„Nicht ein Wunder, sondern die Kraft eines Menschen, der sich nicht brechen lässt, der Solidarität und des Mutes.“ Sichtlich bewegt schilderte Landtagsvizepräsidentin Berȋvan Aymaz in ihrer Begrüßungsrede das Schicksal des Mannes, der an diesem Abend im Bürgerhaus MüZe das 7. Festival der Solidarität eröffnen sollte. Dass die Geschichte von Ilhan Sami Çomak ihr besonders nahe ging, erklärte sich dadurch, dass beide nicht nur fast gleich alt sind, sondern auch in der kurdisch geprägten türkischen Provinz Bingöl geboren wurden.
Während es Aymaz aber schon als Kind nach Köln verschlug, wurde Çomak 1994 kurz nach Beginn seines Studiums an der Universität von Istanbul verhaftet, wegen Mitgliedschaft in der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans PKK angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Dank der Hilfe seiner unermüdlichen Unterstützer kam er schließlich frei. Die lange Haftzeit werde in den Medien oft lapidar mit „drei Jahrzehnten“ umschrieben, so Aymaz. So richtig klar werde einem das Ausmaß aber erst, wenn man sich die genauen Zahlen vergegenwärtige: 30 Jahre, drei Monate und sechs Tage.
Die Gedichte schafften es, die Gefängnismauern zu überwinden
Im Gefängnis begann Çomak Lyrik zu schreiben. Elf Bände kamen so zusammen, davon einer mit kurdischen und der Rest mit türkischen Gedichten. Einen Querschnitt stellte er im Gespräch mit Moderatorin Angela Spizig vor, die auch jeweils die deutschen Übersetzungen las. Wüsste man nicht um die Hintergründe, könnte man sich einfach an den bildhaften Texten erfreuen. Doch erst wenn man weiß, wie diese entstanden sind, kann man erfassen, welche Schrecken hinter den vermeintlich harmlosen Worten lauern. So schreibt er etwa in einem der wenigen Gedichte, die sich explizit mit dem Gefängnisalltag befassen: „Leben ist abgeschnitten von der Sonne.“, um gleich darauf festzustellen: „Es gibt immer einen Weg hinaus.“ Die Hoffnung, so das Fazit, stirbt zuletzt. Was er mit dem Gedicht habe umschreiben wollen, fragte Spizig. Es sei nicht so, dass es im Gefängnis kein Licht und keine Helligkeit gebe, antwortete Çomak. Aber dieses Licht sei vor allem da, um Menschen auszuleuchten und zu kontrollieren.
Als politischer Gefangener waren Außenkontakte für ihn streng limitiert. So bekam er nur einmal wöchentlich die Erlaubnis für ein zehnminütiges Telefonat. Dennoch schafften es seine Gedichte, anders als ihr Erschaffer, die Gefängnismauern zu überwinden und die Literaturwelt zu erobern. Alle elf Bände entstanden während der Haftzeit, in Abwesenheit wurde der Dichter mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Großzellen für bis zu 250 Menschen
Ebenfalls eingeschränkt war der Zugang zu Literatur. Zwar gab es in den politischen Gefängnissen durchaus gut ausgestattete Bibliotheken. Doch man durfte sich nicht einfach so bedienen, wenn einem gerade der Sinn nach Lektüre stand. Sieben Bücher in drei Monaten durfte man ausleihen. Dann war Schluss. Das, so Çomak, habe zu einem regen „Tauschhandel“ unter den Gefangenen geführt. „Oft haben wir uns Bücher über die Dächer hinweg zugeworfen. Einige Bücher liegen dort vermutlich immer noch“, schilderte er mit einem Lachen.
Wie man sich denn das Zusammenleben mit den Zellengenossen vorzustellen habe, wollte Spizig wissen. Schließlich ist für politische Häftlinge in der Türkei keine Einzel- oder Doppelunterbringung vorgesehen, sondern Großzellen für bis zu 250 Menschen. Da entstehe schnell eine große Solidarität, betonte Çomak. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass die Gefangenen häufig in wechselnde Haftanstalten verlegt würden.
Manchmal entstehen sogar Freundschaften, die die Gefängniszeit überdauern
Manchmal entstehen sogar Freundschaften, die die Gefängniszeit überdauern. Sichtbarer Beweis war an diesem Abend ein junger, mittlerweile in Berlin lebender Rechtsanwalt im Publikum. Dieser war eine Zeit lang Çomaks Zellengenosse – und bat ihn eines Tages, ein Gedicht für seine Freundin zu verfassen.
Zeitgleich mit weiteren Mitgefangenen kamen beide 2024 frei. An diesen Moment erinnert sich der Dichter bis heute tief bewegt: „Ich wurde aus meiner Zelle geführt. Draußen wartete mein Anwalt. Als er mich sah, breitete der die Arme aus und rief: ‚Du bist frei!‘“
Das 7. Festival der Solidarität findet in verschiedenen Kölner Bürgerzentren statt und dauert noch bis zum 25. November. Die diesjährige Ausgabe steht unter dem Themenschwerpunkt Frieden.
