Abo

PassantenzahlenWie die Kölner City zukunftsfähig wird – und was Harry Potter damit zu tun hat

5 min
Die Schildergasse ist die Kölner Einkaufsstraße mit den meisten Passanten.

Die Schildergasse ist die Kölner Einkaufsstraße mit den meisten Passanten.

Das Kölner Unternehmen Hystreet misst die Passantenzahlen auf den Kölner Einkaufsstraßen – und sieht eine große Verantwortung bei den Händlern. 

Der Zauber von Harry Potter hat auf der Ehrenstraße funktioniert. Pünktlich vor Weihnachten eröffnete hier ein Pop-up-Store mit allem rund um die Film- und Buchfigur. Es ist eine Gemeinschaftsaktion der Thalia-Buchhandelskette und der Filmfirma Warner Bros. Der Plan ging auf – das kann das Kölner Unternehmen Hystreet, das mit Laserscannern die Passantenfrequenzen in Einkaufsstraßen misst, durch Zahlen belegen.

2024 wurden auf der Ehrenstraße 8,4 Millionen Passanten gezählt. 2025 waren es 9,2 Millionen, eine Steigerung um 9,3 Prozent. Die letzten 100.000 Besucher, mit denen die Neun-Millionen-Grenze geknackt wurde, hat der Harry-Potter-Store angezogen, sind Nico Schröder und Julian Aengenvoort, Geschäftsführer von Hystreet, überzeugt. Das sei das  I-Tüpfelchen auf der ohnehin „sensationellen Entwicklung“ der Ehrenstraße. 2022 wurden hier noch „nur“ 7,6 Millionen Besucher gezählt. Im selben Jahr wurde der Autoverkehr aus der Straße verbannt – seitdem geht es noch einmal steil bergauf mit der ohnehin beliebten Meile.

Die Schildergasse liegt in Köln auf Platz 1, deutschlandweit auf Platz 5.

Die Schildergasse ist die am meisten frequentierte Einkaufsstraße in Köln, bundesweit liegt sie auf dem fünften Platz.

Spitzenreiter in Köln bleibt 2025 aber die Schildergasse mit 21,6  Millionen Passanten. Bundesweit steht sie damit auf Platz 5. Die gebeutelte Hohe Straße folgt trotz aller Probleme mit 16,3 Millionen auf Platz zwei, sie hat einige Prozentpunkte verloren. Gut schneidet die Breite Straße mit 9,3 Millionen ab, sie hat sich um 6 Prozent gesteigert. Dann folgt die Ehrenstraße mit den Rekordzahlen.

Dass die Breite Straße noch vor der Ehrenstraße liegt, verwundert zunächst. Julian Aengenvoort erklärt es damit, dass sich hier viele Wege kreuzen. Und dass viele Menschen wahrscheinlich erst einmal über die Breite Straße gehen, um die Ehrenstraße zu erreichen. Tatsächlich strahlt die innovative Kraft der Ehrenstraße inzwischen schon ein bisschen auf die eher als konservativ eingestufte Breite Straße aus. Hier haben sich zum Beispiel Boring Burger und das Copenhagen Coffee Lab (in den ehemaligen Räumen von Café Fromme) angesiedelt.

Passantenfrequenzen wurden früher mit der Hand gemessen

Das Unternehmen Hystreet arbeitet seit 2018. Es ist eine hundertprozentige Tochter der ebenfalls in Köln ansässigen Aachener Grundvermögen Kapitalverwaltungsgesellschaft. Die verwaltet vor allem für die katholische Kirche zahlreiche Immobilien in der Kölner City – allein zehn auf der Schildergasse – und in ganz Deutschland. Die Gesellschaft wollte aus eigenem  Interesse wissen: Was macht eine gute Lage aus, wie hoch sind die Besucherzahlen tatsächlich?

Bis vor ein paar Jahren, so erzählt Immobilienspezialist Nico Schröder, seien Passantenfrequenzen oft so gemessen worden: Makler oder Besitzer stellten sich vor die Immobilie und zählten über eine begrenzte Zeit mit dem Klicken des Handzählers. Vieles blieb im Bereich der Schätzungen. „Wir wollten Fakten gegen Bauchgefühl“, so Nico Schröder.

