Köln – Daniel van Balsfort hat nicht viel Zeit. Er stoppt seinen Traktor, drückt die Tür des Fahrerhauses auf. „Gestern habe ich gemäht, heute gewendet“, sagt der Landwirt aus Langel. Gerade mal eine Viertelstunde ist er mit Trecker und Heuwender über die 2,5 Hektar große Wiese gekurvt. Fertig. „Ich muss weiter zum nächsten Feld“, sagt van Balsfort, startet sein Fahrzeug und lässt eine staubige Wolke zurück.
Strandläufer heißt unsere Sommerserie, für die wir das Rheinufer innerhalb der Stadtgrenzen abgehen. Von Worringen wandern wir bis Godorf/Wesseling, wechseln dort die Rheinseite und laufen von Langel bis zur Leverkusener Stadtgrenze in Stammheim. Zweimal pro Woche, vier bis sieben Kilometer pro Etappe.
Auf dem Weg sammeln wir Geschichten und Eindrücke am Rhein. Wir verlassen das Ufer auch, um mit Menschen in den Orten am Fluss zu sprechen.
Die Großstadt ist weit weg hier oben im Norden. Im Prinzip jedenfalls. Denn wenige Hundert Meter weiter bestimmt die Silhouette der Leverkusener Brücke das Bild. Selbst aus der Ferne sind die schweren Lastwagen zu erkennen, die den Rhein überqueren. Gibt es da nicht ein Lkw-Verbot?
Wir entfernen uns vom Rhein und kommen nach Merkenich. An zahlreichen Häusern hängen noch die Deutschlandfahnen, sie holen die Erinnerung an das grandiose WM-Finale zurück. Viel ist nicht los auf der Hauptstraße. Ein einzelner Lastwagen ist offenbar doch von der Autobahn abgefahren und zwängt sich durch den Ort. Der alte Getränkemarkt wird gerade abgerissen. Im Fenster der Bäckerei Grüttner hängt ein Zettel, auf dem sich die Kinder des Fröbel-Kindergartens für einen Besuch in der Backstube bedanken: „Der Teig war so schön klebrig. Es hat uns gefreut, dass wir so viele Leckereien mitnehmen durften. Die schönste Backform war der Hase.“ Die Aufschrift auf einem Wegekreuz mahnt: Rette Deine Seele.
Ein guter Ort dafür ist die Kirche St. Brictius. Ein kühler Ort außerdem und damit ein angenehmer Arbeitsplatz für Birgit Peters an diesem heißen Vormittag. „Der Pfarrer ist in Urlaub, aber der Betrieb muss weitergehen“, sagt die Küsterin der Kirche, die zur Großgemeinde Seliger Papst Johannes XXIII. gehört. Dennoch ist es ruhiger in den Ferienwochen, und so ist Zeit, Dinge zu erledigen, zu denen sie sonst kaum kommt. „Heute steht Fensterputzen in der Sakristei an“, sagt Peters und erklärt, warum der weiße Kirchturm fast ein wenig verloren neben dem markanten modernen Gotteshaus aus den 1960er Jahren steht – er wurde von dem Abriss der alten Kirche verschont.
Auf dem schnurgeraden Weg hinunter zum Fluss kommen uns die Mädchen und Jungen vom Fröbel-Kindergarten entgegen. „Die Kinder lieben die Ausflüge zum Rhein“, sagt eine Erzieherin. Beate Erker kann das nur zu gut nachvollziehen. Sie hat mit ihrer Freundin Kristin Dingerdissen aus Münster und den fünf Kindern einen Strandtag eingelegt. „Wenn ich in Köln bin, muss ich die Füße in den Rhein stecken“, sagt Dingerdissen. „Und wenn ich Richtung Rhein gehe, ist Urlaub angesagt“, ergänzt Erker. Die Pänz spielen im Schatten der Bäume am sandigen Ufer, ganz leichte Wellen schlagen aufs Land.
„Die Kinder sollen die Situation am Rhein kennenlernen und wissen, dass es gefährlich sein kann und sie gut aufpassen müssen“, sagt die Merkenicherin. „Wir bleiben in Sichtweite“, versichert Lilly (8), die mit ihren Geschwistern und Freunden ein Gebilde aus Steinen in das flache Wasser gesetzt hat. „Ein Rheinodom“, sagt Kristin Digerdissen schmunzelnd. Dass der Blick auf die Bayer-Industrieanlagen auf der anderen Rheinseite alles andere als Postkarten-Qualität hat, stört die Mütter überhaupt nicht. „Wenn es dämmert und die Lichter angehen, kann es sogar richtig schön sein“, sagt Erker.
Im Ort stellen Thomas und Elke gerade ihre Fahrräder ab. Eine kleine Stärkung im Eiscafé Dolomiti, die beiden Radfahrer aus der Eifel haben sie sich verdient. „Seit Samstag sind wir unterwegs“, sagt Thomas. Mit dem Zug nach Duisburg, dann kreuz und quer durchs Ruhrgebiet, zwischen 70 und 100 Kilometer jeden Tag. „Die Unterkünfte haben wir übers Smartphone gebucht.“ Zurück in Duisburg, ging es den Rhein entlang Richtung Süden, „irgendwo bei Mechernich oder Euskirchen“ soll heute Schluss sein.
Das wird noch eine schweißtreibende Angelegenheit. Stefan Kappel und Niklas Pilgram können es da ein bischen ruhiger angehen lassen. Die beiden Platzwarte des SV Merkenich sind gerade dabei, das Unkraut auf dem Vereinsgelände am Ivenshofweg zu vernichten. „Der Zaun muss frei sein, sonst kriegen wir Ärger mit der Stadt“, sagt Kappel. Die Sommerpause wollen sie nutzen, um notwendige Arbeiten zu erledigen: Ein Tor muss repariert werden, die Tribüne ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, die morschen Holzböden müssten dringend erneuert werden – „aber dafür brauchen wir Sponsoren“, sagt Kappel.
Dann der Kontrast. Industrie statt Idylle. Das Heizkraftwerk Niehl, die Ford-Werke, die allein drei KVB-Haltestellen ihre Namen geben, auf der anderen Straßenseite die Müllverbrennungsanlage – Stadtrundfahrt-Busse sollten um dieses Viertel einen weiten Bogen machen.
Erst an der Bremerhavener Straße, gegenüber dem Pumpwerk, lohnt sich die Aussicht wieder. Inge und Günter Weiss sitzen auf einer Bank, ihrem Stammplatz, den sie häufig in der Mittagszeit aufsuchen. „Bis das Schiff da bei uns ist“, sagt Inge Weiss und deutet auf ein kleines Ausflugsboot. „Dann sind wir wieder weg.“