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Eingemeindungen in KölnEine Kritik, die nie verstummte

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Das alte Rathaus der Gemeinde Lövenich beherbergt heute hochwertige Wohnungen.

Lövenich/Widdersdorf – Die Abnutzungsspuren sind nicht zu übersehen: Den Eingemeindungsvertrag zwischen der Gemeinde Lövenich und der Stadt Köln hat Helga Schlapka Hunderte Male in die Hand genommen. Das Werk war für sie nämlich stets eine wichtige Quelle, wenn es darum ging, den Forderungen und Ansprüchen der Stadtteile Weiden, Junkersdorf und Lövenich Nachdruck zu verleihen. Die mit Marker hervorgehobenen Passagen haben längst nicht mehr ihre ursprünglich grelle Farbe. Dafür sind die mit Kugelschreiber vorgenommenen Unterstreichungen und Notizen an den Rändern noch gut zu erkennen. Als die Gemeinde Lövenich Teil der Stadt Köln wurde, war Schlapka als sachkundige Einwohnerin Mitglied des Gemeinderats.

Als Mitbegründerin der evangelischen Jugendeinrichtung Magadha war sie Schritt für Schritt zur Politik gekommen. Obwohl ihr damals klar war, dass mit der Zugehörigkeit zur Großstadt die Zeit der kurzen Wege ins Rathaus vorbei war, war sie privat ganz froh, sich wieder als Kölnerin bezeichnen zu dürfen. Anfang der 1960er Jahre war die junge Familie aus Klettenberg nach Weiden gezogen.

Zielsetzung des Vertrags

Die Öffnung des alten Weidener Rathauses für die Bevölkerung und der Bau einer Straßenbahn nach Lövenich waren Schwerpunkte ihrer politischen Arbeit, die Helga Schlapka auch im Kölner Stadtrat fortsetzte. Und das waren eben auch Zielsetzungen des Eingemeindungsvertrags. „Die Akten zur Linie 1 habe ich kürzlich dem Altpapier übergeben. Man kann doch nicht alles aufheben“, sagt Schlapka. Der Wunsch, wieder eine Straßenbahn über die Aachener Straße fahren zu sehen, wurde von vielen Menschen in den westlichen Stadtteilen unterstützt. Er war sogar eine der Zielsetzungen, die 1979 zur Gründung der Bürger-Interessengemeinschaft Junkersdorf (Big) führten. Die Big will bis heute die Auswirkungen der Eingemeindung kritisch begleiten und möglichst verträglich für den Stadtteil beeinflussen. „Es ging uns immer um den Charakter des Orts. Der hatte eine gute Infrastruktur mit vielen Geschäften und sehr viel Grün in den Straßen“, sagt Mitbegründer Günter Fritsche. Das zu erhalten, sei sogar im Eingemeindungsvertrag vermerkt. Schon früh habe die Big vor möglichen Verkehrsproblemen gewarnt und die Anregung gegeben, wieder eine Straßenbahnverbindung bis nach Weiden zu schaffen, so Fritsche. Bis zum Jahr 1956 fuhr eine „Elektrische“ bis nach Weiden, die dann durch eine Buslinie ersetzt wurde. Erst seit 2002 fährt wieder eine Straßenbahn – die Linie 1 der KVB - bis nach Weiden.

Die drei Lövenicher Helmut Höschler, Wolfgang Nebel und Dieter Pfeiffer sind sich einig: „Damals war es besser.“ Sie sind aktiv in der Karnevalsgesellschaft Lövenicher Neustädter und haben die Zeiten, als es noch die Gemeinde Lövenich gab, in bester Erinnerung. „Wenn der Personalausweis abgelaufen war, ging das im Weidener Rathaus Ruckzuck mit der Verlängerung“, erinnert sich Helmut Höschler. Baugenehmigungen seien ebenfalls wesentlich rascher bearbeitet worden. Er und viele andere im Stadtteil trauern dem alten Rathaus nach, das sich in Weiden an der Arndtstraße befand. Es gehört heute zu einer Wohnanlage. „Man hätte es so gut als Vereinshaus nutzen können“, sagt Wolfgang Nebel. Das war der ursprüngliche Vorschlag der Initiative für die Umnutzung des Gebäudes: Vereinsleben, Stadtteilkultur und die Polizeiwache sollten unter ein Dach. Bis heute würden die Vereine in den Stadtteilen am westlichen Stadtrand eher stiefmütterlich behandelt, findet Dieter Pfeiffer.

Ernüchterung

Wolfgang Nebel nennt weitere Enttäuschungen, die die Kölner Neubürger am westlichen Stadtrand zu verkraften hatten: „Köln war doch immer schon klamm“, sagt Wolfgang Nebel. Der Gemeinde Lövenich ging es dagegen in den 1970er Jahren finanziell keineswegs schlecht. Die Lövenicher hatten kurz vor der Eingemeindung nach Köln mit dem Bau eines eigenen Schul- und Sportzentrums samt Hallenbad begonnen. Manche werten es rückblickend als Versuch, sich dadurch als Gemeinde stärker gegenüber der benachbarten Großstadt zu positionieren. „Der Weiterbau stockte dann erst einmal, als die Eingemeindung vollzogen war“, so Wolfgang Nebel. Auch in Junkersdorf, einem weiteren ehemaligen Lövenicher Ortsteil, stellte sich bald nach der Eingemeindung Ernüchterung ein. „Man hat uns versprochen, dass auf dem früheren Klostergelände an der Aachener Straße ein neues Bezirksrathaus gebaut würde“, erinnert sich Günter Fritsche von der Big. Es kam anders: Die Sparkasse Köln-Bonn und RTL bauten auf dem Grundstück. Das aber ist auch schon wieder Geschichte, denn es entsteht zurzeit auf dem Areal eine Wohnsiedlung. Das Bezirksrathaus wurde in Lindenthal errichtet. Mehr Vorbehalte als Vorfreude, Bürger einer Millionenstadt zu werden, gab es auch in Widdersdorf. Joseph Winkelheide gehörte zu denen, die die Eingemeindung nach Köln skeptisch sahen. Als 1974 im Kölner Gürzenich in großer Runde über die Gebietsreformen und die Pläne des sogenannten Köln-Gesetzes debattiert wurde, trat er als stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Brauweiler an die Mikrofone. „Ich habe damals gesagt, dass wir sehr viel Negatives erwarten“, erzählt der heute 85-jährige ehemalige CDU-Politiker. Er habe die Gefühle der Menschen aus seinem Wohnort zum Ausdruck bringen wollen. Seit 1969 vertrat er im Gemeinderat von Brauweiler die damals 3000 Einwohner des dörflich geprägten Widdersdorf zwischen Pulheim und Lövenich. In Köln wurde er Ratsmitglied und Bezirksvertreter

„Wir hatten Angst, als kleines Dorf im Moloch der großen Stadt völlig unterzugehen“, erinnert sich Winkelheide. Wie zur Bestätigung klagte ihm rund ein Jahr nach der Eingemeindung nach Köln ein Bürger, dass man ihn bei der Kölner Stadtverwaltung noch fälschlicherweise an die schon nicht mehr existente „Gemeinde Brauweiler“ verwiesen habe, als er telefonisch ein Problem mit einem Abwasserkanal melden wollte. „Sagen Sie bei der Stadt Köln mal Bescheid, dass wir jetzt auch dazu gehören“, forderte der Bürger.