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Holocaust-GedenktagWie ein Kölner Widerstandskämpfer das KZ überlebte

10 min
Willi Neurath (links) bei der Zwangsarbeit auf der Kölner Messe

Das Bild zeigt Willi Neurath (links) bei der Zwangsarbeit auf der Kölner Messe.

Weil er bei der Verteilung von Flugblättern half, deportierten die Nazis den Kölner Willi Neurath ins KZ. Nun erzählt Neuraths Sohn seine Geschichte.

Wenn Bruno Neurath-Wilson davon erzählt, wie seine Eltern ihn bis heute prägen, dann spricht er vom „aufrechten Gang“: von Mut, von Widerspenstigkeit, von Haltung. Er sei dankbar, Kind von Willi und Eva Neurath zu sein. Fein schwingt Ehrfurcht mit, während der 78-jährige Kölner berichtet, wie die beiden ihm diesen „aufrechten Gang“ vorlebten. Nicht unbedingt mit Worten, vor allem mit ihrer Geschichte. Es ist eine Geschichte, die von Horror und Liebe handelt: Sein Vater ist als Gefangener des NS-Regimes nur knapp dem Tod entkommen. Seine Mutter schaffte es, in ein Konzentrationslager zu gelangen, um den Vater zu sehen. Beide überlebten die Nazi-Herrschaft. Inzwischen sind sie – wie so viele Zeitzeugen – tot. 

Das beschäftige ihn schon, sagt Neurath-Wilson. „Es sind die Nachkommen, die jetzt tun müssen, was die Eltern nicht mehr können: die Erinnerung am Leben halten.“ Er kennt fast jedes Detail des Weges seiner Eltern, hat Daten parat, Dokumente studiert, Bilder und Briefe gesammelt. Und er engagiert sich im Trägerverein des NS-Dokumentationszentrums, der Erinnerungsarbeit von KZ-Gedenkstätten und anderen Projekten. „Das ist mein Erbe.“

Bruno Neurath-Wilson, Sohn des verfolgten Kölner Kommunisten und KZ-Häftlings Willy Neurath, ist in einer Gesprächssituation zu sehen.

Bruno Neurath-Wilson ist Sohn des verfolgten Kölner Kommunisten und KZ-Häftlings Willi Neurath. Er sagt: „Die Nachkommen müssen jetzt die Erinnerung am Leben halten.“

An der deutschen Erinnerungskultur gefalle ihm nicht alles. Wichtig sei der Appell: Nie wieder. „Das ist richtig.“ Genauso wie das Mitleid mit den Opfern. „Das ist auch richtig.“ Neurath-Wilsons Kritik zielt auf die Würdigung des Widerstandes. Sie kommt in seinen Augen zurzeit zu kurz, sei sie doch ebenso Teil der deutschen Historie. Die Geschichte seiner Eltern gibt ein Beispiel dafür. Denn Willi und Eva Neurath beugten sich nicht tatenlos dem NS-Regime. Sie widersetzten sich der Führungsmacht – und bezahlten mit einem leidvollen, angsterfüllten und dramatischen Lebenskapitel.

„Hauptzweck dieser Lager war zunächst, die Opposition der linken Arbeiterbewegung zu zerstören“

Denn für Leute wie Willi Neurath haben die Nationalsozialisten schon früh die Konzentrationslager errichtet. Schon sieben Wochen nach der Machtergreifung ging mit Dachau eines der ersten KZs in Betrieb. Inhaftiert wurden zu Beginn vor allem die politischen Gegner der Nazis: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, teils auch Konservative und Liberale. „Hauptzweck dieser Lager war zunächst, die Opposition der linken Arbeiterbewegung zu zerstören“, sagt Thomas Roth, wissenschaftlicher Mitarbeiter des NS-Doks. Auch, weil sie die Widerständler mit einer terroristischen Lagererziehung vielleicht wieder für die „Volksgemeinschaft“ disziplinieren wollten. 

Um zu verstehen, warum Willi Neurath schließlich in einem dieser KZs landete, muss man seine Geschichte von vorn erzählen.

Geboren 1911 in Erfurt und aufgewachsen im Kölner Pantaleonsviertel arbeitete er nach seinem Abschluss erst als Steindruckhilfsarbeiter bei der Kölnischen Zeitung, später als Buchbinder. Neurath war politisch aktiv. Den „aufrechten Gang“, sagt Bruno Neurath-Wilson, habe es bereits in der Familie seines Vaters gegeben. Wer in den 20er-Jahren aus einer Arbeiterfamilie kam und den Krieg verhindern wollte, sei eben Antifaschist geworden. Von vier Neurath-Brüdern trat einer bei der SPD ein, die anderen drei bei der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), so auch Willi.

