Köln – Jürgen Nickel streckt den rechten Arm aus und legt seine Hand auf das, was vor kurzem noch eine Kuh war. „Hier, gucken Sie“, sagt der Lebensmittelkontrolleur und streicht fast zärtlich über das rote Fleisch, „wenn die Kühlkette unterbrochen gewesen wäre, hätte sich hier Feuchtigkeit gebildet.“
Der 49-Jährige steht im Kühlhaus der Merkez Handels GmbH, einem fleischverarbeitenden Betrieb im Ossendorfer Gewerbegebiet. Es ist zwei Grad kalt. Auf 4000 Quadratmetern Fläche werden hier jede Woche gut 20 Tonnen Rotfleisch verarbeitet: Was vorne als halbe Kuh reingeht, kommt hinten als Dönerspieß wieder raus.
Einmal pro Woche wird der Betrieb unter die Lupe genommen, zuständig ist das städtische Amt für Umwelt- und Verbraucherschutz. Seit ein paar Wochen schlagen sich die sechs Kontrolleure außerdem mit der Frage rum, ob nicht vielleicht in einem der Betriebe Pferd drin ist, wo Rind draufsteht.
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„Der Skandal ist nicht das Pferdefleisch an sich, sondern die Größenordnung des Betruges, der dahinter steckt“, sagt Monika Meyer-Schoppmann, als städtische Veterinärin ebenfalls für die Kontrolle von Lebensmitteln tierischer Herkunft zuständig. „Wir arbeiten momentan unter Hochdruck und schauen aus gegebenem Anlass ganz genau hin.“
Sie und ihre Kollegen führen jeder bis zu 600 Kontrollen pro Jahr durch, achten auf Sauberkeit, Hygiene und die baulichen Zustände in den Betrieben. Über einen Mangel an Arbeit können sie sich nach eigener Aussage nicht beklagen. Vorwürfe von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, Kontrollen könnten „nicht nur vom Schreibtisch aus durchgeführt werden“, wollen sie lieber nicht kommentieren.
Alle Produkte sind halal
Jürgen Nickel kennt die Firma Merkez von vielen Kontrollen aus der Vergangenheit. Er trägt einen weißen Kittel, weiße Gummistiefel und einen weißen Helm, wie ihn auch Bauarbeiter auf dem Kopf haben: „Wenn so ein Haken, an dem das Fleisch hängt, mal runterfällt, wäre das ziemlich schmerzhaft“, sagt Nickel, klopft dreimal auf den Helm und lacht. Er ist Veterinärmediziner und arbeitet seit 2001 bei der Stadt. Früher war er beim Schlachthof angestellt, „Fleischbeschau und Lebendschau.“ 99 Prozent der Kontrollen sind unangekündigt. Nur weil heute Reporter mitkommen, wurde der Besuch angemeldet.
Hakan Özedemir, Geschäftsführer der Merkez GmbH, blickt dem wöchentlichen Besuch gelassen entgegen. Auf die Frage, ob der Pferdefleischskandal schlecht für sein Geschäft war, antwortet er: „Ganz im Gegenteil. Wir profitieren sogar von solchen Skandalen.“ Seine Erklärung: „Wir halten einen hohen Standard ein, unserer Produkte sind alle halal.“ Das bedeutet, dass die Tiere nach islamischem Recht geschlachtet werden und ein Imam, ein muslimischer Geistlicher, bei den Schlachtungen dabei ist.
Außerdem wird jedes Stück Fleisch gestempelt, so dass man sichergehen kann, dass auch tatsächlich geliefert wird, was bestellt wurde. Sollte nach dem Transport doch etwas nicht in Ordnung sein, geht eine Charge auch schon mal zurück. „Das war erst kürzlich so mit einer Ladung Lamm“, erzählt Özdemir. Und tatsächlich: Seit 2009 wird bei der Firma in Ossendorf Fleisch verarbeitet, nur selten hatten die Kontrolle etwas zu beanstanden.
Für die Kosten der Untersuchungen durch die städtischen Kontrolleure muss das Unternehmen zahlen, bei Merkez in Ossendorf macht das mehr als 8000 Euro im Jahr plus Gebühren für mikrobiologische Untersuchungen von Fleischproben, die einmal pro Woche gemacht werden. Das sei nötig, sagen die Veterinäre. Denn ihre Erfahrung zeigt: Wird selten kontrolliert, leidet irgendwann die Hygiene.
Vier Männer stehen an einem großen Tisch formen Dönerspieße aus Fleischscheiben, Hackfleisch, Semmelbröseln und Gewürzen. Eine Knochenarbeit, mehr als eine halbe Tonne Fleisch schichten die sogenannten Dönerstecher jeden Tag auf. Jürgen Nickel schaut unter eine Arbeitsplatte, nickt zufrieden: Außer ein paar Kleinigkeiten gibt es nichts zu bemängeln. Das sei nicht überall so: „Schwarze Schafe gibt es überall, das wird man in Zukunft auch kaum verhindern können.“ Am Ende hat Geschäftsführer Özdemir noch einen Tipp: Ein qualitativ guter Döner müsse mindestens drei Euro kosten, sagt der 36-Jährige. Bei Billigprodukten solle man vorsichtig sein: „Da ist dann alles drin, aber bestimmt kein gutes Fleisch.“
