Saskia Jamina betrachtet sich zufrieden in dem kleinen Spiegel. „Jetzt sehe ich wieder aus wie ich“, sagt sie und lächelt. Gerade hat Parvaneh Moussanjade ihr einen Pony und die Stufen geschnitten. Zudem hat die Friseurin ihr von Ohr zu Ohr einen „Haarreif“ rasiert. „Ich dachte mir, es wird mal wieder Zeit für ein bisschen Punk im Leben“, sagt sie und grinst.
Seit sechs Jahren ist Jamina obdachlos. „Meine Mietwohnung wurde auf einmal verkauft, und ich musste raus. Seitdem bin ich auf dem Wiener Platz“, erzählt sie. Zu dem „Frisörbesuch“ am Montagmittag sei es spontan gekommen. Jamina sei zur Mülheimer Arche gegangen, eigentlich nur, um Leute zu treffen – und dann habe sie gesehen, dass die Barber Angels wieder da sind.
Köln-Mülheim: Profis schneiden Obdachlosen die Haare
„Ich finde das so gut, dass sie das machen“, sagt Jamina, „es braucht so gute Menschen.“ Sie fährt sich mit der Hand über die rasierte Stelle und lächelt. In diesen Momenten weiß Moussanjade, warum sie sich bei den Barber Angels engagiert. „Ich möchte ihnen das Gefühl geben, dass sie existieren, dass sie Menschen sind, und dann das Glück in den Augen zu sehen, ist die größte Freude.“
Alle drei bis vier Monate kommen die ausgebildeten Friseurinnen und Friseure vom Barber Angels Brotherhood in die Mülheimer Arche, bieten kostenlose Haarschnitte für obdachlose und bedürftige Menschen an und verschenken Hygieneprodukte. Sie tragen immer Kutte, also schwarze Westen mit Vereinsabzeichen und weiteren Patches, und erinnern so an einen Motorradclub, deswegen auch „Brotherhood“.

Marion ist an diesem Montag Kundin in Köln-Mülheim.
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Seit zehn Jahren gibt es den gemeinnützigen Verein. Mittlerweile hat er mehr als 500 Mitglieder in Deutschland und gut 1200 weltweit. „Die Leute schauen zuerst auf das Äußere“, sagt ein Kunde. Dank des Engagements der Barber Angels bekämen die Menschen weniger abschätzende Blicke und würden auch weniger verurteilt. Er möchte anonym bleiben, das Thema sei weiterhin mit Scham behaftet.
Obdachlosigkeit hat laut Ehrenamtlerin stark zugenommen
„Eigentlich ist es ganz einfach: Wir finden es alle schön, eine schöne Frisur zu haben. Warum sollte das bei Obdachlosen anders sein?“, sagt Ute Ganser-Koll, die seit zehn Jahren dabei ist. In dieser Zeit habe sie viel Freude an der Arbeit gehabt, viele Menschen und Geschichten kennengelernt.
„Die Bedürftigkeit und Obdachlosigkeit hat extrem zugenommen, es ist wirklich beängstigend“, beschreibt die Friseurin ihre Wahrnehmung. Deshalb sei der Verein immer froh über neue Friseurinnen und Friseure, die helfen wollen. Interessierte werden dann zunächst „Gast-Engel“ und müssen an fünf Terminen teilnehmen, bevor sie Mitglieder werden können.
„Wir können keine Eintagsfliegen gebrauchen“, sagt Ganser-Koll, „eben, weil es immer mehr Kunden werden. Vor allem sind es immer mehr Frauen, viele von ihnen sind Witwen und können von dem Geld nicht leben.“ Die Arbeit mache immer wieder deutlich, dass Obdachlosigkeit und Bedürftigkeit jeden treffen können, ergänzt Kollegin Geli Frisch: „Hier waren auch schon Leute, die früher mal im Vorstand waren.“
Köln: In der Mülheimer Arche können Obdachlose Haarschnitte bekommen
Friseurin Frisch kümmert sich gerade um Marion Kneppeck. Seit einem Schicksalsschlag ist sie auf das Angebot der Barber Angels angewiesen. „Mein Mann ist an Alzheimer erkrankt,und ich musste ihn ins Pflegeheim geben, weil es einfach nicht mehr anders ging“, sagt Kneppeck, „das hat mich aus der Bahn geworfen.“ Als sie von ihrem Mann und seiner Krankheit erzählt, kommen ihr die Tränen. Geli Frisch nimmt die Kundin in den Arm, tröstet sie, und kurz darauf kann Kneppeck wieder lachen. Auch dank Detlef Hammer. „Der kannste direkt eine Glatze rasieren“, witzelt er, als er in den provisorischen Salon kommt, mit Blick auf Kneppeck.
Doch dann wird Kneppeck wieder ernst: „Ich könnte es mir nicht leisten, mir die Haare schneiden zu lassen“, sagt sie. Und Hammer schiebt hinterher: „Ich bin sehr stolz auf die Engel. Was sie leisten, ist der Wahnsinn!“