Willi Neurath

Willi Neurath

Aus der Anklageschrift des NS-Regimes geht hervor: Schon mit Anfang 20 hat Neurath sein erstes Amt in der KPD bekleidet. Doch drei Jahre später – ein Jahr vor der Machtergreifung der Nazis – warf die Partei ihn  raus. Das geht aus mehreren Dokumenten hervor. Sein Vater habe sich für eine Einheit der Arbeiterbewegung starkgemacht, in einer Zeit, in der der Streit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten ein geschlossenes Vorgehen gegen die Nationalsozialisten verhinderte, sagt Bruno Neurath-Wilson. „Mein Vater war kein Stalinist. Er hatte einen eigenen Kopf, eigene Gedanken, eine selbstständige Meinung. Das ging nicht in der Kommunistischen Partei.“

Festgenommen von der Gestapo in Köln – „Widerstand ohne Volk“

Widerstand gegen den Faschismus leistete Willi Neurath trotzdem. Im Sommer 1935 nahm ihn die Gestapo in Köln fest. In seiner Anklageschrift vom 6. März 1936 wird ihm vorgeworfen, die „Linke Opposition“ (LO) in Köln, Solingen und Neuss mit politischen Broschüren versorgt zu haben. Die Vorfeldorganisation LO wurde 1933 vom NS-Regime verboten, die Verbreitung ihrer Blätter war damit illegal. Das Oberlandesgericht Hamm sprach Neurath und mehr als 20 weitere Angeklagte der „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ schuldig. Neuraths Strafe: fünf Jahre Zuchthaus.

Im Gefängnis in Vechta freundete Neurath sich mit dem Widerstandskämpfer Heinrich Pakullis an. Als Neurath am Heiligabend 1940 entlassen wurde, bat Pakullis ihn, seiner Familie eine Nachricht zu überbringen. Neurath versprach es, besuchte Pakullis’ Ehefrau in Köln und lernte dabei dessen Stieftochter Eva kennen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt ihr Sohn heute. Kurz darauf heiratete das Paar. Eva Neurath war ebenfalls im Widerstand aktiv. Sie verteilte Flugblätter und unterstützte ihren Mann.

Eva und Willi Neurath sind auf zwei Schwarzweiß-Porträtfotos zu sehen.

Eva und Willi Neurath: „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt ihr Sohn heute.

Solch ein Aktivismus sei zu dem Zeitpunkt selten geworden, selbst im linken Arbeitermilieu, sagt der Historiker Roth. In den ersten Jahren des NS-Regimes schaffte es die linke Arbeiterbewegung noch, eine kleine Gegenöffentlichkeit zu organisieren: Sie sammelten Gelder für politische Gefangene, verteilten illegale Schriften, wandten sich mit Flugblättern an SA-Leute, Soldaten und Polizisten. So habe es noch bis circa 1935 „eine Art Gegendiskurs“ zu der Propaganda des NS-Regimes gegeben.

Mit der Zerschlagung des Widerstands fiel das weg. Die erhoffte Unterstützung der breiten Bevölkerung blieb aus. „Widerstand im Dritten Reich war ein sehr isoliertes Unterfangen“, sagt Roth. Weniger als ein Prozent der Bevölkerung leistete ihn. Hans Mommsen, einer der führenden Historiker in der Forschung zum Nationalsozialismus, brachte diese marginale Organisation in einer prägnanten Formulierung auf den Punkt: „Widerstand ohne Volk“.

Nach seiner zweiten Verhaftung wurde Willi Neurath ins KZ Buchenwald deportiert

Viele Menschen, die in der Anfangszeit noch gegen das Regime gearbeitet hatten, zogen sich mit den Jahren zurück. „Der NS-Staat hat durch Repressionen viel erreicht.“ Menschen, die Widerstand leisteten, seien ein hohes Risiko eingegangen, erreichten aber nur eine sehr kleine Resonanz. Menschen wie Willi Neurath standen nach ihrer Entlassung vor einer Entscheidung: Sie konnten weitermachen und riskieren, erneut verhaftet zu werden. Oder sie konnten sich ins Private zurückziehen und sich äußerlich anpassen.

Willi Neurath entschied sich fürs Weitermachen. Nach der Haft pflegte er weiter Kontakte zu Menschen, die „nicht ins Bild der Nazis gepasst haben“, sagt Bruno Neurath-Wilson. Nach rund zweieinhalb Jahren in Freiheit internierte die Geheime Staatspolizei ihn deshalb – diesmal ohne Prozess – ins Konzentrationslager Buchenwald.

