Wenn man einem Menschen gegenübersitzt, dessen Wurzeln im ostafrikanischen Ruanda liegen, erwartet man keine fröhlichen Geschichten aus der Heimat. Was Marie-Claude Karera in jüngster Zeit verfolgt, sind indes nicht so sehr die Bilder des blutigen Umsturzes, als vielmehr ein – wenn man so will – weitaus weniger gravierendes Ereignis, das ein paar Wochen zurückliegt. Genau genommen geht es um 100 Gramm. 100 Gramm feinen italienischen Schinkens von der Wursttheke im Untergeschoss eines Kaufhauses.
Weil er so rosig aussah und wenig Fett hatte, entschied Karera sich für die Sorte, deren Namen sie nicht mehr weiß, und ließ ihn in hauchdünne Scheiben schneiden. Als ihr das Paketchen ausgehändigt wurde, achtete sie nicht aufs Preisschild, sondern ging zur Kasse, wo sie 9,79 Euro zahlen sollte. „Oh Gott!“, dachte sie, „so viel Geld für ein bisschen Aufschnitt.“
„Kommen Sie trotzdem mit der Dame“
Karera zahlte, kehrte dann aber zur Wursttheke zurück, um zu überprüfen, ob der Betrag stimmte. Als sie sich vergewissert hatte, dass alles seine Ordnung hatte, ging sie die Treppe hoch ins Erdgeschoss, durchquerte das halbe Kaufhaus und war bereits auf der Straße, als hinter ihr gerufen wurde: „Hallo, Dame, bleiben Sie stehen!“ Verwundert starrte sie auf zwei Security-Männer und fragte, was los sei. Sie solle mit zum Chef der Lebensmittelabteilung kommen, wurde ihr mitgeteilt, woraufhin Karera der eigenen Schilderung nach darauf bestand, erst den Grund dafür zu erfahren, was sie „wie eine Festnahme“ empfand. Eine Verkäuferin habe beobachtet, dass Sie Ware an sich genommen habe, ohne zu bezahlen.
Die ehemalige Mitarbeiterin der Deutschen Welle, die seit 1962 in Deutschland lebt und in den 70ern Assistentin von Hans-Joachim Kulenkampff („acht nach 8“) war, war fassungslos. Selbstverständlich habe sie gezahlt, widersprach sie den Sicherheitsleuten, die weiterhin darauf drangen, dass sie mitkäme. Erst als sie zum wiederholten Mal auf ihre Quittung verwies und ihnen diese vorgehalten habe, habe einer zum Telefon gegriffen und „Fehlanzeige, Chef“, gesagt. „Kommen Sie trotzdem mit der Dame“, habe dieser erwidert, woraufhin Karera schließlich doch wie ein Delinquent vor dem Abteilungsleiter stand.
„Sonne ist für mich so lebensnotwendig“
An diesem Punkt der Geschichte angekommen, öffnet Karera ihr Portemonnaie und hält mir zwei visitenkartengroße Zettel entgegen. „Das hat der mir gegeben: zwei Gutscheine für ein Glas Sekt“, sagt meine Gesprächspartnerin entsetzt. Aufgrund ihrer Miene kann ich mir gut vorstellen, mit welchem Gesichtsausdruck sie die Entschädigung abgelehnt und gesagt hat: „Ich möchte keinen Sekt. Ich möchte überhaupt nichts Materielles. Ich möchte nichts anderes, als dass die Verkäuferin sich bei mir entschuldigt.“
„Und?“, frage ich. Karera schüttelt den Kopf. Abgelehnt. „Ich nehme das hier als Beweis, dass der Fall stattgefunden hat“, sagt sie und schiebt die Gutscheine in die Geldbörse zurück. Sie sei seit vielen Jahren Kundin im Kaufhaus. Nun gehe sie nicht mehr hin. „Zumindest nicht in die Lebensmittelabteilung.“ Ganz elend habe sie sich gefühlt, weil sie jedermann für eine Diebin halten musste. Die Geschichte gehe ihr nicht mehr aus dem Kopf, sagt Karera, die nun hofft, dass ein positives Erlebnis das Unschöne verdrängt. Die Wohnung, in der sie seit 22 Jahren wohne, werde verkauft, und ihr sei gekündigt worden. Nun suche sie dringend eine neue Bleibe, möglichst zentral mit Balkon an der Sonnenseite. „Nicht weil ich brauner werden möchte“, sagt sie lächelnd. „Sonne ist für mich so lebensnotwendig wie Sauerstoff.“
Wie reagieren Menschen, was erzählen sie, wenn man sie auf der Straße anspricht und zu einem Kaffee einlädt?
