Kalk – Der Rollstuhlfahrer hält genau auf Franz Meurer zu. „Entschuldigung“, fragt er, „sind Sie nicht der Pfarrer, den ich neulich im Fernsehen gesehen habe?“ „Kann sein“, antwortet Meurer. Vielleicht ja bei Maybrit Illner oder Markus Lanz, an der Ostheimer Straße unterhält er sich jedenfalls mit dem Fremden. „Kommen Sie doch mal zu uns in die Kirche“, sagt er, „sonntags um 11 Uhr fängt bei uns der Gottesdienst in Sankt Theodor an der Burgstraße an. Hinterher zeige ich Ihnen unseren Keller – mit der Kleiderkammer, der Essensausgabe, allem.“ Er werde mal vorbeikommen, verspricht der Passant.
Meurer ist unterwegs in Vingst. Seit 21 Jahren setzt er sich ein für den Stadtteil, ist er Pfarrer der katholischen Gemeinden Sankt Elisabeth in Höhenberg und Sankt Theodor in Vingst. Oder besser: von HöVi, wie Meurer die Veedel zusammenfasst. Hier leben 25 090 Menschen, 7990 von ihnen sind katholisch; 13 953 Anwohner, also mehr als die Hälfte, haben einen Migrationshintergrund.
Mehmet Kökboyun ist einer der Zuwanderer, der Chef des Kiosks Monchichi 2 an der Burgstraße. „Er ist ein Vorbild für unser Viertel“, sagt Pfarrer Meurer zur Vorstellung. „Gucken Sie mal, was er für ein Blumenbeet angelegt hat.“ Blauer Lavendel blüht im kreisförmigen Hochbeet, dazu rosafarbene Stockrosen und gelbe Dahlien. „Jetzt kommen auch endlich Vögel her“, freut sich Kökboyun. Um das zu erreichen, hatte er zehn Vogelhäuschen ins Beet gehängt.
Rote Geranien für Hövi-Land
Überhaupt die Blumen in HöVi-Land – mehr als 1000 Beete haben die Bewohner angelegt. Um viele Pflanzen kümmern sich Paten wie Kökboyun, für den Rest ist ein siebenköpfiges Team aus Freiwilligen im Einsatz. „Gut 1200 Liter Wasser werden wir heute vergießen“, kündigt Hans-Peter Zimmermann an, „mähen müssen wir auch.“ Es soll ansprechend aussehen in Höhenberg und Vingst. „Wo es arm ist, darf es nicht ärmlich aussehen“, sagt Meurer. Und so blühen überall in HöVi rote Geranien und gelbe Tagetes.
„Ohne unsere Freiwilligen“, weiß Meurer, „könnten wir das gar nicht leisten.“ Aber in HöVi helfen Katholiken genauso mit wie Protestanten oder Muslime. „Ökumene ist doppelt so gut und halb so teuer“, sagt Meurer und hält an der Ostheimer Straße, um die Ökumene rasch ein wenig zu pflegen: Er spricht mit Ari Adem, dem Vorsitzenden der türkischen Gemeinde von Vingst. Der Ramadan ist ihr Thema. „Eigentlich“, meint Meurer, „müsste ich das mal mitmachen. Aber ich bin schon über 60, da geht das nicht mehr, oder?“ „Oh, doch“, findet Adem, „wer so fit ist wie Sie, kann ruhig fasten.“
Fit wirkt er wirklich. Meurers Statur ist drahtig, sein Schritt schnell. Zweimal die Woche besucht er das Kombibad Höhenberg an der Schwarzburger Straße. „Um halb sieben bin ich da“, erzählt er, „ich schwimme eine halbe Stunde, dann haben die so einen Sprudel, der einem den Rücken massiert. Damit mache ich eine Pause, schwimme noch eine Runde, sprudele noch mal. Danach biste fit.“
Alles andere als fit sind die Menschen, für die er sonntagmorgens Sträuße bei Hannelore Röhr im Blumengeschäft Flink an der Fuldaer Straße kauft. „Dann mache ich meine Krankenbesuche“, berichtet Meurer. „Was haben Sie denn heute da?“ „Schöne bunte Sträuße“, antwortet Röhr, „genauso, wie Sie es mögen – mit Sonnenblumen.“ „Ah, Sonnenblumen“, frohlockt Meurer, „das sind mir die liebsten. Die drehen sich mit ihren Köpfen immer zur Sonne hin, zum Positiven. So muss man es machen im Leben.“
Chancengleichheit für alle
Es zu machen wie die Sonnenblumen, versucht er selbst. Als er zum Beispiel vor ein paar Jahren daheim im Pfarrhaus an der Höhenberger Straße überfallen wurde, verunsicherte ihn das nur kurz. „Wer ist schon so blöd und macht spätabends die Tür auf, ohne zu gucken, wer da steht? Ich habe daraus gelernt und schaue jetzt immer, bevor ich öffne“, sagt er.
Vor allem das Leben von Kindern versucht er, zur Sonnenseite zu wenden. Besonders beim Thema Bildung: „Bei uns werden viele Kinder nicht mehr von ihren Eltern an Bücher herangeführt. Dabei ist das so wichtig.“ Darum hat er sich eingesetzt für die Bibliothek der Stiftung Lesen in der Katholischen Grundschule an der Heßhofstraße. Meurer schaut sie sich noch einmal an, unterhält sich dabei mit Lewis (9), Leonardo (8), Analena (8) und Tiziana (8). „Was ist denn das Beste an der Bibliothek?“, will er wissen. „Die Sofas“, findet Tiziana. „Auf denen kann man gemütlich lesen, oder?“, hakt Meurer nach. Tiziana nickt.
„Soll ich Euch was vorlesen?“ Diesmal nicken alle Kinder. Meurer greift sich ein Abenteuer der Hexe Bibi Blocksberg, erfindet es aber neu. Rektor Manfred Brodeßer kommt darin vor, der Leiter der Schule mit der Bibliothek. „Die Kinder hofften“, denkt sich Meurer aus, „dass Rektor Brodeßer noch lange an der Schule bleiben würde, er konnte so schön Streit schlichten. Aber er sagte: Nein, ich bin 65, ich muss gehen.“ Tatsächlich hatte Meurer die Kinder zuvor aus der Abschiedsfeier für Brodeßer geholt.
Und weil es auch dabei um Kinder geht, weitet Meurer sein HöVi schon mal bis zur Martin-Köllen-Straße im benachbarten Kalk aus. Dort besucht er die Förderschule für lernbehinderte Kinder, die einzige Schule ihrer Art im Stadtbezirk. Mit Schulleiter Jürgen Schick versucht er, den Kindern eine Berufsausbildung zu ermöglichen als Servicehelfer in der Gastronomie oder im Gesundheitswesen, vor allem in Alten- und Pflegeheimen sollen sie eingesetzt werden. „Normalerweise hätten unsere Schüler in der Altenpflege keine Chance“, erklärt Schick. „Die theoretischen Anforderungen sind zu hoch. Die Praxis können sie bedienen, sehr gut sogar. Aber sie können sich nicht die lateinischen Namen von Medikamenten merken.“
Nach Feierabend ein Joghurteis
Die neue Ausbildung soll von kirchlichen Trägern übernommen werden, zwei Schüler haben sie schon eingestellt. „Wir wollen, dass jedes Kind eine Chance hat und am Leben teilhaben kann. Denn Kinder“, betont Meurer, „sind mehr wert als jedes Gold.“
Sein ganz persönliches Gold für den Feierabend hortet der Pfarrer übrigens im Eisfach. „Ich hab so eine Box, da kann ich zwölf Portionen Eis auf Vorrat drin kaufen“, erzählt Meurer. Damit deckt er sich ein bei Russo Calogero im Eiscafé Dolce Crema an der Fuldaer Straße in Höhenberg. Joghurt-Eis muss es sein. „Ich bin ehrenamtlicher Joghurt-Eis-Tester. Überall wo ich bin, probiere ich das“, verrät Meurer.
Und während er die Straße entlang läuft, an der Joghurt-Kugel im Hörnchen schleckt, sieht er eine Bekannte. „Wie geht es Ihnen?“, fragt er sie. Ihre 18-Jährige Tochter sei schwanger, viel zu früh finde sie, entgegnet die Frau. „18 ist jung“, bemerkt Meurer. „Aber wissen Sie was? Das jüngste Mädchen, das wir mal betreut haben, ist mit 13 Mutter geworden. Die hat das auch geschafft. Und denken Sie dran: In der Kleiderkammer haben wir jede Menge Kindersachen, wenn Sie was brauchen, kommen Sie.“ „Das werden wir“, sagt sie, „vielen Dank.“