„Jedem das Seine“ steht am Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, aufgenommen bei der Kranzniederlegung zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und Mittelbau-Dora. (Archivbild)

„Jedem das Seine“ steht am Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, aufgenommen bei der Kranzniederlegung zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und Mittelbau-Dora. (Archivbild)

Über seine Zeit dort sind nur Bruchstücke bekannt. Da sind die Briefe, die er seiner Frau Eva schrieb, da sind Bücher mit grausamen Zeugenberichten aus der Zeit der Gefangenschaft, da sind Zeichnungen, die Willi Neurath später im Wohnzimmer der Familie aufhing: Bilder vom Leben im KZ, von solidarischer Hilfe unter den Insassen, von Grausamkeiten, von Foltermethoden, von Häftlingen, die an Pfählen hängen. Gesprochen hat der Vater über die Zeit nie. Woher die Narbe stammte, die er seit dem KZ auf seiner Stirn trug, erzählte er selbst seiner Frau nicht.

Die Briefe, die Willi und Eva Neurath sich während seiner Gefangenschaft von 1943 bis 1945 schickten, hob die Familie dagegen auf. Einer schildert ein gewagtes Vorhaben, das Eva Neurath 1944 startete: Sie fuhr nach Buchenwald, um ihren Mann zu besuchen. „Diese Entschlossenheit, fast schon Dreistigkeit, dieses Wagnis, ist ein Beweis großer Liebe“, sagt ihr Sohn heute. Immer noch bekomme er Gänsehaut beim Gedanken an den Mut seiner Mutter.

Seine Frau besuchte ihn heimlich im KZ

Am ersten Tag gab sie sich noch als harmlose Spaziergängerin vor den Zäunen des Lagers aus. Dann wurde sie auf einen Wachmann aufmerksam, der litauisch sprach – ihre Muttersprache. Die Verbindung nutzte sie und verlangte, ihren Mann zu sehen. Nicht nur der Wachmann ließ sie durch, sie schaffte es auch an der Kommandantur vorbei. Eine halbe Stunde durfte Eva Neurath bleiben. Danach konnte sie das KZ wieder verlassen.

„30 Minuten wurden uns erlaubt“, schrieb Willi Neurath zwei Wochen nach dem Besuch in einem Brief aus dem Block 38 des KZ Buchenwald an Eva Neurath. „Und doch waren sie so wertvoll und kostbar wie sonst viele Stunden.“ Kurz darauf brach der Kontakt ab. Ihr Mann sei ins KZ Neuengamme bei Hamburg verlegt worden, teilte die SS Eva Neurath im November 1944 auf Nachfrage mit. 

Die „Cap Arcona“ liegt in einem Hafen vor Anker. (Undatierte Aufnahme). Am 3. Mai 1945 bombardierten britische Flugzeuge drei Schiffe in der Lübecker Bucht, auf die die SS Tausende Gefangene aus Neuengamme gepfercht hatte. Bei dem Angriff aufgrund eines tragischen Irrtums der Briten starben 7000 Menschen.

Die „Cap Arcona“ liegt in einem Hafen vor Anker. (Undatierte Aufnahme). Am 3. Mai 1945 bombardierten britische Flugzeuge drei Schiffe in der Lübecker Bucht, auf die die SS Tausende Gefangene aus Neuengamme gepfercht hatte. Bei dem Angriff aufgrund eines tragischen Irrtums der Briten starben 7000 Menschen.

Es wurde Frühjahr und SS-Chef Heinrich Himmler erließ den Befehl, die KZs zu evakuieren, um so die Verbrechen zu vertuschen. Ab dem 19. April 1945 wurden deshalb auch mehr als 9000 Häftlinge aus Neuengamme Richtung Lübecker Bucht verschleppt, unter ihnen Willi Neurath. Die Nationalsozialisten sperrten sie auf die dort ankernden Schiffe, die „Cap Arcona“ und die „Thielbeck“. Die Dampfer trugen weder Rot-Kreuz-Flagge, noch andere Erkennungszeichen, die auf die Insassen hindeuteten. Manche Historiker vermuten dahinter Kalkül: Womöglich sollten die näher rückenden Briten bewusst getäuscht werden.