Nico Schröder (l.) und Julian Aengenvoort, Geschäftsführer von Hystreet

Nico Schröder (l.) und Julian Aengenvoort, Geschäftsführer von Hystreet

Mehr als ein Jahr wurde nach der richtigen Technik gesucht. Kameras waren zu anfällig, funktionierten bei Schnee oder starkem Schatten nicht richtig. Schließlich kam man auf die Laserscanner – etwa faustgroße Geräte, die an Fassaden angebracht werden und eine Art Vorhang über die Straße legen, der jede Person registriert, die ihn durchschreitet.

Am Anfang habe es durchaus Vorbehalte gegeben, so Schröder. Einige Immobilienbesitzer hätten gesagt: „Auf keinen Fall kommt so ein Laser an mein Haus. Dann sieht man ja, wenn wenig los ist, und ich finde keine Mieter mehr.“ Und für manche hatte es möglicherweise ein Geschmäckle, dass ein Immobilienbesitzer durch eine eigene Tochterfirma Standortdaten messen lässt.

Elf Messpunkte auf Kölner Einkaufsstraßen

„Wir wollten Transparenz, deshalb werden alle Messergebnisse für jeden zugänglich auf unsere Internetplattform gestellt“, sagt Nico Schröder. Inzwischen sind Laser in 126 Städten, 357 Einkaufsstraßen und sechs europäischen Ländern angebracht. Auftraggeber sind in der Regel Stadtmarketing-Verbände und die städtische Wirtschaftsförderung.

Allein in Köln gibt es elf Messpunkte. „Alle Straßen haben in der Regel eine gute Passantenfrequenz, das Potenzial muss nur ausgenutzt werden“, sagt der Wirtschaftsgeograph Julian Aengenvoort. So zog zum Beispiel der Vintage-Spielzeugladen „Toys und Heroes“ vor drei Monaten auf die Hohe Straße zwischen Umbauten und Leerstände. Begründung: Hier sei einfach sehr viel Publikum. Auch Starbucks kommt demnächst auf die Hohe Straße und plant sogar eine kleine Außengastronomie.

„Den Besorgungseinkauf gibt es so nicht mehr. Heute ist es der Erlebniseinkauf, den die Menschen haben wollen“, sagt Aengenvoort. Dabei spielten gastronomische Angebote eine immer größere Rolle, außerdem auch Freizeitanlagen wie die Boulderhalle auf der Schildergasse. Die Händler und Anbieter benötigten ein Alleinstellungsmerkmal, um bemerkt zu werden – sei es ein besonderes Angebot oder ein auffälliges Schaufenster. 

Bei der Hohe Straße werde es noch mehrere Jahre dauern, bis der Umbruchprozess überstanden sei. Hier gibt es Abrisse, Neubaupläne und Umbau-Vorhaben. Unter anderem wird das riesige Mediamarkt-Gebäude – Eigentümer ist die Aachener Grundvermögen – ab 2027 nach Ablauf des Mietvertrages mit dem Mediamarkt komplett umgestaltet. Natürlich würden die Passantenfrequenzen während der Sanierungszeit zurückgehen. Aber es lohne sich, sagt Nico Schröder und nennt sein Lieblingsbeispiel: Die zentrale Schadowstraße in Düsseldorf habe vor der langen Umbauphase 9,3 Millionen Besucher gehabt. 2025 wurden 13,8 Millionen gezählt.

Frequenz bedeutet allerdings noch keinen Umsatz. In einem Pilotprojekt in Münster misst Hystreet derzeit, ob die Passanten tatsächlich auch Läden betreten. Das kann der Laserscanner aber bisher nur auf einer Strecke von etwa 80 Metern erfassen. Und ob die Menschen schließlich etwas kaufen, sieht das Gerät nicht. „Wir können nur bis zur Tür gehen, den Rest müssen die Händler selber machen“, sagt Aengenvoort.