Braunsfeld – Auch Bezirksbürgermeisterin Helga Blömer-Frerker nahm an der Buchvorstellung im Paul-Schneider-Haus teil. „Wenn ich sehe, was sich zur Zeit abspielt, dass die Nazi-Greuel geleugnet werden, da werde ich richtig sauer und wütend“, sagte sie in ihrem Grußwort. „Wir können doch nicht sagen, das interessiert uns nicht mehr, das Leben beider Schneiders ist beeindruckend, zeugt von außerordentlicher Zivilcourage, wir müssen weitertragen, was für ein vorbildliches Leben sie geführt haben, diese Leistung muss gewürdigt bleiben.“ Vor allem sei es wichtig, erklärte sie, auch in die Schulen zu gehen und das Wissen an junge Menschen weiterzugeben. Vor fünf Jahren war Elsa-Ulrike Ross, in Weimar lebende Pfarrerin im Ruhestand, schon einmal zu Besuch in Köln. Auf Einladung des Clarenbachwerks hielt sie damals zum 75. Todestag einen Vortrag über Leben und Wirken von Paul Schneider, dem Namensgeber des Pflegeheims. Er war der erste evangelische Pfarrer, der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurde, starb am 18. Juli 1939, ermordet mit einer Giftspritze im KZ Buchenwald. Nun sind 80 Jahre vergangen, wieder weilte Ross in Köln, sprach vor den Zuhörern im Paul-Scheider-Haus.
Diesmal hatte sie nicht nur Paul Schneiders Biografie dabei, sie präsentierte noch ein zweites, im März 2019 erschienenes Buch. Das erzählt das Leben von Margarete, Witwe von Paul Schneider. Der Verfasser ist deren Neffe Paul Dieterich. Auch Ross hat persönliche Erinnerungen an Margarete Schneider, war mit ihr befreundet. Nach dem Krieg habe sie ihre „Zeitzeugenrolle sehr bewusst gestaltet, weil sie wusste, dass die Zeitzeugen immer weniger werden“, sagte Ross. Am 8. Januar 1904 wurde Margarete Schneider im Schwarzwald geboren, mit Geburtsnamen hieß sie Dieterich, sie war das zehnte Kind einer Pfarrersfamilie. Mit 22 heiratete sie Paul, 13 Jahre lang währte ihre Ehe, sie hatten sechs Kinder. Als junge Frau sei sie bildhübsch gewesen, musisch und literarisch begabt, aufgeweckt und intelligent, so beschrieb Ross Margarete Schneider. „Und sie war die richtige Frau an seiner Seite.“ Unverbrüchlich habe sie zu ihm gehalten.
Seine erste Pfarrstelle trat Paul Schneider in Hochelheim bei Wetzlar an. Zunächst hegte er für Hitler sogar Sympathie, war von den sozialen Ideen angetan. Doch mit der Lektüre von „Mein Kampf“ gingen ihm die Augen auf. Der Antisemitismus stieß ihn ab. „Er kam zu Gretel in die Küche, klappte das Buch zu, knallte es in die Ecke und schlug es nie wieder auf.“ Auch von der Kanzel herab machte er aus seiner Distanz zu den neuen Machthabern keinen Hehl. Weil der Streit mit dem Presbyterium eskalierte, ließ sich Schneider, Mitglied der Bekennenden Kirche, 1934 in den Hunsrück versetzen. Dort kam es zur Konfrontation: Bei der Bestattung eines Hitlerjungen verbat er sich vor der Trauergemeinde am Grab nationalsozialistische Sprüche, beharrte darauf, es handele sich um eine christliche Beerdigung. Die Reaktion erfolgte prompt, er wurde in sogenannte Schutzhaft genommen. In den folgenden Jahren immer wieder neu verhaftet, wurde er 1937 ins KZ Buchenwald überstellt. Margarete sah ihren Mann zum letzten Mal beim Abtransport. „Sie winkten einander zu, das Auto fuhr ab und sie fuhr allein nach Hause, mit seinen Habseligkeiten, Gretel hatte Zorn, dass er selbst seine Bibel dalassen musste, ihr Herz zitterte, sie war auf alles gefasst.“
1958 veröffentlichte Margarete Schneider die Biografie ihres Mannes. Sie überlebte ihn um 63 Jahre, starb am 27. Dezember 2002, kurz vor ihrem 99. Geburtstag. Zwei Jahre vor ihrem Tod hatte sie für ihre Erinnerungsarbeit noch das Bundesverdienstkreuz bekommen.
Buchtipps: Paul Dieterich, Margarete Schneider – die Frau des Predigers von Buchenwald. SCM Hänssler Verlag 2019 (17,99 Euro) Margarete Schneider, Paul Schneider - Der Prediger von Buchenwald, 2014 neu herausgegeben von Paul Dieterich und Elsa-Ulrike Ross. SCM Hänssler Verlag 2019 (17,99 Euro)
Helga Blömer-Frerker,
Bezirksbürgermeisterin