„Das ist ein Justizskandal“Sieben Jahre nach versuchtem Auftragsmord in Köln ist kein Prozess in Sicht

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Nach einer Schießerei in Porz-Wahn auf dem Fasanenweg im Mai 2016 sucht ein Polizist unter einem Auto nach Projektilen.

Sechs Schüsse feuerte ein mutmaßlicher Auftragsmörder im Mai 2016 auf einen damals 46 Jahre alten Geschäftsmann in Porz-Wahn ab.

Im Mai 2016 schießt ein mutmaßlicher Auftragsmörder in Porz-Wahn einen Geschäftsmann nieder – der leidet bis heute unter der Tat.

Wenige Wochen noch, dann jährt sich ein spektakulärer, versuchter Auftragsmord in Porz-Wahn zum siebten Mal: Auf offener Straße hatte ein Schütze im Mai 2016 aus einem fahrenden Auto sechs Schüsse auf den Geschäftsmann Ufuk K. (Name geändert) abgefeuert. Auftraggeber soll ein ehemaliger Geschäftspartner des Opfers gewesen sein, er fühlte sich um Geld betrogen.

Köln: Opfer wurde niedergeschossen und schwer verletzt

Ufuk K. rettete sich mit einem Sprung hinter sein Auto, er wurde an Armen und Beinen verletzt. Körperlich geht es ihm heute wieder besser, inzwischen führt er eine kleine Kaffeebar in der Südstadt.

Psychisch aber leidet er nach wie vor an den Folgen der Tat, sagt sein Anwalt Thomas Ohm, der die Nebenklage übernommen hat – und das habe vor allem damit zu tun, dass der mutmaßliche Auftragskiller und sein Anstifter bis heute nicht bestraft wurden. Dabei hatte der Prozess gegen die Angeklagten schon begonnen, zweimal sogar. Aber beide Male musste das Verfahren abgebrochen werden. Ein neuer Gerichtstermin ist derzeit nicht absehbar. Der Grund: Überlastung der Justiz.

Das ist ein Justizskandal, nichts weniger.
Thomas Ohm, Anwalt des Opfers

Die zuständige Strafkammer sei ausgelastet, begründet Landgerichtssprecher Jan Orth. „Das ist auch aus unserer Sicht äußerst bedauerlich.“

Anwalt Ohm hat eine Anzeige wegen Strafvereitelung gestellt, aber die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. „Man muss sich das mal vorstellen“, schimpft der Verteidiger: „Es geht hier um einen versuchten Mord, ein Kapitaldelikt schlimmster Güte, aber aus dem Gericht heißt es: Personalmangel, keine Ressourcen, keine Säle, keine Wachtmeister, nichts. Das ist ein Justizskandal, nichts weniger.“

Ufuk K. sei seit der Tat traumatisiert, er wolle, dass die Täter endlich bestraft werden. „Ist doch klar“, sagt Thomas Ohm. „Oder wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie jederzeit damit rechnen müssten, dass Ihnen die beiden draußen plötzlich hinter der nächsten Straßenecke begegnen?“

Im April 2019 startete der Prozess zum ersten Mal. Nach 17 Verhandlungstagen zeichnete sich ab, dass er länger dauern würde als geplant, eine schwangere Richterin konnte aber wegen des Mutterschutzes nicht weiter eingesetzt werden.

Köln: Prozess wurde schon zweimal begonnen und wieder abgebrochen

Ein Jahr später stand das Verfahren erneut auf der Rolle, diesmal vorsorglich mit einem Ersatzschöffen und einem Ersatzrichter. Aber nach wenigen Verhandlungstagen war schon wieder Schluss, diesmal wegen des ersten Corona-Lockdowns.

Zuständig für das Verfahren ist die Strafkammer von Richter Jörg Michael Bern. Aber weil die zurzeit den Mammutprozess gegen den mutmaßlichen Geldtransporter-Räuber Thomas Drach führt und ein Ende nicht absehbar ist, muss auch der Prozess um den versuchten Auftragsmord in Porz weiter warten. „Im Rahmen der hier zur Verfügung stehenden Ressourcen ist auch eine Ableitung an eine andere Kammer derzeit nicht möglich“, sagt Gerichtssprecher Orth.

Jede Oma, die dreimal ihre Waschmaschine nicht bezahlt, landet in Ossendorf.
Thomas Ohm, Anwalt des Opfers

Unverständlich für Anwalt Ohm ist auch die Tatsache, dass die Angeklagten angesichts der Schwere des Tatvorwurfs nicht in Untersuchungshaft sitzen. Dann griffe der so genannte Beschleunigungsgrundsatz, nach dem der Gerichtsprozess ein halbes Jahr nach der Inhaftierung beginnen muss – wenn nicht gewichtige Gründe dagegen sprechen. Eine Überlastung der Justiz gehört in der Regel nicht dazu.

„Jede Oma, die dreimal ihre Waschmaschine nicht bezahlt, landet in Ossendorf“, schimpft Thomas Ohm. „Aber diese beiden Angeklagten laufen seit Jahren frei herum.“ Seine Sorge ist nicht nur, dass eine überlange Verfahrensdauer sich grundsätzlich strafmildernd für Angeklagte auswirken kann, sollten sie verurteilt werden. Sondern auch, dass das Tatgeschehen nicht mehr vernünftig aufgearbeitet werden kann. „Die Zeit drängt“, sagt Ohm. „Jeder zweite Zeuge  im Verfahren ist 70 Jahre oder älter.“

Die Anklage, in der von Heimtücke und Habgier die Rede ist, lässt sich so zusammenfassen: Der angebliche Auftraggeber des Mords und Ufuk K. waren Geschäftspartner in einem Restaurant, bis es zum Zerwürfnis kam. Der Angeklagte fühlte sich um einen hohen fünfstelligen Betrag betrogen und sann auf Rache. Dafür heuerte er einen Mann an, den er aus einer Shisha-Bar kannte. 2000 Euro Lohn für den Auftragsmord wurden vereinbart.

An den bisherigen Verhandlungstagen hatten die Angeklagten geschwiegen. Erwartet wird ein zäher Indizienprozess. Unter anderem belastet den mutmaßlichen Auftragsmörder seine DNA an einer Zigarettenkippe, die unweit des Tatorts gefunden worden war.

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