Köln – „Hier gibt’s nix zu gucken, hier ist kein Zoo!“, zetert eine aufgebrachte Dame, als wir um die Ecke der Geestemünder Straße biegen. Die Stadt hat hier einen legalen Straßenstrich eingerichtet, wo Prostituierte ihrem Geschäft in „Verrichtungsboxen“ nachgehen können. Wie gut, dass der Pfeil nicht hier gelandet ist, sondern direkt nebenan – mitten im Angelteich eines Sportvereins. Rolf Fehr zeigt zwar weniger Dekolleté als die Dame – doch im Gegensatz zu ihr freut er sich über den Überraschungsbesuch und zeigt uns stolz das riesige Gelände des Sportvereins in Niehl, der gut versteckt zwischen Straßenstrich und Industrieanlagen liegt.
Man duzt sich beim SV Blau Weiß Rot, schließlich kennen sich die meisten hier schon seit 40, 50 Jahren. Sie haben um die Ecke bei Esso gearbeitet, ihre Kinder haben hier Tennis spielen gelernt. Heute sind die längst erwachsen und kommen nicht mehr so oft. „Wie die Jungen halt so sind“, sagt Rolf und zuckt mit den Schultern. Er kommt fast jeden Tag. Der 61-Jährige ist die gute Seele des Vereins, sitzt im Beirat, gibt Golfstunden, bespannt Tennisschläger, hält mit seinen Männern den Laden in Ordnung. Alles ehrenamtlich, versteht sich. „Und wenn wir mit der Arbeit fertig sind, machen wir uns es immer gemütlich hier“, erzählt er und schneidet einen Marmorkuchen an. Der Kaffee ist schon fertig. An der Wand des kleinen Büros hängt ein Bild aus alten Zeiten – die Fußballmannschaft von 1984, Rolf ist auch mit drauf, man erkennt ihn am Schnäuzer.
Damals hat er noch als Elektrotechniker bei Esso gearbeitet, der Sportverein und das Gelände gehören zum Betrieb. Als der Mineralölkonzern Ende der 1980er einen Großteil der Belegschaft entließ, sattelte Rolf komplett um: Blumengroßhandel. Dem SV Blau Weiß Rot blieb er trotzdem treu, wie viele von früher.
„Der Flocki hier, das ist auch so’n Alteingesessener!“, begrüßt Rolf seinen Kumpel Volkmar Warnitz, genannt Flocki, der in Rennrad-Montur zur Kaffee-Runde stößt. Seit 1961 ist Flocki beim Verein. Sein Foto hängt draußen in der Hütte am Anglerteich. Flocki hält darauf einen Riesen-Wels in die Kamera. An der anderen Wand hängt ein Holzschild: „Niemals wird mehr gelogen als vor der Wahl und nach dem Angeln“, steht darauf. Doch beim „SV Blau Weiß Rot“ zählen nur knallharte Fakten. Damit daran keine Zweifel aufkommen, sind sie unter dem Bild vermerkt: 50 Pfund, 1,55 Meter.
„Das war im August 1998“, erinnert sich Flocki an den Tag seines größten Fangs: „Erst wollten wir vor lauter Angst stiften gehen“. Doch dann zogen sie mannhaft den Brocken an Land und teilten ihn brüderlich: „Einer den Kopf, einer den Schwanz, einer das Mittelstück. Hat super geschmeckt.“
Der zugewucherte Angelteich ist ein friedlicher Flecken mitten in diesem unwirtlichen Industrie-Areal östlich der Neusser Landstraße. Nur von Ferne hört man hier die Autos rauschen. Ein Fischreiher breitet seine Schwingen aus und überquert das Wasser. Rolfs freundlicher Hund Bailey („wie das Getränk“) planscht im Wasser, die Sonne scheint.
Im vergangenen Jahr, erzählt Rolf, wollte die Stadt den ehemalige Kiesgrube plötzlich zuschütten. „Aber dann ist denen aufgefallen, dass hier ganz viele seltene Arten leben“. Rolf entschuldigt sich kurz – er muss sich umziehen. Um 12 Uhr gibt er eine Trainerstunde Golf. Nebenbei erwähnt ist er übrigens „der beste Trainer in NRW. Handicap 7 – das haben in Deutschland nur 2,8 Prozent!“
Zeit für eine Partie Tischtennis, auch mit einem Profi. Georg Segieth, genannt Schorsch, ist schon seit 50 Jahren beim Verein. Mit 16 Jahren ist er aus Oberschlesien nach Köln gekommen, zwei Jahre später hat er bei Esso angefangen. Heute ist er 68 und spielt nach Rolfs Auskunft „immer noch wie der Teufel“. Die Pokale des Senioren und seiner Vereinskollegen stehen säuberlich aufgereiht in der kleinen Halle, darüber hängen die Urkunden, manche historisch: „Tischtennis-Stadtmeisterschaften 1975. Herren-Doppel, Zweiter Platz“. Georg Segieht spielt jede Woche mindestens sechs Stunden hier. Wenn Kurse in Wirbelsäulengymnastik oder Aerobic stattfinden, werden die beiden Platten an den Rand gestellt. Segieht sieht die Sache pragmatisch: „Es ist zwar nicht viel Platz, dafür muss man auch nicht so weit laufen, um die Bälle aufzusammeln.“
Rolf Fehr ist jetzt bereit für seine Trainerstunde: Statt Arbeitskleidung trägt er ein hellblaues Polohemd zur hellbeigen Cargohose. Zwei Anfänger wollen sich von ihm fit machen lassen für die Platzreife. Kein ganz einfaches Unterfangen, wie Rolf auf dem Weg zum Golfplatz erzählt: „Sportwissenschaftlich ist erwiesen, dass Golf die zweitschwerste Sportart ist.“ Die schwerste? „Stabhochsprung“.
Der Zufall entscheidet. In den Sommerferien werden unsere Reporter an jedem Morgen mit einem Dartpfeil auf den Stadtplan werfen und in das Viertel ziehen, das der Wurf ergeben hat. In einem Radius von 200 Metern werden sie sich auf die Suche nach Menschen und ihren Geschichten machen.
Seine Schüler sind schon da: Zwei Herren mittleren Alters, die Rolf nach Kräften motiviert: „Die Richtung stimmte zwar nicht so ganz, aber der Flug war optimal.“ Überall auf dem Gelände sind kleine Teiche verteilt. Auf dem Stadtplan sind sie kreisrund verzeichnet, in Wirklichkeit sind auch sie malerisch zugewuchert. Die Vertiefungen stammen von den Benzintanks. „Früher war hier alles voller Rohre“, erinnert sich einer der Golfschüler.
Schlagen die Spieler ihre Bälle zu weit, landen sie nebenan auf dem Straßenstrich. Begeistert war der Verein nicht, als die Stadt vor rund zehn Jahren ausgerechnet dieses Areal dafür auswählte. Ist die Nachbarschaft immer noch ein Problem für den Sportverein? „Ach was“, meint Rolf entspannt: „Die tun uns nix.“
