Markus Weber hat mehr als drei Jahrzehnte Mordfälle in Köln aufgeklärt – nun geht der Leiter der Cold-Case-Abteilung in den Ruhestand. Im Interview spricht er über prägende Ermittlungen, Fehler und den Reiz der Altfälle.
45 Jahre bei der PolizeiKölner Cold-Case-Ermittler über seine spektakulärsten Fälle

Cold-Case-Ermittler Markus Weber in seinem Büro
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Die Wände in Markus Webers Büro im Kölner Polizeipräsidium sind bedeckt mit Dutzenden Fahndungsplakaten. Auf den meisten wird Hinweisgebern noch eine Belohnung in D-Mark versprochen. Einige wenige tragen einen roten Stempel: „Gelöst“. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, weitere Stempel hinzuzufügen. Weber ist Leiter der 2022 gegründeten Cold-Case-Abteilung der Kölner Polizei, die sich um ungelöste Altfälle kümmert. Nach mehr als vierzig Jahren im Dienst, die meisten davon als Mordermittler, geht er Ende Mai in den Ruhestand.
Herr Weber, Ende Mai gehen Sie nach 45 Jahren bei der Polizei und über 30 Jahren bei der Mordkommission in den Ruhestand. Wie geht es Ihnen damit?
Weber: Im Moment geht es mir noch ganz gut. Ich habe mich damit abgefunden, den Termin festgezurrt. Es wird sicherlich nochmal einen schwierigen Moment geben, nach 45 Jahren. Aber der Zeitpunkt passt. Man sollte nicht bleiben, bis alle sagen: Jetzt gehst du mal besser, du bist zu alt.
Sie haben bei unzähligen, auch spektakulären Fällen die Ermittlungen geleitet, etwa beim Attentat auf Henriette Reker. Gibt es den einen Fall, der besonders prägend war?
Den einen Fall gibt es nicht. Beim Reker-Attentat war die Herausforderung anders gelagert, weil wir den Täter schnell hatten. Da ging es eher darum, mit der öffentlichen Aufmerksamkeit umzugehen. Die Führung der Staatsanwaltschaft, die Polizeiführung, die Medien – alle standen an meinem Schreibtisch und wollten permanent wissen, was es Neues gibt. Herausragend waren für mich aber auch andere Fälle, etwa der Mord im Hahnwald 2007.
Die 61-jährige Jutta W. war 2007 spurlos aus ihrer Villa im Hahnwald verschwunden. Erst drei Monate später wurde ihre teils verbrannte Leiche im französischen Metz identifiziert. Am Ende stellte sich heraus, dass der Gärtner der Mörder war.
Genau. Wir haben damals sehr aufwendig nach der Leiche gesucht, unter anderem einen halben Wald im Kölner Süden abgerodet. In Frankreich war man zunächst der Meinung, es handele sich um eine deutlich jüngere Frau. Wegen meiner Französischkenntnisse bin ich schließlich nach Metz gefahren und konnte vermitteln. Ein anderer Fall, der vielleicht nicht so spektakulär wirkt, war der Mord am Kölnberg 1998, wegen dem ich fast eine Dienstreise nach Weißrussland gemacht hätte.

Markus Weber leitete die Ermittlungen nach dem Attentat auf Henriette Reker.
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Warum erinnern Sie sich heute noch so gut daran?
Es war einer meiner ersten Fälle als Kommissionsleiter. Eine alte Dame, die als Ärztin in Moldawien gearbeitet hatte und als Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen war, fristete ihr Dasein am Kölnberg und wurde dort tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Erst bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass es ein Tötungsdelikt war. Es gab damals jemanden, den wir im Fokus hatten, aber wir konnten es ihm nie nachweisen. Der Kölnberg war schon damals ein Brennpunkt. Es gab eine große Community aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Nachbarn waren völlig erstaunt, als sie später nochmal in die Wohnung schauten und der Fernseher noch da stand. Offensichtlich war es in anderen Ländern so, dass Dinge verschwanden, wenn die Polizei in einer Wohnung war. Das war hier natürlich nicht der Fall. Das sind so Kleinigkeiten, die hängenbleiben.
Sie waren auch leitender Ermittler beim Nagelbombenanschlag auf der Keupstraße. Erst sieben Jahre später stellte sich heraus, dass der NSU hinter der Tat steckte. Dass die Polizei lange im Umfeld der Anwohner ermittelt hat, ist für viele dort noch immer eine offene Wunde.
Das kann ich verstehen. Rückblickend betrachtet hat man damals den politischen Hintergrund der Tat in dieser Dimension nicht gesehen, das ist richtig. Wer damals aber aufmerksam zugehört hat, wusste, dass wir schon früh einen ausländerfeindlichen Hintergrund für denkbar hielten. Es stimmt auch nicht, dass wir nur im Umfeld der Keupstraße ermittelt haben. Ich bleibe dabei, dass wir handwerklich keine Fehler gemacht haben.