Was folgte, war eine Katastrophe fünf Tage vor Kriegsende. Die Royal Air Force protokollierte eine „feindliche Schiffsansammlung“, Bomben und Schüsse fielen, die „Cap Arcona“ stand in Flammen, 7000 Menschen starben. Ein Großteil war sofort tot, andere verbrannten, manche ertranken in der kalten Ostsee. Willi Neurath war einer von nur 350 Überlebenden. Mit ein paar wenigen anderen harrte er auf einem Teil des schwimmenden Wracks aus und wurde abends von den Engländern von Bord geholt.

„Als Kommunist ist er in Köln verhaftet worden – als Sozialdemokrat wurde er befreit“

Im Mai 1945, als das Ende des Krieges näher rückte, war Eva Neurath zufällig als Marinehelferin in Neustadt an der Ostsee stationiert. Oft habe sie vom Strand auf die beiden Schiffe in der Lübecker Bucht gestarrt, erzählte sie später ihren Kindern. Sie hörte Gerüchte, dass auf dem Schiff Gefangene seien, „Verbrecher“, hieß es. Sie fragte sich, ob einer davon ihr Ehemann sein könnte. Am 3. Mai hörte sie, wie Raketen die Schiffe zerstörten. Vielleicht aus Verzweiflung, vielleicht auf der Suche nach Antworten, lief sie zum Strand.

Sie habe den Mann nicht erkannt, der ihr auf dem Gehweg entgegenkam, erzählte sie später. Völlig entstellt sei er gewesen, nach zwei Jahren Haft, verletzt nach dem Bombardement der Schiffe. Bis er sich ihr in den Weg stellte und sie bei ihrem Spitznamen ansprach. Vor Schreck soll Eva Neurath ohnmächtig geworden sein.

Für Willi Neurath müssen diese Tage wie ein zweiter Geburtstag gewesen sein, sagt Bruno Neurath-Wilson. Nach seiner Befreiung blieben die Eltern in Neustadt, Willi Neurath bekam eine Anstellung in der Stadtverwaltung, wurde Vater zweier Kinder. Und: Er trat der SPD bei. „Als Kommunist ist er in Köln verhaftet worden – als Sozialdemokrat wurde er befreit“, sagt sein Sohn heute.

Willi Neurath galt als unnachgiebig und unbeliebt. „Er konnte sich nicht damit arrangieren, dass so viele Nazis in den Behörden saßen und Ämter bekleideten.“ Als Leiter des Referats Politische Wiedergutmachung im schleswig-holsteinischen Innenministerium setzte er sich aber genau dort mit dem Schicksal vieler NS-Opfer auseinander. „Zwei Jahre hat er ausgehalten.“

Nicht nur der Frust, auch Rheuma, die Zähne, die Lunge, das Herz – klassische Haftleiden – plagten ihn. „Mein Vater hat für die sieben Jahre Haft, für die Zerstörung seiner bürgerlichen Existenz und seiner Gesundheit 4000 Mark Entschädigung erhalten.“ Politisch habe er sich mit den Jahren zurückgezogen, er sei nicht nur körperlich angeschlagen gewesen. „Heute würde ich sagen, er war desillusioniert, enttäuscht.“

„Es war nicht Naturgesetz, sich anzupassen und mitzumachen“

Das Gedenken an die Widerstandskämpfer habe sich in der Erinnerungskultur oft verändert, sagt Thomas Roth vom NS-Dokumentationszentrum Köln. Während die DDR die Erinnerung an die kommunistische Oppositionelle stark gepflegt habe, im Fall der KPD jedoch „oft in sehr verzerrter Form“, sei die Erinnerung an den Widerstand der linken Arbeiterbewegung in der Nachkriegszeit im Zuge der antikommunistischen Stimmung oft verdrängt worden. In Westdeutschland sei der Fokus eher auf den Widerstand der Kirchen, der Weißen Rose, den 20. Juli gefallen. „Die Erinnerung an den Widerstand ist trotzdem wichtig, um deutlich zu machen: Es gab Handlungsalternativen“, sagt Roth. „Es war nicht Naturgesetz, sich anzupassen und mitzumachen.“

Willi Neurath erlag 1961 im Alter von 49 Jahren einem Herzinfarkt. Er starb zu Hause, bei seiner Familie, in der Hansemannstraße in Köln-Ehrenfeld. Ein paar Jahre zuvor hatten die Neuraths Schleswig-Holstein verlassen und waren nach Köln zurückgekehrt. „In die Stadt, wo sie sich kennengelernt, wo sie sich verliebt hatten“, sagt Bruno Neurath-Wilson.


Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

Am 27. Januar wird in ganz Deutschland der Holocaust-Gedenktag begangen. Er erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945 und an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus.