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Deutsche-Welle-HochhausDer lange Weg zur Weltrekord-Sprengung

Lesezeit 3 Minuten
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Das Deutsche-Welle-Hochhaus.

Raderberg – Ein höheres Gebäude als das ehemalige Hochhaus der Deutschen Welle am Raderberggürtel wurde bislang weltweit nicht gesprengt. Die kontrollierte Explosion – um Platz für 750 neue Wohnungen zu schaffen – war ursprünglich für das Frühjahr 2017 geplant, muss jetzt aber nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ um ein Jahr verschoben werden.

Der bis zu sieben Geschosse hohe Neubau kann deshalb voraussichtlich erst ab Mitte 2018 errichtet werden.

„Wir haben ein Jahr warten müssen, um von der Stadt die Genehmigungen für die Asbestsanierung der Türme zu bekommen“, sagt Stefan Vogt, Projektleiter der Firma BST Becker Sanierungstechnik. Das sei eine lange Zeitspanne im Vergleich zu anderen Projekten. Da der krebserregende Baustoff vor einer Sprengung restlos entfernt werden muss, ist der Zeitplan zwangsläufig durcheinander geraten.

So läuft die Asbestsanierung ab

Die Mitarbeiter des Abrissunternehmens haben bislang vor allem in den Tiefgeschossen gearbeitet, da für diese Bereiche bereits seit längerem Genehmigungen der Behörden vorlagen. Dort wurden auch die als Dämmung verbauten Asbestplatten entfernt. In den Türmen wurden die Türen und Trennwände der Büros herausgerissen.

Das musste allerdings mit großer Sorgfalt geschehen, da die Deckenplatten und Stützpfeiler dabei nicht verletzt werden durften – hinter ihnen verbirgt sich der gesundheitsschädliche Spritzasbest, mit dem die Stahlträger des Hochhauses ummantelt wurden, um sie im Brandfall zu schützen.

Der Baustoff, früher als Wunderfaser beworben, wurde in der Europäischen Union 1990 verboten. Spritzasbest darf bereits seit 1979 nicht mehr eingesetzt werden. Das kam für das 138 Meter hohe Funkhaus, das von 1974 bis 1980 gebaut wurde, knapp zu spät. Die Deutsche Welle gab das Gebäude nach nur 23 Jahren Nutzung wieder auf – seit 2003 steht es leer.

Die Entfernung des Asbest bereitet vor allem den Anwohnern Sorgen. Geraten die feinen Fasern in die Lunge, können sie dort Krebs hervorrufen. Deshalb gelten auf der Baustelle am Raderberggürtel höchste Sicherheitsvorschriften. Wenn die Türme ab Januar von dem Spritzasbest befreit werden, wird das Gebäude Etage für Etage hermetisch abgeriegelt.

In den Arbeitsbereichen wird ein Unterdruck erzeugt, damit keine Fasern entweichen können. Mit einem speziellen Sauger wird der Spritzasbest von den Stahlträgern getrennt und aufgefangen.

Asbest luftdicht verpackt

Die Arbeiter müssen eine vierstufige Personenschleuse passieren und sich vor dem Verlassen des sicheren Bereichs duschen. Der entfernte Asbest wird luftdicht verpackt und ebenfalls über eine Schleuse und einen Aufzug nach unten befördert. „Wir beschäftigen zwei Fachgutachter, die ständig alle Werte überprüfen“, sagt Vogt. So wird zum einen der Asbestfasergehalt in der Luft gemessen, zum anderen wird der Unterdruck kontrolliert.

Zusätzlich kommt regelmäßig ein öffentlich bestellter Gutachter hinzu. „Ich reiße seit 25 Jahren Gebäude ab, aber eine so gut überwachte Baustelle wie hier habe ich noch nie gesehen“, sagt Vogt.

Sobald im Januar der Spritzasbest aus den Türmen entfernt wird, werden bis zu 100 Arbeiter im Einsatz sein. „Wie aufwendig das ist, erkennt man daran, dass wir trotz dieses Personaleinsatzes ein Jahr beschäftigt sein werden“, so Vogt. Entsprechend teuer sei die Sanierung.

Die Stadt hatte die Investoren Bauwens und Wohnkompanie deshalb von der Verpflichtung befreit, einen Anteil von 30 Prozent Sozialwohnungen bauen zu müssen.

Da sich das Projekt finanziell sonst nicht rechnen würde, werden es nur zehn Prozent sein. Die Linke-Ratsfraktion übt an dieser Vereinbarung deutliche Kritik.

Sollte bis zum Frühjahr 2018 kein höheres Gebäude gesprengt werden, würde das Funkhaus am Raderberggürtel zum neuen Weltrekordhalter werden. Bislang ist das 1998 zerstörte J. L. Hudson Building in der US-Stadt Detroit mit 134 Metern der Spitzenreiter.

Spezialfirmen haben alle noch höheren Häuser, die bislang abgerissen wurden, Stück für Stück mit Maschinen abgetragen.

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