Nach dem Nagelbombenanschlag auf der Keupstraße 2004 übernahm Weber die Ermittlungen.
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2022 übernahmen Sie die Leitung der neu gegründeten Cold-Case-Abteilung. Hatten Sie noch alte Rechnungen offen?
Es wurde schlicht eingesehen, dass man sich nicht nebenbei um diese Altfälle kümmern kann. Und dann hieß es: Der Weber ist schon so lange dabei, der kennt die Fälle schon und ist der erfahrenste Mordkommissionsleiter – der macht das.
Waren Sie glücklich damit?
Ich habe mich anfangs schwer damit getan, aus dem aktuellen Geschäft rauszugehen. Aber wenn man älter wird, ist es auch nicht schlecht, mal ein bisschen runterzufahren. Gleichzeitig sind die Cold-Case-Fälle ermittlungstechnisch sehr anspruchsvoll. Und ich habe ein sehr gutes Team an die Seite bekommen.
Der größte Erfolg dürfte die Aufklärung des sogenannten Karnevalsmordes an Petra Nohl 1988 gewesen sein. Was bedeutet es für Angehörige, wenn ein Fall nach Jahrzehnten plötzlich doch aufgeklärt wird?
Wir versuchen natürlich, vor allem wenn wir mit einem Fall in die Öffentlichkeit gehen, vorher die Angehörigen zu informieren. In diesem Fall hatten wir einen guten Kontakt zur Tochter. Für sie war das eine große Erleichterung. Aber generell müssen wir aufpassen, nicht zu viele Erwartungen zu schüren, wenn wir einen Fall wieder aufnehmen und damit an die Öffentlichkeit gehen.

Cold-Case-Ermittler Markus Weber im Aktenraum. Hier lagern Dutzende Cold-Case-Akten aus den letzten Jahrzehnten.
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Gibt es auch Angehörige, die nicht wollen, dass ein Fall wieder aufgenommen wird?
Persönlich habe ich das noch nicht erlebt. Aber ich weiß von einer Cold-Case-Abteilung aus einer anderen Stadt, da mussten sich die Ermittler erst mal zwei Stunden lang von Angehörigen beschimpfen lassen, nach dem Motto: Ihr habt jahrelang nichts gemacht. Ich kann verstehen, wenn jemand mit einem Fall abgeschlossen hat und dann skeptisch reagiert, wenn die Polizei den Fall wieder aufgreift. Aber ich kann keinen Mörder laufen lassen, nur weil die Angehörigen keine Ermittlungen wollen.
Ihre Cold-Case-Abteilung hat auch den Täter gefunden, der einen Kölner 1987 brutal mit einem Kegelpokal attackiert hat. Er wurde nicht wegen Mordes, sondern nur wegen versuchten Totschlags verurteilt – und kam nicht ins Gefängnis, weil die Tat verjährt war. Frustriert so etwas?
Ja, schon. Aber ich kann die Gesetze nicht ändern. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Totschlag und Mord, was die Schwere des Delikts angeht. Aber wenn jemand einen anderen umbringt – warum soll das nach 20 Jahren auf einmal nicht mehr zählen?
In 45 Jahren bei der Polizei – was hat sich am meisten verändert?
Das fängt schon bei den Uniformen an – in diesem Fall vielleicht zum Glück. Die alte grüne Uniform war bei den Kollegen jedenfalls nicht besonders beliebt. Zum Negativen verändert hat sich das Verhältnis zur Polizei. Ich habe in den 80ern selber zwei Jahre Streifendienst in der Innenstadt gemacht. Das möchte ich heute nicht mehr machen, weil Akzeptanz und Respekt gegenüber der Polizei deutlich abgenommen haben. Das sehen wir auch, wenn Rettungskräfte und Polizeikräfte angegriffen werden. Das gab es in dem Maße damals nicht.
Auch der digitale Wandel und Entwicklungen wie die DNA-Analyse dürften die Ermittlungen verändert haben.
Sicher. Ein banales Beispiel: Wenn in einer Wohnung, in der ein Mensch getötet wurde, ein Staubsaugerroboter durch die Gegend fährt und an der Leiche hängenbleibt, kann man durch diese Daten unter Umständen feststellen, ab wann die Person dort gelegen haben muss. Mit all diesen Daten, seien es Whatsapp-Chats oder Gesundheitsdaten, lässt sich viel erreichen. Die andere Seite ist, dass die Auswertung ein riesiger Arbeitsaufwand ist und Kräfte bindet.
Verändert sich der Blick auf die Menschen, wenn man mit so viel Grausamkeit konfrontiert ist?
Wenn man so lange bei der Kriminalpolizei ist, weiß man, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Andererseits kenne ich in meinem Umfeld genug Menschen, die nett und freundlich sind, mit denen ich mich gerne umgebe.
Sie sind also nicht zum Zyniker geworden?
Nein. Ich habe noch immer viel Spaß am Leben. In mancher Hinsicht stumpft man vielleicht ab, das mag sein. Aber ob ich anders wäre, wenn ich den Job nicht gemacht hätte, kann ich nicht beurteilen. Ich kann für mich sagen, dass ich mit der Belastung immer ganz gut umgehen konnte. Sonst hätte ich den Job nicht so lange gemacht.
Der Rückblick auf die lange Dienstzeit von Markus Weber bei der Polizei und seine spektakulärsten Fälle ist auch Thema bei „True Crime Köln“. Die neue Folge der Podcastreihe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ über wahre Verbrechen aus Köln und der Region erscheint am kommenden Samstag, 29. April 2026. „True Crime Köln“ kann man überall hören, wo es Podcasts gibt, oder über die Homepage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Netz.
Zu mehreren Fällen, für die Markus Weber als Ermittler zuständig war, findet man bereits eine Episode. Die spektakuläre Aufklärung des Cold Cases aus dem Jahr 1988, als Petra Nohl am Karnevalssamstag ermordet wurde, war bereits zweimal Thema. In der Folge „Urteil im Karnevalsmord-Prozess: Petra Nohls Tochter über ein Leben in Angst“ kann man ein beeindruckendes Interview mit der Tochter des Opfers hören. Die „True Crime Köln“-Folge über den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße hat den Titel „Eine Straße unter Generalverdacht“. Besonders ausführlich hat sich die Podcastreihe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ mit dem Anschlag auf Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker befasst. Da findet man im Netz die siebenteilige, mit dem Theodor-Wolf-Preis belohnte Podcastreihe „Attentat am Blumenstadt“.
