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Darstellung von FrauensportAuch der Kölner Sport hat noch Nachholbedarf

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Schauspielerin Sydney Sweeney wirbt für einen Sportwettenabieter - und löste damit eine weltweite Debatte aus.

Der Werbeclip einer US-Schauspielerin löste medial eine Debatte über die Darstellung von Frauen im Sport aus. Zwei Kölner Perspektiven.

„Nein, Sydney, es war nie: Nur Sport“, stellt die ehemalige deutsche Meisterin im Kunstturnen, Sarah Voss, auf der Social-Media-Plattform Instagram klar. Die Kölnerin ist eine von vielen Spitzensportlerinnen – darunter die australische Box-Weltmeisterin Skye Nicolson und die Olympiateilnehmerin und kanadische Skirennläuferin Cassidy Gray –, die sich zu der Debatte rund um die Werbekampagne der US-Schauspielerin Sydney Sweeney kritisch äußerten.

Seit Sweeney vor zwei Wochen einen Werbeclip für die Sportwetten-Plattform Novig postete, war das Internet in Aufruhr. In dem Kurzvideo ist Sweeney zu sehen, wie sie kaum bekleidet verschiedene Sportarten nachstellt, darunter Tennis oder Eishockey. Zeitweise bedecken nur zwei Footballs ihre intimsten Stellen. Dazu wiederholt sie immer wieder den Satz: „Nur Sport“.

Kampagnen dieser Größenordnung prägen mit, was wir als ‚normal‘ oder ‚erstrebenswert‘ empfinden
Sarah Voss, Kölner Kunstturnerin und Olympiateilnehmerin
Turnerin Sarah Voss gestikuliert nach der Übung.

Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024: Turnerin Sarah Voss

Und genau diese Inszenierung erzeugte ein lautes mediales Echo: Während der Clip weiblichen Sport sexualisiert darstellt, müssen sich Athletinnen alltäglich gegen Sexismus im Sport wehren, so die Kritik. Die Debatte, die Sydney Sweeney mit dem Spot angestoßen hat, ist weitaus größer, als ein einminütiger Clip mutmaßen lassen würde: Jetzt geht es tatsächlich nicht mehr nur um Sport oder Werbung, sondern um die mediale Darstellung von Frauensport.

Die Kölner Sportlerin und Olympiateilnehmerin Sarah Voss erkennt zwar die unternehmerische Leistung von Sweeney und Novig an, immerhin zieht der provokante Spot millionenfache Aufmerksamkeit auf sich. Gleichzeitig betont sie, dass die Werbung eben gerade über dieses Muster funktioniere, das Sportlerinnen seit Jahrzehnten kennen: Sexualisierung. Und Werbung wie die einer bekannten Hollywood-Schauspielerin hat eben auch einen großen gesellschaftlichen Einfluss: „Kampagnen dieser Größenordnung prägen mit, was wir als ‚normal‘ oder ‚erstrebenswert‘ empfinden“, so Voss.

Männer werden überwiegend als Athleten dargestellt, Frauen dagegen noch immer häufiger zugleich als Athletinnen und als Frauen
Dr. Christoph Bertling, Leiter des Instituts für Kommunikations- und Medienforschung an der Sporthochschule Köln

Die Kölnerin setzte 2021 selbst ein Zeichen für Selbstbestimmung von weiblichen Körpern, als sie bei der Turn-EM in Basel in einem Ganzkörperanzug antrat. Damals gab es zahlreiche Reaktionen auf Voss’ Aktion. „Das zeigt sehr deutlich, wie sehr die Wahl der Sportkleidung – eigentlich eine funktionale, persönliche Entscheidung – öffentlich zur Grundsatzdebatte über den weiblichen Körper wird“, sagt sie dazu.

