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Straßenmusik Mit dem Klavier von Köln aus um die Welt

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Thelonious Herrmann reist mit seinem Klavier um die Welt.

  • Thelonious Herrmann aus der Südstadt ist in ganz Europa unterwegs.

Köln – Wie er auf die Idee kam, sein Klavier einfach mal aus dem Haus zu schieben, weiß Thelonious Herrmann auch nicht mehr. „Vielleicht habe ich gedacht: Warum soll ich immer nur für mich spielen?“ Jedenfalls schob er es auf die Straße, parkte es ein paar Meter weiter an der Ecke von Josephstraße und Severinstraße in der Südstadt und fing an zu spielen. Der Soundtrack des Films „Die fabelhafte Welt der Amelié“ muss es wohl gewesen sein, auch das ist nicht eindeutig überliefert.

Sicher ist: Der Auftritt ist nun drei Jahre her, brachte ihm eine überraschend gute Aufbesserung seines Taschengeldes ein und das Selbstbewusstsein, sein Glück weiterhin auf der Straße zu suchen. Aus der Südstadt wurde das Rheinufer, aus dem Rheinufer der Heumarkt,  aus Köln wurde Lüttich, aus Lüttich eine Reise durch Südosteuropa. Thelonious Herrmann, kurz Theo genannt, ist erst 19 Jahre alt und hat sein Klavier schon an viele Orte gebracht. Längst ist aus ihm ein erfahrener Straßenmusiker mit Open-Air-Konzerten in 15 Ländern geworden. „Der erste Auftritt war für mich total komisch“, sagt Theo: „Heute kostet es mich keine Überwindung mehr.“

Abitur am Humboldt-Gymnasium

 Die nächste Tournee hat der junge Pianist, der 2017 sein Abitur am Humboldt-Gymnasium ablegte und dort immer viel Musik machte, schon geplant. Theo hat sich einen 20 Jahre alten Transporter zum Wohnmobil ausgebaut und genug Platz für sein Instrument gelassen. So hörenswert es ist, wenn er Debussy, Chopin oder Songs von Chilly Gonzales spielt, so sehenswert ist es, wenn er sein Klavier aus dem ehemaligen Dachdecker-Fahrzeug holt.

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Das Piano wird im Wohnmobil des Kölners verstaut.

Routiniert legt er zwei Bretter an die seitliche Schiebetür, fixiert sie mit Spanngurten, fährt das Piano auf einem selbst gebauten Fahrgestell in Richtung Rampe und lässt es hinab. Eine über die Autobatterie betriebene Seilwinde sorgt dafür, dass der Vorgang schonend vonstatten geht und nicht krachend. „Auf der ersten Tour habe ich das alles noch per Hand gemacht“, sagt der junge Südstadt-Musiker. Auch technisch ist er eben professioneller geworden.

Am 21. Juni soll die Fahrt losgehen. Ende: offen. Frankreich, Spanien und Portugal stehen diesmal auf dem Programm. Theos Freundin Tara wird mitfahren und ihn auf dem Bass oder der Geige begleiten. Die Proben laufen schon. „Das finanziert sich alles von selbst, die Einnahmen reichen für Sprit und Essen“, sagt ein strahlender Theo, der sein Glück tatsächlich auf der Straße gefunden zu haben scheint. Auch den Transporter hat er sich durch sein „Stadtgeklimper“, wie er seine Konzerte nennt, finanziert. Aber das Geld sei nur eine nette Randerscheinung seines Musiker-Lebens: „Hauptsache, es macht mir und den Leuten Spaß.“ Und das tut es noch immer reichlich.

Seine Erfahrung hat ihn gelehrt, sein Programm dem Ort anzupassen. „Es gibt am Rheinufer in der Altstadt einen Spot, wo die Leute sitzen bleiben, da spiele ich eher klassische Sachen, weil das Publikum da wirklich zuhört.“ Am hektischen Heumarkt muss sich Theo Gehör verschaffen. Dann muss es etwas Kräftiges sein, etwas wie die Filmmusik zu „Fluch der Karibik“.

In der Josephstraße kennen ihn viele durch seine Spontankonzerte

 Theo lässt die Finger über die Tasten fliegen, durch die Transportertür fliegen große Melodien auf die enge Josephstraße, wo er bald nicht mehr wohnen wird. Hier kennen ihn mittlerweile viele von seinen Spontan-Konzerten, sein Stadtgeklimper hat sich herumgesprochen. Ganz anders als auf der Domplatte, wo Theo eher schlechte Erfahrungen gesammelt hat. Zu groß sei die Konkurrenz und zu überlaufen das Terrain: „Da ist man nur ein blöder Straßenmusiker von vielen, hier in der Südstadt ist man etwas Besonderes.“ Wobei sich ein Ort je nach Tageszeit ziemlich wandeln könne: „Abends werden die Leute viel ruhiger und gelassener, dann bleiben selbst am Heumarkt viele stehen.“

Es sind vor allem schöne Erlebnisse, von denen Theo berichten kann. Er erzählt von wildfremden Menschen, die ihn plötzlich auf der Gitarre begleiten, von Zuhörern, die ihn zum Essen einluden und von Konzerten wie im kroatischen Split, bei denen die Leute spätabends anfingen mitzusingen. Aber Theo, der Spross einer Architekten-Familie, hat auch gelernt, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Keine Berührungsängste

Immer wieder trifft er bei seinen Straßenkonzerten auf Obdachlose, die es nicht so gut getroffen haben wie er: „Für mich ist ein neues Klavier toll, für die ein Brötchen“, sagt Theo: „Ich habe durch die Konzerte meine Situation zu schätzen gelernt.“ Berührungsängste kennt er nicht: Mit einigen Obdachlosen aus Köln pflege er ein freundschaftliches Verhältnis, sagt Thelonious Herrmann  und lacht. Dann werfen sie sich gegenseitig ein paar Münzen in den Hut.

 Theo will noch lange auf der Straße Klavier spielen. Aber ein Beruf soll daraus nicht werden. „Ich will nicht davon abhängig sein“, sagt er. Welcher Beruf es einmal werden soll, weiß der unbekümmerte Pianist allerdings noch nicht. Erstmal stehen Frankreich, Spanien und Portugal auf dem Programm.

Impressionen von Thelonious Herrmanns Auftritten können auf Instagram unter dem Account-Namen „Stadtgeklimper“ verfolgt werden.