Köln/Kiew – Rostyslav Bome war bis eben in einem Bunker in Kiew. „Dort mussten wir weg, wir hatten eine Info, dass unser Versteck den Geheimdiensten bekannt ist.“ Jetzt sitzt er in einer Wohnung, in der Nähe des Maidan-Platzes, unter Menschen, die er nicht kennt und denen er vertraut. 15-mal habe er die Wohnung gewechselt, seit er vor drei Monaten aus Köln in seine ukrainische Heimat flog.
Wer derzeit in Kiew auf die Straße geht, begibt sich in Gefahr. Rostyslav Bome ist deutlich stärker gefährdet als die meisten Bürger. Er verlässt nie ohne Bodyguards und kugelsichere Weste das Haus – weil er binnen Wochen zu einer der meistgehörten Stimmen des Protests geworden ist. Bome, der vor 13 Jahren nach Deutschland kam und in Köln Schauspiel studierte, hat das Lied „Revolution Ukraine“ geschrieben. Darin prangert er die korrupten Machthaber an, fordert Freiheit, Demokratie und gleiche Rechte für Frauen.
„Ich habe nichts gegen Vitali“
Geschrieben und aufgenommen hat er den Rap-Song in Köln – „dort habe ich also meinen Anteil an der Revolution geplant“, sagt er. „Wenn sie mich erwischen, bekomme ich lebenslänglich. Oder ich verschwinde einfach, wie so viele in den vergangenen Monaten.“
In Köln habe er bis zum 21. November 2013 ein gutes Leben gehabt, sagt der 29-Jährige, der unter dem Künstlernamen Artisto auftritt. Dann sah er im Fernsehen Bilder von den Studenten in Kiew, die für die Öffnung der Ukraine Richtung EU demonstrierten. „Einen Tag später habe ich auf dem Maidan mein Lied gesungen. Und seitdem immer wieder. Ich konnte das nicht mit ansehen und in Köln vor dem Fernseher hocken bleiben.“
Mit der ersten Version seines Songs habe er Oppositionsführer Vitali Klitschko unterstützt, sagt Bome. „Aber Klitschko hat bislang nichts erreicht. Ich habe nichts gegen Vitali, aber es geht bei dieser Revolution nicht um Präsidenten oder Oppositionsführer. Es geht um Menschen, es geht um das Volk. Uns eint die Sehnsucht nach einer anderen Ukraine. Darin liegt eine unheimliche Kraft, die jeder spürt, der gerade hier ist. Man hat das Gefühl, im Zentrum der Welt zu stehen.“
Bome ist aufgewühlt während des Telefonats, er wirkt euphorisch und übermüdet. Als die Gewalt eskalierte, sei er zur Deutschen Botschaft gelaufen, „aber die wollten mir keine Unterkunft gewähren“. Nun wechsele er alle paar Tage die Wohnung – nur auf dem Maidan, mitten unter den Demonstrierenden, fühle er sich sicher und singe immer wieder seinen Song.
Auf dem Maidan erlebe er „Menschen, die zusammenhalten. Sie bringen sich Tee und Essen, sie singen und tanzen um 5 Uhr morgens zusammen auf der Straße, ohne betrunken zu sein.“ Immer wieder klingelt Bomes zweites Telefon. Er vertröstet die Anrufer, weil ihm der Kontakt zur deutschen Öffentlichkeit wichtig ist. Vor ein paar Tagen hat die Kölner Lutherkirche aus Solidarität mit dem Protest der Ukrainer einen Gottesdienst veranstaltet und Bome via Skype zugeschaltet.
Der Kölner Ukrainer versteht die Eskalation in seiner Heimat nicht als Bürgerkrieg. Zwar werde ein Teil des Landes vom russischen Einfluss dominiert, viele Menschen dort glaubten den gleichgeschalteten Medien, die die Protestler als Faschisten und Extremisten diffamierten, „aber die große Mehrheit will ein friedliches, demokratisches Land“.
Wobei Bome an Frieden vorerst nicht glaubt: „Wir werden hier abgeschlachtet und müssen uns verteidigen. Wir haben zwar keine Gewehre und Bomben, aber wir haben Stöcke und Fäuste. Wir kämpfen einen Befreiungskrieg gegen die Mafiosi, die unser Land regieren. Unser Mut und unsere Liebe für unser Land ist größer als die Angst zu sterben.“
Wann Bome wieder nach Köln komme? Er wolle zurück, so schnell es geht, „meine Mama ist dort, und ich liebe die Stadt. Aber ich kann erst kommen, wenn das alles hier vorbei ist.“
