Köln – Für ein großes Fest hat er keine Zeit. Das große Solidaritätsfest des Aktionsbündnisses #türauf für die Flüchtlingshilfe in der Philharmonie am Sonntag ist wichtiger als eine Geburtstagsparty. Hans Mörtter, umtriebiger Südstadt-Pfarrer und Streiter gegen alle sozialen Verwerfungen in seiner geliebten Heimatstadt, wird 60. Sein größter Wunsch zum runden Geburtstag, der nur im kleinen Kreis gefeiert wird: „Ich will mir selbst treu bleiben.“
Zusammen mit seinem katholischen Pendant auf der rechten Rheinseite, Franz Meurer, ist der evangelische Priester in den vergangenen Jahren zu so etwas wie dem sozialen Gewissen der Stadt geworden. Keine Diskussion ohne das gewichtige Wort der beiden Kirchenmänner, die nicht zuletzt deshalb so geschätzt werden, weil sie sich immer wieder mit den eigenen Institutionen anlegen. „Die etablierte Kirche liegt im Sterben. Sie passt nicht mehr“, provoziert Mörtter.
Zuletzt habe ihm eine Kirchenbesucherin gesagt, dass er mit dem, was er in seiner Gemeinde mache, seiner Kirche Jahrzehnte voraus sei. „Wir sind der Bagger, der voran fährt und Wege frei macht.“ So etwas erzählt der Sohn eines Bonner Metzgermeisters gerne. Ein bisschen Eitelkeit kann nicht schaden, wenn man mitgestalten will.
So wie man Mörtter bei allen möglichen politischen oder kulturellen Anlässen erlebt, ist er auch als Pfarrer im Gottesdienst. „Sehr authentisch, sehr glaubwürdig und sehr überzeugt von dem, was er tut“, beschreibt ihn ein Gemeindemitglied. Und: „Er steht fest im Glauben, ohne frömmelnd zu sein.“
Für Begegnungen ohne Schranken und Angst
Kirchenobere fragen ihr experimentierfreudiges Personal gerne nach dem Markenkern, wenn sie auf allzu unkonventionellen Wegen unterwegs sind. Für Mörtter ist die Antwort einfach: „Schaut auf Jesus!“ Dieser stehe für eine Kirche, die zuhört und dahin geht, wo die Menschen sind, für Begegnungen ohne Schranken und Angst. Und so diskutiert er öffentlichkeitswirksam mit Prostituierten, feiert mit Muslimen, will ein „Sieben-Sterne-Hotel“ für Obdachlose mitten in der Stadt eröffnen, tanzt mit Gästen durch seine Kirche und hört nicht auf, vor den Folgen einer Stadtentwicklungspolitik zu warnen, die die Verdrängung von Alteingesessenen und Weniger-Betuchten in Kauf nimmt.
Seit 1987 ist er Pfarrer in der Lutherkirche in der Südstadt. Seitdem hat sich nicht nur vieles verändert, was in seiner Kirche geschieht. Auch das Viertel ist lange nicht mehr das, was es war. Die Südstadt gilt mittlerweile vielen als Musterbeispiel für eine abgeschlossene Fehlentwicklung. Die Folgen der sogenannten „Gentrifizierung“ seien „fürchterlich und grausam“, sagt Mörtter. Nach und nach verschwinde das, weshalb die Neubürger ins Viertel gezogen seien: die soziale Mischung, der kleine Einzelhandel, das Familiäre, eine gute Nachbarschaft. Aufgeben wird er nicht: Ein paar Hausbesitzer gebe es noch, die man davon überzeugen könne, von Luxussanierungen oder einem Hausverkauf abzusehen. Und auch die Politik sei dringend gefordert: „Wo bleiben die versprochenen Milieuschutzssatzungen?“ Für ihn, „als Christ und Bürger der Stadt“, sei wichtig, dass wieder die Menschen in den Blick genommen werden „und nicht das Geld“. Das sind Themen, bei denen der meist ruhige Mann auch mal wütend werden kann. Unverbindlichkeit und Beliebigkeit gehören auch dazu. Manchmal hilft die Kunst, die Wut in Bahnen zu lenken. Bei einem vorweihnachtlichen Mitsingabend in der Lutherkirche ließ er sich mit sphärischen Klängen am Klavier begleiten, um seinen Zorn über die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes in völlig erstaunte Gesichter zu brüllen.
Kürzertreten will er nicht
Er hat das Gefühl, dass seine Botschaften durchaus ankommen. „Es gibt einen Umbruch. Menschen merken, dass nicht alles beliebig, austauschbar und käuflich ist. Das funktioniert nicht mehr.“ Die Menschen würden sich wieder nach Verbindlichkeit und Verlässlichkeit sehnen, nach einem Lebenssinn jenseits von Ramsch und Kommerz. „Es gibt Gott und den brauchen wir auch.“
Kürzertreten oder die Dinge langsamer angehen, will der Karnevalsjeck und Fortuna-Fan mit 60 nicht. Dafür gebe es zu viel zu tun. „Ich bin es selber schuld. Wer laut ruft, zieht auch immer mehr Anfragen, Probleme und Ratsuchende an.“ Bislang nicht gemeldet habe sich leider jemand, der ihm einen Assistenten oder eine Sekretärin finanziert. Neben Spendern für die vielen sozialen Projekte wird auch ein Sponsor für das „Projekt Mörtter“ gesucht. Gewogenheit darf man im Gegenzug vom streitbaren Mann aber nicht erwarten. 1994 wollte ein großzügiger Unterstützer erzwingen, dass Mörtter die Trauung eines schwulen Paars in der Kirche absagt. Die Gemeinde muss seit dem jedes Jahr ohne die bis dahin regelmäßige 10 000 Spende auskommen.
