Köln – Fünf Männer stehen am 22. August 2014 auf dem Pylon der Severinsbrücke. Sie sind schwarz gekleidet, tragen keine Helme und sind nicht durch Gurte oder Seile gesichert. Es ist eine Szene, die viele Blicke auf sich zieht. Lebensmüde Kletterer? Stuntmen, die einen Actionfilm drehen? Ein Spaziergänger macht ein Foto, darauf ist auch ein Polizei-Hubschrauber zu sehen. Wie sich damals herausstellte, waren die Männer auf dem Pylon Elite-Polizisten, die ein Training gegen Höhenangst absolvierten. So lautete im Sommer 2014 die Erklärung der Polizei. Die Behörde prüft jetzt allerdings, ob die Übung des Spezialeinsatzkommandos (SEK) in fast 80 Metern Höhe einen eher privaten Hintergrund hatte und die Klettertour möglicherweise dazu diente, ein spektakuläres Foto zum Abschied des Chefs der Kölner Spezialeinheiten machen zu können. Der stand damals kurz vor seinem Wechsel in die Polizeiinspektion 1, die er seitdem leitet. Der Polizist war selbst mit auf den Pylon geklettert, außerdem waren nach Angaben der Polizei sein Nachfolger, zwei weitere Führungskräfte und ein Mitarbeiter der Führungsstelle dabei. Zu der Frage, ob alle fünf für eine Übung wie diese ausgebildet waren, machte die Polizei am Donnerstag keine Angaben. „Wir müssen das alles erst einmal aufklären“, heißt es. Dass Führungskräfte an Übungen wie dieser teilnehmen, sei allerdings üblich.
Polizeipräsident Wolfgang Albers kennt das Foto des Spaziergängers aus der Berichterstattung im Sommer 2014. „Er ging von einer regulären Übung aus“, teilte das Präsidium mit. Durch Medienanfragen habe er nun „erstmalig“ Hinweise erhalten, „dass die Übung eine unzulässige Verquickung von persönlichen und dienstlichen Interessen gewesen sein könnte, um ein Abschiedsfoto für den ehemaligen Leiter der Spezialeinheiten zu fertigen.“ Diesen Umstand wolle er nicht ungeprüft stehen lassen und habe aus diesem Grund seinen Vertreter, einen „erfahrenen Verwaltungsjuristen“, als neutrale Person mit der objektiven Aufklärung des Sachverhalts beauftragt. Zum Einsatz des Helikopters heißt es aus dem Präsidium: „Der Hubschrauber sollte unter anderem Übersichtsaufnahmen von einsatzrelevanten Örtlichkeiten im Stadtgebiet fertigen.“ Was der Einsatz gekostet hat, sei nicht erhoben worden. Wie zu erfahren war, sollen aber auch Fotos vom SEK-Leiter aus dem Helikopter heraus gemacht worden sein.
Fragen an Innenminister Jäger
Gregor Golland, Innenexperte der CDU-Fraktion, will von Innenminister Ralf Jäger (SPD) mehr über den Fall wissen. Jäger müsse die Hintergründe des Brückeneinsatzes im Landtag erklären, sagt der Brühler Abgeordnete. Der Vorgang zeige, „dass an der Führungsspitze des Kölner Präsidiums einiges im Argen liege“, meint Golland. Nach dem schlecht geplanten Hogesa-Einsatz sei die zweifelhafte SEK-Übung ein weiterer Beweis für das Führungsproblem bei der Kölner Polizei.
Das Innenministerium hat einen „umfassenden Bericht“ angefordert. „Wir sind uns sicher, dass Herr Albers als Polizeipräsident den Sachverhalt aufklären wird“, sagte ein Sprecher. Es war nicht das erste Mal, dass eine Führungskraft der Polizei zum Abschied in luftiger Höhe abgelichtet wurde. Winrich Granitzka, ehemaliger leitender Polizeidirektor, später CDU-Fraktionschef, war im Jahr 2003 auf dem Pylon der Severinsbrücke – auch von dieser Aktion soll es Bilder geben. „Das war kurz vor meinem Abschied“, sagt der 70-Jährige. „Das war aber kein Privatvergnügen, ich wurde damals zu einigen Übungen eingeladen, die ohnehin anstanden.“ Dass Fotos dabei gemacht wurden, habe er nicht mitbekommen.