Ein deutlicher Unterschied zur Berichterstattung über Männersport, wie Christoph Bertling, Leiter des Instituts für Kommunikations- und Medienforschung an der Sporthochschule Köln, erklärt. „Bei Sportlern konzentriert sich die Berichterstattung überwiegend auf Leistung, Taktik, Konkurrenz und Karriere. Bei Sportlerinnen werden dagegen nach wie vor häufiger auch Aussehen, Kleidung, Emotionalität, Partnerschaften oder familiäre Rollen thematisiert“, so Bertling. Heute würden diese Unterschiede allerdings subtiler ausfallen als noch vor 20 Jahren. Das Frauenbild sei vielfältiger geworden und zeige vermehrt leistungsstarke Frauen statt einer traditionellen Inszenierung.

Auch im Kölner Sport ist noch Luft nach oben

Zu dieser veränderten Perspektive auf den Frauensport haben laut Bertling vor allem internationale Erfolge, die zunehmende Professionalisierung, insbesondere des Frauenfußballs, steigende Zuschauerzahlen, veränderte gesellschaftliche Erwartungen und die eigenen Kommunikationskanäle der Sportlerinnen beigetragen. Trotz alledem spielen Frauenkörper immer noch eine zentrale Rolle in der Berichterstattung über Sportlerinnen. So formuliert Bertling zugespitzt: „Männer werden überwiegend als Athleten dargestellt, Frauen dagegen noch immer häufiger zugleich als Athletinnen und als Frauen.“ Gleichberechtigt sei Männer- und Frauensport also längst noch nicht.

Dieser Eindruck gilt wohl auch für den Kölner Sport, der noch immer von Vereinen wie dem Männerfußball des 1. FC oder von den Kölner Haien dominiert wird. Die Frauen des 1. FC Köln und andere Kölner Sportlerinnen erhalten hauptsächlich anlassbezogen Aufmerksamkeit. Der entscheidende Test lautet nach Bertlings Einschätzung deshalb: „Werden Kölner Sportlerinnen nur beim außergewöhnlichen Ereignis sichtbar – oder gehören sie selbstverständlich zur täglichen Sportberichterstattung?“

Das ist der Grund für die mangelnde Sichtbarkeit

In der Verantwortung sieht Bertling deshalb vor allem die Wissenschaft und den Journalismus. Wissenschaftsinstitutionen wie die Kölner Sporthochschule müssten an der Sichtbarkeit von Frauen im Sport forschen und diese Ergebnisse auch in den öffentlichen Diskurs einfließen lassen. Die Lehre sollte laut Bertling außerdem vermitteln, dass eine geschlechtergerechte Sportberichterstattung ein Qualitätsmerkmal journalistischer Professionalität ist. Bisher sehe er den Sportjournalismus allerdings nicht als Vorreiter, sondern eher als „zögerlichen Nachzügler“.

Grund für die mangelnde Sichtbarkeit des Frauensports sei vor allem ein medialer Teufelskreis: „Geringere Berichterstattung erzeugt geringere Bekanntheit – und diese geringere Bekanntheit wird anschließend als Begründung für erneut geringere Berichterstattung verwendet“, so Bertling. Deswegen fordert der Wissenschaftler regelmäßige Berichterstattung, konsequente Konzentration auf Leistung, Taktik und sportliche Entwicklung, gleiche journalistische Maßstäbe für Frauen und Männer, sensible Kameraführung und Bildauswahl, mehr Frauen in Redaktionen, Produktion und Führungspositionen, vielfältige Körperbilder und klare Standards für Werbung, Verbände und Medienpartner.

Letztendlich ist Sexualisierung eine Frage der Darstellung. Sexualisierung entstehe durch Inszenierung, sagt Bertling. „Eine Sportlerin in knapper Wettkampfkleidung wird nicht automatisch sexualisiert. Das geschieht in stärkerem Maße erst, wenn die Darstellung ihren Körper von ihrer sportlichen Handlung abkoppelt“, stellt der Medienforscher klar. In Sweeneys Werbeclip ist genau das zu sehen – und so kommt Sarah Voss zu ihrem Fazit: „Das war nie ‚nur Sport‘ und auch nie ‚nur Werbung‘. Es ist immer auch ein Statement darüber, welchen Blick auf Sportlerinnen wir normal finden.“