Wenn man reinkommt, hinten links. Dort, im Speisesaal der Senioreneinrichtung Rosenpark in Zollstock, befindet sich der Stammplatz von Isolde Ahr und Reinhard Bartsch, Barbara Schelling, Thilo Schelling und Liesel Wallraff. Ute Breitenboich und Helga sitzen mit ihren Freundinnen am sogenannten Mädchentisch. Jeden Tag essen sie hier gemeinsam zu Mittag. „Isolde und ich gucken auf dem Speiseplan im Aufzug immer schon, was es am nächsten Tag zu essen gibt“, erzählt Liesel Wallraff. Das Essen sorgt für Zusammenhalt – auch, weil die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses seit einiger Zeit mitbestimmen können.
In der Zeitung hatten die Senioren einen Bericht über schlimme Zustände in Pflegeheimen gelesen - und sich daraufhin entschieden, der Redaktion zu schreiben und zu schildern, wie gut es ihnen in ihrem Seniorenhaus geht. „Nach diesem eindeutig negativ gefärbten Bericht wird sich kein alter Mensch mehr in ein Pflegeheim trauen. Wir erleben das ganz anders“, schrieben sie. Die ganze Mittagessen-Truppe unterschrieb den Brief.
Das Seniorenhaus Rosenpark ist von außen betrachtet ein grauer Plattenbau. Dahinter verbirgt sich ein besonderes Wohnmodell. In Etage Nummer zehn befindet sich ein Pflegebereich. Darunter mieten die Seniorinnen und Senioren einzelne Wohnungen wie in einem normalen Wohnhaus. Nur eben mit Sicherheitsnetz. Pflegeleistungen können sie bei Bedarf jederzeit hinzubuchen. Beim inklusiven Mittagessen treffen sich die, die wollen, wie Freunde in einer WG.

Träger des Seniorenzentrums Rosenpark in Köln-Zollstock ist das Kölner Seniorenwerk Christophorus.
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Die Gruppe lernte sich beim Sommerfest kennen. Erst saßen alle allein, plötzlich zu viert an einem Tisch. „Dann sind immer mehr dazugekommen“, erzählt Isolde Ahr. So sei das heute auch noch, die Gruppenkonstellation ändere sich immer wieder. Irgendwann habe Thilo Schelling (80), ehemaliger Jurist, bemerkt, dass es keinen Bewohnerbeirat mehr gebe. Und damit auch keine Möglichkeit, über Hausregeln oder Freizeitangebote mitzubestimmen. Dabei sind sie es doch, die davon direkt betroffen sind. Schließlich gründeten Thilo Schelling, Isolde Ahr und eine dritte Mitstreiterin den Beirat, der sich seitdem einmal im Monat im Speisesaal zur Sitzung trifft. Letztes Mal seien rund 50 Interessierte gekommen. Auf der Tagesordnung stehen ganz unterschiedliche Dinge, zum Beispiel die Gründung einer Stuhltanzgruppe, wann sich die Fortuna-Fans zum Stadionbesuch treffen oder ob die Pflege der Gartenanlage so ausreicht. „Wir haben jetzt eine Stimme, die ernst genommen wird“, findet Isolde Ahr.
Ein Herzstück der neuen Mitbestimmung ist der Küchenausschuss, der mit Koch Murat Zengin berät, was in den nächsten Wochen gekocht wird. Ganze fünf Gerichte stehen jeden Tag auf der Karte zur Auswahl, plus Nachtisch, Tagessuppe und Salat. Alles wird frisch in der hauseigenen Küche zubereitet, kein Catering von außerhalb. Zengin geht nach dem Essen reihum und fragt, ob es denn geschmeckt habe. Es sei nicht leicht, Essen für Menschen zuzubereiten, die alle gut kochen können. Jeder kennt den Rostbraten eben ein bisschen anders. „Wir versuchen, einen Mittelweg zu finden“, sagt er.
Auch wenn der Beirat schon einiges erreicht hat und auf reges Interesse stößt, erzählt Thilo Schelling: „Das Schwierigste ist immer noch, die Leute zu animieren, teilzunehmen.“ Einige meckerten viel und säßen den ganzen Tag auf dem Zimmer, um Kreuzworträtsel zu lösen. Um hier ein schönes Leben zu haben, müsse man sich eben auch ein bisschen einbringen, so Isolde Ahr.
Dazu gibt es viele Optionen: Alle großen Feste und Geburtstage werden gemeinsam gefeiert und es gibt zahlreiche Freizeitangebote. „Mein Sohn beschwerte sich dieser Tage, dass ich nie zu erreichen sei. Hier ist eben immer etwas los“, erzählt sie. Trotzdem vergessen sie nicht, was über allem steht. „Das große Ziel ist, hier zu sterben. Das ist ja nicht schlimm, denn man kann es sich bis dahin ja auch schön machen.“
Isolde Ahr (86) und Reinhard Bartsch (82)

