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2015 stieg die Zahl der GeburtenBabyboom mit mehr als 13.700 Neugeborenen in Köln

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In Köln gibt es so viele Babys wie seit 1975 nicht mehr

Köln – Hellena Maxi ist seit vier Tagen auf der Welt und liegt schlafend bei ihrer Schwester Olivia (5) im Arm, da denken ihre Eltern schon über ein weiteres Geschwisterchen nach. „Einen Tag nach der Geburt dachte ich noch, Nein, auf keinen Fall“, sagt lachend Mutter Jessica Anna Obst (37), „jetzt sieht das schon anders aus.“ „Ja, warum nicht“, sagt Vater Jan Eric Neuling (42), „man muss Prioritäten setzen.“ Und die heißen: Kinder, Familie. Im Nippeser Vinzenz-Krankenhaus ist Hellena Maxi dieses Jahr eines von weit mehr als 1.100 Neugeborenen – im vergangenen Jahr waren in dem Stadtteilkrankenhaus das erste Mal über 1.000 Kinder zu Welt gekommen, 1013 genau. „Geld ist nicht alles, im Gegenteil“, sagt Jessica Anna Obst, „wir kommen zurecht, mit dem was wir haben. Und was gibt es Schöneres, das dem Leben einen Sinn gibt, als Kinder?“

Bessere Betreuung von Kleinkindern

In Köln sind in diesem Jahr so viele Babys zur Welt gekommen wie seit 1975 nicht mehr. Mit 13.700 Geburtsbeurkundungen rechnet das Standesamt für 2015 – vor zwei Jahren waren es lediglich 12.425. Es gibt in Köln mehr Familien mit ein, zwei oder drei Kindern als noch vor fünf Jahren, während der Anteil der Single-Haushalte bei rund 50 Prozent stagniert. Experten glauben, dass eine verbesserte Betreuung von Kleinkindern ebenso einen Anteil daran hat wie das Elterngeld – und veränderte Prioritäten. Die Familie wird vielen wieder wichtiger.

Man könnte also mit einem gewissen Recht von einem Babyboom sprechen und von einer kleinen Renaissance der Familie. Statistiken sind aber natürlich Interpretationssache – der Geburtenanstieg ist vor allem auf den Bevölkerungszuwachs zurückzuführen. Fakt ist allerdings auch, dass Kölner Frauen wieder mehr Kinder bekommen: Brachten nach dem 1974er Pillenknick 10 000 Frauen in der Stadt im Schnitt 366 Kinder zur Welt, so waren es 2014 immerhin 411 (und 2010 nur 374). Babyboom trifft also in gewisser Weise zu – allerdings längst nicht in dem Ausmaß wie zu den bekannten Babyboomer-Zeiten Mitte der 1960er Jahre. 1964 kamen auf 10.000 Kölnerinnen 678 Geburten.

Verteilung in den Veedeln

Interessant ist die Entwicklung in den Veedeln. Während die Geburtenzahlen in Raderthal, Porz, Weiß, Bickendorf, Mauenheim und Bilderstöckchen zwischen 2004 und 2014 stagniert haben, sind sie in der Südstadt, Sülz, Lindenthal, Widdersdorf, Mülheim, Ehrenfeld, Nippes und Dünnwald stark gestiegen. Weniger Kinder als vor zehn Jahren wurden zum Beispiel in Buchforst, Hahnwald, Weiden, Müngersdorf, Seeberg und Weidenpesch geboren. Einen Babyboom gibt es also vor allem in Vierteln, die bei bürgerlichen Familien beliebt sind.

Jessica Anna Obst und Jan Eric Neuling leben mit ihren Töchtern Olivia und Hellena Maxi in Nippes – einem der Stadtteile mit den höchsten Kinderzuwachszahlen. Das Gerücht, Nippes sei das kinderreichste Viertel Deutschlands, stimmt allerdings nicht.

Stadt braucht neue Schulen

Auch die Flüchtlinge bringen Kinder in die Stadt – und senken den Altersdurchschnitt von aktuell 42 Jahren. Der neue Kinderreichtum bedeutet für die Stadt nicht nur ein Glück, weil Köln jung und zukunftsträchtig bleibt, es ist auch eine enorme Herausforderung. Wächst die Bevölkerung weiter wie erwartet, benötigt die Stadt bis 2030 zwölf neue Grundschulen und 14 bis 15 neue weiterführenden Schulen – Seiteneinsteigerklassen für Flüchtlinge und Räume für den steigenden Bedarf im Ganztag nicht mit einberechnet. 18 Schulen sollen bis spätestens 2025 neu gebaut sein, bis 2020 sollen „nach Möglichkeit 16 Erweiterungen“ abgeschlossen sein, teilt Schuldezernentin Agnes Klein mit. Kinder wie Hellena Maxi, das ungefähr 13.000. Kölner Baby in diesem Jahr, hätten nach Stand der Dinge keinen Grundschulplatz. Stadtverwaltung und Staat sind in Zeiten des Zuzugs gefordert.

Auch der Bedarf an Kindertagesstätten und Plätzen wird enorm steigen. Bis zum Kindergartenjahr 2020/2021 will die Stadt „nach Möglichkeit“ 3750 neue Plätze für unter Dreijährige und 1.830 Plätze für Drei- bis Sechsjährige schaffen. Nur dann wäre weiterhin eine Versorgungsquote von 50 Prozent bei den unter Dreijährigen sichergestellt. Schon heute liegt der Bedarf in den bürgerlichen Vierteln deutlich höher. Bis 2025 würde der neue Kölner Kinderreichtum 85 neue Kindertageseinrichtungen (mit jeweils 80 Plätzen) erfordern – und das, obwohl die Stadt seit dem Kindergartenjahr 2008/2009 schon rund 100 neue Kitas geschaffen hat. Immens ist der Bedarf bei den Erzieherinnen – schon jetzt können viele Stellen kaum besetzt werden, Umschulungen von Fachfremden haben Hochkonjunktur, können den Bedarf aber langfristig nicht decken. 1.360 Vollzeitstellen mehr benötigen die Kölner Kitas bis 2025.

Jessica Anna Obst, Jan Eric Neuling und ihren Töchtern ist davor nicht bange. „Wir freuen uns erstmal auf das erste Weihnachten zu viert“, sagen sie. Um im neuen Jahr die Familienplanung weiter voranzutreiben.