Tier von der Steuer auszunehmen, findet Jürgen Schlauchen vom Kassen- und Steueramt. Wer von der Hundesteuer befreit werden will, müsse zu 100 Prozent behindert sein und nachweisen, dass das Tier zum Leben unabdinglich ist. Diabetiker erhielten aber nur eine Einstufung von 50 Prozent Behinderung. Die Regeln seien eigens so eng gefasst worden, um nur wenige Hunde auszunehmen. Von 33.900 gemeldeten Tieren seien nur 25 von der Steuer befreit.
Die enge Auslegung sorgte im Ausschuss für Nachdenken: Politiker von CDU, Grünen, SPD und Linken forderten, die Kriterien zu überarbeiten. Familie Immke freut das. Zwar ist die Hundesteuer mit etwa 150 Euro keine große finanzielle Last für die Familie, die ein Unternehmen für Beleuchtungstechnik führt. „Es ist aber eine Frage der Anerkennung“, sagt Katrin Immke.