Isolde Ahr (86) liebt alle Kohlarten und einen herrlichen Salat. Reinhard Bartsch (82) ist zu Hause der Frühstücksdirektor.
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Isolde Ahr (86) hatte in ihrem Leben mehr Jobs als manche Leute Bücher – unter vielem anderen bei der Bundesbahn, in einer Buchbinderei oder als Beraterin für Kinderhäuser. In den vergangenen Jahren war sie vor allem Autorin. Besonders gern schreibt sie „böse Geschichten“, erzählt sie. Zahlreiche Lesungen hat sie im Rosenpark schon veranstaltet. Sie selbst lebt hier seit drei Jahren mit ihrem Partner und liebt ihre Aussicht im neunten Stock. Die Entscheidung für den Umzug wollte sie selbstständig treffen, erzählt Isolde Ahr. „Hier hat es mir am besten gefallen. Wir sind hier mitten im Leben: Es gibt Cafés und Restaurants, wo wir essen gehen können, die Bahn und das Südstadion ist gleich um die Ecke.“
Seit Isolde Ahr im Rosenpark wohnt, hat sich im Haus einiges verändert, für sie persönlich und für alle anderen. „Ich lerne hier ganz viele Leute mit unterschiedlichem Bildungsgrad und Herkunft kennen. Wenn man bereit ist, zuzuhören, erfährt man eine Menge.“ Sie engagiert sich im Seniorenbeirat und schlägt jeden Monat vor, was besser laufen könnte. Es ist ihr ein Anliegen, alle in die Gemeinschaft einzubeziehen: „Eine Gruppe zu sein, heißt auch, sich einzubringen.“
Reinhard Bartsch (82) ist für seine Frau in den Rosenpark gezogen. Am Anfang habe es ihm zu schaffen gemacht, jedes Mal vor der Wohnungstür Menschen in Rollstühlen und mit Rollatoren zu sehen. „Ich musste akzeptieren, dass ich dazugehöre. Ich bin auch alt“, sagt er. Den beiden ist es wichtig, immer noch gut angebunden zu sein an das Leben der Außenwelt. Zwei- bis dreimal in der Woche fährt er 60 Kilometer Rennrad. Fit wie ein Turnschuh, sagt seine Partnerin über ihn. Der Sozialpädagoge hat auch eine schriftstellerische Ader – und so lernte er Isolde Ahr vor 23 Jahren bei einem Autorentreffen kennen. Für die Liebe zog der Görlitzer dann nach Köln.
Liesel Wallraff (88)

