Merheim – Den Ernstfall auch nur mal zu spielen und sich dafür probehalber auf eine Rettungsliege zu legen – das kostet die Jugendlichen trotz freundlicher Hilfe der Johanniter-Helfer schon ein bisschen Überwindung. Denn keiner der Zehntklässler der Gesamtschule Hennef hat bisher einen Rettungswagen von innen gesehen. Zu fühlen, wie die Halskrause und die Vakuum-Matratze immer weniger Bewegung zulassen, treibt bei Anna Laura Wiebecke (15) die Blutdruckanzeige in die Höhe. „Ich werde so eine Situation hoffentlich nie in Wirklichkeit erleben“, sagt sie. „Aber es ist auch gut zu wissen, wie einem da geholfen wird.“
Zu viele junge Menschen landen auf dem OP-Tisch
Der Rettungswagen-Besuch gehört zum sechsstündigen Vorbeugungsprogramm „Party“, das die Unfallchirurgen der städtischen Kliniken in Merheim Schulen seit vier Jahren anbieten. Anlass ist, dass auf ihren OP-Tischen zu viele junge Menschen liegen: In der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren sind Unfälle im Straßenverkehr immer noch Ursache Nummer eins für Tod und schwerste Verletzungen. Laut Polizei sind die Gründe: riskantes Fahren durch Selbstüberschätzung, Alkohol im Blut, Smartphone-Gebrauch und Drogen am Steuer.
Training für ein besseres Verhalten
Die Frage ist: Kann man Jugendlichen ein besseres Verhalten im Straßenverkehr antrainieren? Immer mehr Unfallchirurgen sind sich inzwischen sicher: Man kann, indem man ihnen die schrecklichen Folgen von Unfällen demonstriert. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern durch Rollenspiel und Konfrontation mit Unfallopfern. Die Schüler werden dazu im Krankenhaus durch Stationen geführt – vom Rettungswagen über den Schockraum, Intensiv- und Normalstation bis hin zur Physiotherapie. Mit dabei ist Guido Spinnen von der Unfall-Präventions-Abteilung der Kölner Polizei. „Wir wollen euch ja nicht das Vergnügen am Fahren nehmen“, begrüßt die Unfallchirurgin Dr. Paola Koenen die Hennefer Mädchen und Jungen. „Aber ein paar Denkanstöße geben, damit Ihr künftig in manchen Situationen überlegter reagieren könnt.“
Wie die Jugendlichen auf die „Denkanstöße“ reagieren, lesen Sie im nächsten Abschnitt.
Diese Denkanstöße in Merheim haben es in sich. Sprachen die Jugendlichen schon am Rettungswagen kaum noch miteinander, verstummen sie im Schockraum völlig. Günter-Josef Diekmann, stellvertretender Leiter der Notaufnahme, verteilt lange, schwere Bleiwesten zum Schutz vor Röntgenstrahlen, damit sich die Schüler so fühlen wie das große Fachärzte-Team beim Einsatz.
Seine Erläuterung, dass zur Klärung der Verletzungen auch die Kleidung vom Leib geschnitten werde, weil beim Röntgen nur im nackten Zustand jeder Knochenbruch erkennbar sei, lässt so manche Miene erstarren. Doch alle hören dem Arzt konzentriert zu. Seine anschauliche Schilderung vom Kampf um das Leben der Patienten lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Überall ist Dreck und Blut, hinterher sieht es hier aus wie auf einem Schlachtfeld.“ Schockieren im Schockraum, das wirkt.
Das Party-Programm (Abkürzung für Prevent Alcohol and Risk Related Trauma in Youth) wurde 1986 in Kanada von Unfallchirurgen entwickelt. Es gehört zur erfolgreichsten Unfall-Prävention vor dem Erwerb des Führerscheins. Mehrere langjährige Studien in Kanada und den USA haben inzwischen gezeigt, dass durch Risiken verursachte Verletzungen zwischen 22 und 23,5 Prozent bei Party-Teilnehmern weniger vorkamen im Vergleich mit gleichaltrigen Jugendlichen.
Die Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sport am Klinikum Merheim entwickelte 2011 ein Party-Programm nach kanadischem Vorbild. Dort ist auch die Koordinierungsstelle für deutsche und europäische Party-Aktivitäten. Bundesweit wurde das Programm inzwischen von 15 Krankenhäusern übernommen. In Köln wird es nur in Merheim angeboten. Anmelden können sich zehnte und elfte Schulklassen über die Website. (kb)
Das Angebot, sich anschließend auf der Intensivstation hinzusetzen, wenn einem schwummerig wird vor Augen, wird jetzt von manchem der jungen Besucher gerne angenommen. Als die Jugendlichen von einer Tür aus einen Blick auf einen Patienten an Schläuchen werfen können, halten sich die Jungs doch lieber erst mal im Hintergrund.
Praktisches Beispiel
Auf der Normalstation erwartet die Gruppe schließlich ein 42-jähriger Mann in seinem Bett und der Anblick seines schwerst verletzten Fußes. Über das Gelenk spannt sich ein großer, stark angeschwollener Hautflicken, der gut sichtbar dem Oberschenkel des anderen Beines entnommen worden war. Ganz sachlich erzählt der Patient von seinem Motorradunfall, der sich vor zwei Monaten ereignet hatte, von der zwölfeinhalbstündigen Operation, von der Kündigung seines Arbeitsplatzes drei Tage nach dem Unfall, von seiner Ehe, die auf der Kippe steht.
Davon dass er wohl noch ein Jahr brauche, bis er wieder gehen könne. Aber er spricht auch von seiner ungebrochenen Hoffnung auf noch viele weitere Motorrad-Fahrten. Währenddessen massiert ein Physiotherapeut vorsichtig den Fuß. Als der Patient sagt: „Das ist der Mann, der mich wieder auf die Beine bringt“, gibt es spontan Beifall von den Schülern. „Ich finde es wichtig, so etwas mal zu sehen“, sagt Johanna Haarhaus (15). „Und zu hören, welche Lebenskraft noch in dem Mann steckt.“
Persönliche Schilderungen beeindrucken
Auch der Auftritt eines ehemaligen Patienten, der erzählt, welche lebenslange Auswirkungen sein fast tödlicher Unfall vor zehn Jahren hat, berührt die Jugendlichen. Es sind diese beiden persönlichen Schilderungen, die für etliche der Zuhörer die beeindruckendsten Erlebnisse des Tages sind.
Anschließend will so schnell nicht mehr jeder junge Besucher im Physiotherapie-Raum mit abgewinkeltem Knie probieren, wie man auf einer Unterschenkel-Prothese gehen lernt. Eines müsse ihnen klar sein, wendet sich der Abteilungsleiter Guido Jordan noch eindringlich an die Mädchen und Jungen: „Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch seelische Folgen nach einem Unfall.“
Nachdenklich machen sich die Schüler auf den Heimweg. „Das hat was gebracht“, meint Lea Müller-Jänsch (16) zum Abschluss. „Auf jeden Fall“, nickt Florian Witte (17). „Es macht Bilder im Kopf, die man nicht vergisst.“
