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Mit Kreativität den Schmerz verarbeitet

4 min

Gesina Liebe hat sich mit Schuhen auseinandergesetzt – unmittelbare Folge ihrer chronischen Krankheit.

Bayenthal – Besucher, die sich die Ausstellung mit Werken von Gesina Liebe in der Galerie K49 anschauen wollen, sind aufgefordert, zunächst ein paar einleitende Zeilen zu lesen. Darin erklärt die in Bayenthal lebende Künstlerin den Zusammenhang, in dem die Zeichnungen, Objekte und malerischen Collagen entstanden sind, mit denen sie nach achtjähriger Pause ihre Kunst erstmals wieder öffentlich präsentiert. „Solange habe ich gebraucht, um meine chronische Krankheit zumindest künstlerisch zu besiegen,“ erklärt sie.

Diese Zeit bedeutete einen gleichermaßen körperlich wie seelisch schmerzhaften und schwierigen Prozess zu durchleben, in dem sich die leidenschaftliche Steinbildhauerin gleichzeitig von der Arbeit mit dem Stein verabschieden und auf eine veränderte körperliche Verfassung einstellen musste. „Eine chronische Krankheit ist eine Katastrophe,“ erklärt sie. „Ab Januar letzten Jahres konnte ich plötzlich nicht mehr gehen. Die Prognose war düster. Es drohten eine Fußoperation und der Rollstuhl.“

Aus dem Entsetzen, der Trauer, dem Schmerz, der Wut und Panik über diese Situation entstanden die Zeichnungen und Collagen, die in dem kleinen Galerieraum sehr klar strukturiert in mehreren thematischen Blöcken ausgestellt sind. Das sind zum einen mit Bleistift, schwarzer Kreide, Gesichtspuder und Lidschattenfarbe fotorealistisch genaue Zeichnungen von Beinen. Sie hat sie nach einem Foto von ihren eigenen Beinen gezeichnet. Mit der Absicht, bildnerisch nicht nur größte Plastizität zu erreichen, sondern auch jede kleinste Kleinigkeit im Schimmern der Haut erahnbar werden zu lassen. „Ich musste dem Körperumriss Form und Volumen geben,“ sagt sie. Die größte Schwierigkeit bestand für sie darin, zur „Dreidimensionalität in der Zeichnung“ zu kommen. „Der Bildhauer braucht im Zeichnen keine Dreidimensionalität zu suggerieren, weil er sie selbst im Stein schafft. Ich aber wollte mich in diesen Zeichnungen so nah wie möglich an meine bildhauerische Arbeit annähern,“ erklärt sie. Gerade die hohe Konzentration, welche diese Art des Zeichnens erfordert, ermöglicht ihr dabei, „durch die Fokussierung auf die Arbeit, für zwei Stunden dem körperlichen Schmerz zu entkommen, was ansonsten nur mit Schmerzmitteln gelingt“. Dass sie schon in jungen Jahren eine gute Zeichnerin war, half der 71-Jährigen fraglos dabei, die Umstellung von der kurzen, raschen Entwurfsskizze für eine Skulptur zur fein ausgearbeiteten Zeichnung zu gelangen.

Gesina Liebe hat sich mit Schuhen auseinandergesetzt – unmittelbare Folge ihrer chronischen Krankheit.

Nachdem Gesina Liebe vor acht Jahren die Bildhauerei aufgeben musste, hatte es zunächst mehrere Jahre gedauert, bis sie zum Zeichnen fand. Doch dann gelang es ihr glücklicherweise, daraus eine tägliche Tätigkeit zu machen, die für sie inzwischen unverzichtbar zur Schaffung ihres körperlichen und seelischen Gleichgewichts ist. „Die Selbstverständlichkeit, zu dem das tägliche Zeichnen für mich geworden ist, hat es überhaupt nur möglich gemacht, dass ich auf die Erschütterung, Trauer, Wut und Panik, die mich Anfang 2019 überfielen, mit Zeichnen reagieren konnte,“ sagt sie. So brachte sie die Dimension von Verletzung und Versehrtheit in einer Serie von blutroten Spuren zum Ausdruck. Verwendet hat sie eine Farbmischung aus Nagellack, die sie dazu zwang, extrem schnell und schwungvoll die Farbgeste aufs Papier zu ziehen. In einer andere Bildserie zeichnete sie ihre Lieblingsschuhe, die sie nie mehr wird tragen können, in realistischen Detailgenauigkeit. Jedes Paar Schuhe erweckt den Anschein, als würden ihre Füße darin stecken. „Ich habe mir die Frage gestellt: Was ist in einem Menschen los, wenn er etwas Erschütterndes verarbeiten muss,“ umreißt Gesina Liebe ihre bildnerische Herausforderung. Untrennbar damit verbunden ist die Einsicht, dass künstlerisches Arbeiten immer eine Form der Selbstbehandlung ist und eine heilsame Wirkung hat. „Ich wollte die Erfahrung der Erschütterung und des Schmerzes nicht nur aushalten, sondern künstlerisch darauf reagieren,“ sagt sie. So veränderte sich das Erleben ihrer Unruhe, die sie in einer Glas-Objekt-Collage thematisiert, indem sie für diese Visualisierung fand. So zeigt sie die Kraft von Stille und Meditation mit Abdrücken ihres eigenen Körpergewichts in weißem Papier.

Und wie die Schmerz- und Krankheitserfahrung wiederum zu grundlegenden Erkenntnissen in die Struktur des Lebens führen können, führt sie in einer Serie von Netzwerk-Bildern vor Augen. Dazu hat sie Teile der Mullbinden verwendet, mit denen sie das Eis umwickelte, das sie zum Kühlen ihrer Füße braucht. Das Leben selbst wird in diesen kleinen Bildern sichtbar gemacht als ein Netzwerk, dessen fein gewobene Struktur sich verschieben und sogar zerreißen kann. Im Blick auf die Dimension der Verflechtung und Verknüpfung vieler kleinster Elemente zu einer verlässlichen, aber zugleich immer wieder erschütterbaren Struktur, schlägt sie künstlerisch zugleich eine Verbindung zwischen körperlicher und seelischer Erfahrung des Menschen und dem Netzwerk Internet. Für Gesina Liebe steht fest, dass sie sich künstlerisch nicht wiederholen will. „Wenn ich eine Sache gemacht habe, ist es gut. Ich werde also nie mehr einen Schuh zeichnen oder ein Netzwerk-Bild machen,“ erklärt sie. Dabei hat sie die Idee für eine nächste Ausstellung bereits im Kopf. „Das Beste ist doch, wenn eine Idee die nächste gebiert,“ sagt sie. Und dazu passt, wenn sie feststellt: „Man muss im Leben immer wieder über seinen Schatten springen.“

Galerie K49, Goltsteinstraße 49, geöffnet Sa,So 15-18 Uhr, bis 31.3.

In einem Schwung hat Liebe diesen Nagellack-Abdruck geschaffen.

Gesina Liebe