Das Lieblingsessen von Liesel Wallraff (88) ist Rotkohl. Porree mag sie auch sehr gerne.
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Elisabeth Wallraff wird von allen eigentlich Liesel genannt. Sie ist 88, aber das Alter merkt man ihr kaum an. Vor allem nicht, wenn sie von ihrem Wochenprogramm erzählt. Bowling auf der Wii, Singen, Bingo, Gymnastiksport und Küchenausschuss – auf eines kann man sich verlassen: Liesel Wallraff ist dabei. „Ich brauche das, immer was zu tun zu haben.“ Vor ungefähr drei Jahren sei sie in den Rosenpark gezogen, erzählt sie. Ihr altes Zuhause in Bayenthal habe sie damals nur ungern verlassen. Der Umzug musste aber sein, denn ihrem Mann sei es damals gesundheitlich nicht gut gegangen. „Nach einem Jahr hier ist er verstorben“, erzählt sie.
Mittlerweile ist sie im Rosenpark angekommen und voll eingespannt. Als die Sozialarbeiterin, die den Bingo-Abend eigentlich organisiert, krank ausfiel, übernahm kurzerhand Liesel. Noch bis vor Kurzem habe sie sich um die Pflege des Gemeinschaftsgartens gekümmert. Das macht sie heute nicht mehr, ihre Tochter habe sie darum gebeten. „Ich hab’ gemeint, ich komme hierhin, um zu sterben. War nicht so.“ Mittlerweile ist Liesel wieder neu verliebt.
Ute Breitenboich (87)

Ute Breitenboich (87) isst alles sehr gerne. Sie kann sich gut mit fremden Küchen anfreunden und hat deshalb nie Not.
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Ute Breitenboich wurde zu einer Zeit geboren, als das polnische Breslau noch zu Deutschland gehörte. Im Alter von sechs Jahren flüchtete sie mit ihrer Mutter vor dem Krieg nach Schleswig-Holstein, der Vater kämpfte im Krieg. Heute fühlt sie sich in Köln zu Hause. „Köln ist so schön chaotisch und schmuddelig, meine Stadt irgendwie“, sagt sie.
Sie kam ins Seniorenhaus, weil sie schlecht laufen konnte. Die Wohnung war zu groß, und kochen wollte sie auch nicht mehr. Jetzt fühlt sie sich wohl, obwohl die Pfleger ihr jeden Tag aus dem Bett helfen müssen. „Hier sind immer Menschen um mich herum. Wir am Mädchentisch sind die letzten, die mittags vom Essen aufstehen, und die ersten, die nachmittags wiederkommen.“
Barbara Schelling (78)

Barbara Schelling (78) isst heute in der Kantine Sauerbraten mit Bratensoße, Rotkohl und Kartoffeln.
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Vor fünf Jahren hatte Barbara Schelling eine gebrochene Hüfte, einen Rollstuhl und eine Wohnung in Braunsfeld, die nicht barrierefrei war. Der Umzug ins Seniorenheim war für sie und ihren Mann Thilo also keine freie Entscheidung. Heute hat sie neue Kontakte geknüpft und kann dank vieler Trainingseinheiten wieder laufen – sogar ohne Rollator – und jeden Morgen Sport treiben. Die ehemalige Buchhändlerin führt im Rosenpark die hauseigene Bibliothek. Seit 60 Jahren ist sie mit Thilo verheiratet. Ihr hohes Alter erscheint ihr unwirklich. „Irgendwie hatte ich nie gedacht, dass ich älter als 30 werde.“
Helga Mausbach (87)

Helga Mausbach (87) isst gerne Nachtisch, Braten, Rotkohl, Kartoffeln und Mettbrötchen.
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Helga Mausbach kam aus Sachsen nach Köln, noch bevor die Mauer gebaut wurde. Sie hat hier geheiratet, zwei Söhne, vier Enkel und einen Urenkel bekommen. Ihre Wohnung in Zollstock zurücklassen zu müssen, ist ihr nicht leichtgefallen. „Es war schwer. Ich war immer sehr selbstständig“, sagt sie.
Doch im Rosenpark ist immer etwas los. Heute ist eine ihrer neu gewonnenen Freundinnen auf die Pflegestation umgezogen. Helga Mausbach macht Atemübungen und Gedächtnistraining, spielt Bingo, sitzt mittags am Mädchentisch und isst Mettbrötchen. Gleichzeitig genießt sie es, sich ab und zu auch zurückzuziehen.
