Köln – Es gab schon mal bessere Tage. Zumindest für Verkäufer Lukas Gerbracht und Kollegin Mia Gorin. Wenig Andrang herrscht am frühen Nachmittag an ihrem Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt im Stadtgarten. Und dann ordert die blonde Frau in der Daunenjacke mit falschem Pelzaufsatz auch noch weißen Glühwein. Achselzuckend verweist Gerbracht die Blondine an eine andere Bude. An seinem Stand gibt es nur den roten Klassiker. „Weißen Glühwein“, sagt Kollegin Gorin, „trinken nur Mädels, die keine blauen Zähne haben wollen“.
Bis zu 250 Studenten alleine am Stadtgarten
Wenig Kundschaft bedeutet wenig Umsatz – und: weniger Trinkgeld. Dabei stellen die Weihnachtsmärkte für viele Kölner Studenten eine lukrative Einnahmequelle dar. Allein am Stadtgarten arbeiten zwischen 150 und 250 Studenten in der Adventszeit an den Essensständen. Auf den großen Märkten in der Innenstadt dürften es noch viel mehr sein. Eine stadtweite Statistik darüber gibt es nicht.
Während die Frau mit dem falschen Pelz beim Nachbarn ihren Weißen schlürft, hoffen Lukas Gerbracht und seine Kollegin auf mehr Kundschaft: „Es ist ja noch früh“, meint Psychologiestudentin Gorin mit einem Blick auf ihre Uhr. Doch es droht Langeweile. Der Arbeitsstress, wenn Andrang herrsche, sei ihr da viel lieber, gesteht die Studentin.
Zweimal in der Woche arbeiten die Studenten zusammen in ihrer kleinen Hütte. Freitags sind es nur sechs Stunden, am Wochenende schenken sie von 11 bis 22 Uhr Glühwein und Liköre aus. Pro Stunde verdienen sie dabei neun bis zehn Euro.
Wie jedes Jahr wollen die Studenten das verdiente Geld in eine Reise stecken. Nach Touren durch Australien und die USA soll es dieses Jahr nach Lateinamerika gehen. Erster Stopp: Kuba. Den Flug nach Havanna haben sie schon gebucht. Das Jobben auf dem Weihnachtsmarkt lohnt sich.
Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie die Studenten um die besten Stände kämpfen.
Trinkgeld beim Glühwein am höchsten
Gerbracht und Gorin erzählen vom alljährlichen Kampf der Studenten um die besten Stände. Für die Weihnachtsmarkt-Veteranen ist es bereits das dritte Jahr in Folge in der Glühweinbude: das Non-Plus-Ultra, meinen beide.
Springer sein? Zu anstrengend. Gläser spülen? Zu öde. Reibekuchen? Zu Igitt, Fett. „Alle wollen Glühwein, keiner Raclette oder so was“, fasst Student Gerbracht zusammen. Etwa auch wegen des Geruchs? „Nein. Wegen dem Trinkgeld, das ist beim Glühwein einfach am höchsten“, klärt er auf.
Der Flirt-Faktor sei auch relativ hoch, erzählt Gastro-Chef Norbert von der Grün und erzählt von den allmorgendlichen Bitten in seinem E-Mail-Postfach, doch die Handynummer einer Kundin an diesen süßen Verkäufer an Stand x weiterzugeben. „Sie glauben gar nicht, wie viele Flirt-Mails wir bekommen“, schmunzelt der Organisator.
Wie als Kind im Kaufladen
Szenenwechsel: Weihnachtsmarkt am Dom. Eine Menschentraube begutachtet die Portemonnaies und Kleinlederwaren am Stand von Klara Hüning. Eine britische Touristin ersteht Geldbörsen für die ganze Familie. Jedes mit eigenem Monogramm ausgestattet, die Hüning mit einer Maschine einprägt. „Eigentlich ist es keine ausgefallene Arbeit“, erläutert die Psychologie-Studentin. Portemonnaies sortieren, Monogramm einprägen und verkaufen – das habe man schnell raus. Besonders Letzteres bereitet der Verkäuferin großen Spaß: „Das ist wie früher als Kind: das Spiel im Kaufladen.“
Der festlich geschmückte Tannenbaum, die vielen Lichter und die Musik, Weihnachtslied-Dauer-Ohrwürmer, tun für Hüning ihr Übriges. „Hier komme ich sofort in Weihnachtsstimmung“, sagt die Studentin. Geschenke besorgen, Plätzchen backen: Mittlerweile fange sie mit all dem früher an als vor ihrer Erfahrung als Weihnachtsmarkt-Verkäuferin. „Der Markt ist für mich die perfekte Erinnerung.“
Auch ihr Umsatz kann sich sehen lassen. Eine ruhige Minute hat die Aushilfe vor allem an den Advents-Wochenenden selten. Dass personalisierte Geldbörsen und Taschen so gut gehen, überraschte Hüning anfangs selbst. „Ich hätte nie damit gerechnet.“ Mittlerweile ist sie schon das dritte Jahr dabei und nur noch schwer zu beeindrucken. „Wenn das mit dem Studium wider Erwarten nichts wird, hätte ich schon einen Plan B.“ Grinst schelmisch und wendet sich der nächsten Kundin zu.
