Die Zahlen des Jahresberichts 2025 des Gewaltschutzzentrums „Der Wendepunkt“ in Köln-Mülheim sprechen eine deutliche Sprache.
„Bleibt ein großes Thema“Häusliche Gewalt in Köln – Beratungsstelle schlägt Alarm

Der „Wendepunkt“ ist ein Frauenberatungs- und Gewaltschutzzentrum in Köln-Mülheim. Angefangen hat vor 25 Jahren alles in Kalk, berichtet Leiterin Marina Walch.
Copyright: Diakonie Michaelshoven
„Die Bedrohung durch häusliche Gewalt in Köln bleibt ein großes, wesentliches Thema, das nicht vernachlässigt werden darf“, sagt Marina Walch, Leiterin des „Wendepunktes“ der Diakonie Michaelshoven, Soziale Hilfen gGmbH. Die Frauenberatungsstelle und das Gewaltschutzzentrum in Mülheim beraten erwachsene Betroffene von häuslicher Gewalt im rechtsrheinischen Köln und haben 2025 laut ihrem Jahresbericht 710 Beratungsfälle verzeichnet. Das ist ein Zuwachs von 15 Prozent im Vorjahr. 94 Prozent der Betroffenen waren Frauen.
„Das sind nur die Fälle, die bei uns ankommen“, erklärt Walch, „es gibt deutlich mehr Betroffene, aber nicht alle nehmen eine Beratung an.“ Von den insgesamt 710 Fällen häuslicher Gewalt wurden 309 Fälle direkt durch die Polizei vermittelt. Darüber hinaus leiten auch Institutionen wie Jugendämter Fälle an die Beratungsstelle weiter und eine proaktive Ansprache durch die Mitarbeitenden sei zudem wichtig.
Anstieg häuslicher Gewalt im rechtsrheinischen Köln
„Die Polizei fragt die Betroffenen direkt vor Ort, ob sie Beratung wünschen und leiten diese, die es wollen, direkt an uns weiter“, so Walch, „die Personen sind vor Ort im Polizeieinsatz jedoch oft sehr belastet und kaum aufnahmefähig oder es gibt Sprachbarrieren.“ Der Wendepunkt wünsche sich deshalb eine verpflichtende Vermittlung wie in anderen Bundesländern. Betroffene können dann nach einem obligatorischen ersten Gespräch entscheiden, ob sie eine Beratung wünschen. So könnten mehr Betroffene erreicht und ihnen geholfen werden, die selbst den Weg zum Wendepunkt nicht finden.
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Von denen, die 2025 diesen Weg gefunden haben, lebten in 57 Prozent der Fälle minderjährige Kinder im Haushalt. Insgesamt waren 715 Kinder und Jugendliche unmittelbar oder mittelbar von der Gewalt in ihrem Zuhause betroffen, sei es, dass sie die häusliche Gewalt gesehen, gehört haben oder sogar einbezogen waren. „Wir konnten gerade mal 60 Fälle in unserer Kinder- und Jugendberatung direkt unterstützen, da wäre viel mehr notwendig“, sagt Walch.
Zudem wurden in 88 Fällen Frauen wegen besonders massiver Bedrohungen beraten und es gab eine Zunahme an Wiederholungsfällen, bei denen es innerhalb eines Jahres mehrfach Polizeieinsätze gab. „Das zeigt die enorm große Not“, sagt Walch, „viele Frauen sind in Situationen, in denen sie nicht einfach mal gehen können“. Grund dafür seien finanzielle Gründe, aber auch, dass Täter teils nach einer Trennung noch gefährlicher werden.
Köln-Mülheim: Der Wendepunkt fordert mehr Personal
Insgesamt hat der Wendepunkt 68 Fälle von Stalking gezählt, was eine Steigerung um 20 Fälle zum Vorjahr ist. Dies wird auch darauf zurückgeführt, dass Trennungen nach häuslicher Gewalt vom gewalttätigen Partner oft nicht akzeptiert werden und Bedrohungen und Belästigungen den Alltag der Frauen und ihrer Kinder prägen.
Die Beratungsstelle unterstützt Betroffene, um aus der akuten Gefahr einen Ausweg zu finden. Nach einem Polizeieinsatz dürfen Täter 14 Tage nicht in die Wohnung. In diesen 14 Tagen kann ein Antrag auf weitere sechs Monate gestellt werden, dabei unterstützt der Wendepunkt. „Bei massiven Bedrohungen, bei denen wir denken, es folgt erhöhte Gewalt bis zu einem möglichen Femizid, vermitteln wir an Frauenhäuser und in der Regel finden wir dann zum Glück auch eins“, sagt Walch.
Insgesamt mache der Bericht aber deutlich, wo das Hilfesystem an seine Grenzen stößt. Während die Fallzahlen steigen, würden für spezifische Bereiche wie die Stalking-Beratung oder die Kinder- und Jugendberatung weiterhin gesicherte Finanzierungsgrundlagen fehlen. Letzteres wird nur durch Spenden von „Wir helfen“, der gemeinnützigen Aktion für Kinder in Not des „Kölner Stadt-Anzeiger“ sowie durch die RTL-Stiftung „Wir helfen Kindern“ finanziell ermöglicht. Die Stalking-Beratung werde im Rechtsrheinischen gar nicht finanziert.
Die Personalsituation sei deutlich unterfinanziert. 1,8 Vollzeitstellen habe der Wendepunkt für die akute Beratung. „Wenn wir sehen, mit wie wenig Personal diese Notfälle bearbeitet werden, wird das den Betroffenen, großenteils Frauen, nicht gerecht“, betont Walch. „Wir bräuchten mehr Zeit, Gespräche, Ruhe und Begleitung, damit Betroffene langfristig aus der Krise begleitet werden können.“

