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Wie es wirklich ist, wenn Papa im Krieg ist„Ich wünsche mir, dass Putin stirbt“

Lesezeit 5 Minuten
Der 16-jährige Ukrainer Bogdan sitzt mit nachdenklichem Blick im Klassenzimmer.

Bogdan (16) floh aus dem Kriegsgebiet, während sein Vater zurückblieb.

In der Serie „Wie es wirklich ist“ erzählen Menschen von einem außergewöhnlichen Schritt in ihrem Leben, einem besonderen Hobby, einer Eigenschaft oder einem Beruf.  In dieser Folge berichtet der 16-jährige Bogdan Tereschenko über sein Leben nach der Flucht aus der Ukraine.

Ich habe Papa versprochen, dass wir uns im nächsten Jahr irgendwann sehen werden. Wenn es sicherer wird in Dnipro, werde ich ihn für zwei Wochen besuchen. Im Moment gibt es ruhigere Tage in meiner Heimatstadt und Tage mit vielen Angriffen. Das Schlimme ist, dass die Raketen und Bomben völlig willkürlich irgendwo einschlagen. Einige Häuser in unserer Nachbarschaft wurden getroffen, auch ein Haus neben meiner alten Schule.

Mein Vater ist bei der so genannten Territorialverteidigung der Ukraine angemeldet, fürs Militär eingezogen wurde er noch nicht. Er hat sich freiwillig gemeldet – eigentlich müsste er nicht, weil er fünf Kinder hat. Zuerst gezogen werden die Zivilisten, die keine oder erwachsene Kinder haben. Dass er sich freiwillig gemeldet hat, kann ich sehr gut verstehen – das macht fast jeder Mann in der Ukraine. Es geht um die Freiheit von uns allen!

Wir haben Molotow-Cocktails gebastelt. Ich kann Euch die Rezepte geben!
Bogdan (16), Schüler aus Dnipro

Bevor wir am 9. März mit meiner Mutter und meinen kleinen Schwestern – die Zwillinge sind erst drei – geflüchtet sind, haben wir in Dnipro mit unserem Vater Molotow-Cocktails gebastelt, auch die Omas und Opas haben mitgemacht. Ich kann Euch die Rezepte geben! 

In einem Kindergarten haben wir Essen für die Soldaten gekocht und Tarnnetze hergestellt.  Jeder hat mitgeholfen, Kinder und alte Menschen.

Es gab ständig Fliegeralarm, der Flughafen wurde bombardiert, das Internet ist zusammengebrochen. Es herrschten Angst und Panik. Der Bahnhof in Dnipro war überfüllt von Menschen. Der Zug nach Polen war so voll, dass ich auf den Knien geschlafen habe. Als wir mit der Bahn über einen Fluss gefahren sind, gab es Luftalarm, ganz in der Nähe sind Bomben detoniert. Da hatte ich Angst.

Als wir aufbrachen, hieß es: Wir fahren zur Sicherheit für zwei Wochen nach Polen. In Polen sind wir in einen Bus nach Deutschland gestiegen. In Hannover dann weiter nach Köln. So weit wie möglich weg vom Krieg. Mich hat natürlich niemand gefragt.

„Ich telefoniere täglich mehrmals mit meinem Vater“

Ich telefoniere jeden Tag mit meinem Vater, mehrmals. Auf dem Weg zur Schule, nach der Schule, abends. Mit meinem älteren Bruder, der in Dnipro geblieben ist und sich um die zwei Friseur-Salons und zwei Baustoff-Geschäfte meiner Mutter kümmert, habe ich nur selten Kontakt. Ich habe noch einen fünfjährigen Bruder, der im Moment bei den Großeltern auf der Krim lebt – wir konnten sie nicht mehr rechtzeitig dort abholen.

Zu viel Kontakt in meine Heimat möchte ich nicht. Ich frage immer, ob alle noch leben – wenn sie ja sagen, ist es gut. Über meine Vergangenheit will ich nicht nachdenken.

Ich bin jetzt hier, um ein neues Leben anzufangen. Ich möchte das deutsche Abitur schaffen in drei Jahren und in Deutschland oder woanders in Europa studieren, am liebsten Landschaftsdesign. Ich würde auch gern tätowieren lernen. Vielleicht werde ich Tätowierer, wenn das mit dem Studieren nicht klappt.

In Köln waren wir zuerst in einer Sammelunterkunft in der Boltensternstraße, mit Mama und den Kleinen in einem Zimmer. Gut schlafen konnte ich da nicht. Und Frühstück gab es erst ab 7.30 Uhr – ich musste aber vorher schon zur Schule.

Treffen mit Jugendlichen aus Butscha und Mariupol

Jetzt wohnen wir in St. Augustin in einer Wohnung, aber ich gehe weiter in der Nähe vom Wiener Platz zur Schule. Ich habe da neue Freunde gefunden. Es sind einige Jugendliche aus der Ukraine an der Ferdinand-Lasalle-Schule. Nachmittags treffen wir uns mit Jugendlichen aus Butscha, Irpin, Kiew, Mariupol und Saporischschja, gehen spazieren und reden. Viele von denen haben Freunde und Verwandte verloren.

Ein guter Freund von mir hat in Saporischschja gelebt, sein Haus wurde von einer Bombe zerstört. Er lebt jetzt irgendwo in Europa, so wie alle meine Freunde: Sie sind in Polen, Portugal, Holland oder Deutschland. Wir chatten noch, aber es wird weniger. Wir haben alle ein neues Leben. Und wollen nicht an die Vergangenheit erinnert werden.

Ich bin nicht wütend auf die Russen. Ich fühle nichts. Ich verachte Putin und seine Schergen, das schon. Ich wünsche mir, dass er stirbt. Das tun alle ukrainischen Kinder und Jugendlichen, die ich kenne. Alle wollen, dass er irgendwie stirbt. Wenn Putin tot wäre, würde das sehr vielen Menschen das Leben retten – oder das Leben zurückgeben.

„Köln kann nie meine Heimatstadt werden“

Zum Glück sind meine Tage voll: Nach der Schule treffe ich mich mit Freunden oder gehe zum Kampfsport. Ich habe auch angefangen, Gitarre zu spielen. Vielleicht kann ich irgendwann in einer Band spielen. Für meine Mutter mache ich Behördengänge, gehe in die Apotheke oder vereinbare Arzttermine. Sie hat genug mit den Zwillingen zu tun. Es fällt ihr auch viel schwerer, hier anzukommen, als mir.

Ich habe die Rolle übernommen, die in Dnipro mein älterer Bruder hatte. Vielleicht bin ich auch so etwas wie ein Ersatz für meinen Vater, der im Krieg geblieben ist. St. Augustin ist zu klein für mich – da ist tote Hose. Wenn ich abends nach Hause komme, schlafen da schon alle. In Köln ist – wie in Dnipro – wenigstens was los. Köln hat wie Dnipro einen Fluss, der die Stadt in zwei Hälften teilt. Ich mag Köln, aber es kann nie meine Heimatstadt werden.

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