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PriesterjubiläumKein Typ, der auf Distanz geht

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Pfarrer Karl-Josef Daverkausen

Köln – 50 Jahre sind eine winzige Spanne in der Geschichte der katholischen Kirche, aber die wesentliche Zeit im Leben eines Priesters. Und wenn sie in eine so spannende Phase fallen wie bei Karl-Josef Daverkausen (75), dann zählen manche dieser Jahre fast doppelt. Geweiht wurde der langjährige Pfarrer von St. Gereon am 31. Januar 1964 von Kardinal Josef Frings, der gerade auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom mit Hilfe eines jungen Bonner Theologieprofessors namens Joseph Ratzinger Schwung in eine dogmatisch-erstarrte Kirche brachte. Von Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., sei er damals fasziniert gewesen, erzählt Daverkausen.

Die Begegnung mit überzeugenden Priestern hatte den Wunsch in Daverkausen reifen lassen, selbst diesen Beruf zu ergreifen. „Ich bin geprägt durch die kirchliche Jugendarbeit“, erzählt er. „Unser Kaplan war immer für uns da, Tag und Nacht. Das hat mir imponiert.“

Daraus wurde sein eigenes Lebensmotto als Geistlicher: „Nah bei den Menschen sein, von Gott reden um der Menschen willen.“ Das Ziel der Priesterweihe fest im Blick, habe er als Theologiestudent vieles ausgeblendet, sinniert Daverkausen in der Rückschau. „Die Frage des Zölibats etwa hat mich nicht beschäftigt. Was es wirklich bedeutet, ehelos zu leben, habe ich erst später gemerkt.“ Das führte dazu, dass er sich schon in seiner ersten Gemeinde für eine Wohngemeinschaft mit anderen Priestern entschieden hat, die „vita communis“ – zu dieser Zeit etwas sehr Ungewöhnliches. „Aber Kardinal Frings hat zu mir gesagt: Machen Sie mal!“

Daverkausen hat immer seinen eigenen Kopf gehabt: Zwölf Jahre bleibe ich, nahm er sich vor, als Kardinal Joseph Höffner den damals 35-Jährigen zum Pfarrer in Pulheim mit 12 000 Katholiken ernannte. Und tatsächlich ging er nach zwölf Jahren wieder. „Zu lang an einem Ort, das ist nicht gut – vor allem für die Leute. Denn was ist mit denen, die mit einem nicht klarkommen?“, sagt Daverkausen. Die Pulheimer kamen mit ihm offenbar sehr gut klar. So manches Gemeindemitglied folgte ihm nach St. Gereon in Köln, wo Daverkausen erst als Studentenseelsorger und von 1990 bis 2003 als Pfarrer wirkte. Sein Ruf als Prediger und geistlicher Begleiter machte die romanische Basilika in der Kölner Innenstadt zu einer Anlaufstelle gerade auch für Katholiken, die auf die eine oder andere Weise ihre liebe Not mit der Kirche hatten: Kritische Geister, Geschiedene, ehemalige Geistliche und Ordensleute, Homosexuelle. Sogar Katholiken, die aus der Kirche ausgetreten waren, fanden in St. Gereon ein neues geistliches Zuhause. Und in Pfarrer Daverkausen einen Hausherrn mit Tiefgang und großem Herzen.

In seiner Jugend, als Ministrant, habe er an der Uniklinik den dortigen Krankenhauspfarrer bewundert, erzählt Daverkausen. „Das war kein Heiliger, aber einer, der für die Leute da war und viele in den Frieden mit Gott gebracht hat – wenn es sein musste, vorbei am Kirchenrecht.“ Wie er das erzählt, klingt es fast nach einer Selbstbeschreibung. Und vielleicht ist Daverkausen damit, wie sein Vorbild, näher am Begriff des Heiligen, als es ihm bewusst ist.

Jedenfalls habe ihn besonders die Arbeit in der Hochschulgemeinde davor bewahrt, im Priesteramt zu einem Entrückten zu werden, glaubt Daverkausen. „Das lassen die Studenten gar nicht zu. Wenn man sie ernst nimmt, kommen sie einem sehr nah und schenken einem großes Vertrauen.“ Du, erschrick nicht, ich bin schwul! Solche oder ähnliche Worte habe er oft gehört. Allerdings ist Daverkausen auch von sich aus kein Typ, der auf Distanz agiert. In Bluejeans, offenem Streifenhemd und blauem Sweater signalisiert schon sein Outfit: Mit klerikalem Gehabe und priesterlichem Dünkel habe ich nichts am Hut.

Seinem prominentesten Pfarrkind war allein dieses Äußere ein Dorn im Auge. Mehrfach sprach Kardinal Joachim Meisner, dessen Bischofshaus nur wenige Gehminuten von St. Gereon entfernt steht, seinen Pfarrer auf den fehlenden Priesterkragen an – und auf den Dreitagebart. Aber zum eigenen Kopf gehört für Daverkausen der eigene Stil. Er beließ es bei Kleidung und Barttracht, bis heute.

Trotzdem versetzt es ihm gelegentlich einen Stich, dass er in den Ruf eines Widersachers Meisners geriet. Spätestens als Daverkausen 2001 die Räume von „Donum Vitae“ segnete, war der Konflikt mit dem Erzbischof auch öffentlich unübersehbar. Meisner hatte die Zusammenarbeit mit der Laien-Organisation verboten, die gegen das Votum von Papst und Bischöfen an der Schwangerenkonfliktberatung im gesetzlichen System festhält und auch den umstrittenen Beratungsschein ausstellt. Dessen Vorlage ermöglicht Frauen eine straffreie Abtreibung. Warum Daverkausen mit Weihwasser und Gebetbuch auf Konfrontation zum Kardinal ging? „Ich war um den Segen gebeten worden, und ich wollte die Menschen nicht alleinlassen, die in der Beratung die erfahrbare Nähe der Kirche brauchen.“ Um das Risiko wusste er, rechnete gar mit seiner Suspendierung. Aber es blieb bei bösen Briefen und scharfem Tadel.

Auf das offene Wort gegenüber Meisner habe er immer Wert gelegt, sagt Daverkausen. Und auf den jährlichen Hausbesuch des Pfarrers. „Er hat mich dann auch freundlich empfangen und mit mir geredet. Aber wenn ich ihm etwa riet, er möge nicht so abfällig über Schwule reden, von denen wir doch viele in den eigenen Reihen haben, dann ging er hoch wie eine Rakete. Kritik und Dissens konnte er nie ertragen.“ Einmal habe er bekümmert zu Meisner gesagt: „Herr Kardinal, warum beharken wir uns eigentlich so? Wir stehen doch nicht auf verschiedenen Seiten!“ Er glaube, sagt Daverkausen, das habe den Erzbischof sehr wohl erreicht und ihn zumindest nachdenklich gestimmt.

Gesundheitlich angeschlagen, bat Daverkausen zu seinem 65. Geburtstag 2003 um Entpflichtung vom Pfarramt. „Ich ging auf dem Zahnfleisch.“ Als Hausgeistlicher im Bensberger Kardinal-Schulte-Haus blickte er zehn Jahre aus bergischen Höhen auf seine Heimatstadt Köln. Seit einem halben Jahr ist er wieder zurück in der City, den Garten des Erzbischofs zu seinen Füßen – und die Kuppel von St. Gereon in Sichtweite.

Dort, wo er so viele Jahre seines Lebens gelebt und gebetet hat, wo im Taufregister auch sein Name verzeichnet ist – dort feiert Karl-Josef Daverkausen am Sonntag mit vielen, die ihm nahestehen, sein Goldenes Priesterjubiläum.