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Alte Schule und ein bisschen Punk

2 min

Die Solistin beginnt mit wild auf- und abfahrenden Glissandi, als würde sie fauchen und schnattern. Die Tutti-Geiger greifen den sprechenden Gestus auf, so dass alles heftig durcheinander keift. Einen Gegenpol bilden mit großer Langsamkeit längs und quer der Saiten gezogene Bogenstriche. Beide Extreme verkörpert Patricia Kopatchinskaja brillant, hier aufgeregte Kapriolen und eckige Zuckungen, dort plötzlich umso größere Ruhe. Schließlich gleiten Solistin und Orchester in silbrig schwebende Höhen. Der 1975 geborene ungarische Komponist Márton Illés schrieb sein Violinkonzert „Von-tér“ (gestrichener Raum) für das WDR Sinfonieorchester und die Stargeigerin. Diese trat wie gewohnt barfuß auf, gekleidet mit einem durch Schlitze und Löcher künstlich durchlüfteten Frack: alte Schule und zugleich ein bisschen Punk. Die Solokadenz spielte Kopatchinskaja mit überragendem Schwung, hoch virtuos, gestisch packend und volltönend meist auf allen vier Saiten zugleich, als seien mehrere Geigerinnen am Werk. Gegen Ende erreichen rasende Läufe und Repetitionen ihren energetischen Höhepunkt, der dann erschöpft verebbt. Voraus ging der bejubelten Uraufführung Beat Furrers „Phaos“ von 2006. Das Orchester verhakt sich hier in Wiederholungen, um plötzlich hohe Liegeklänge von gellender Schärfe wie Scheinwerfer von Zehntausenden Watt ins Publikum zu richten.

Einmal mehr zu einer Entdeckung wurde ein Werk des diese Spielzeit bei „Musik der Zeit“ porträtierten Bruno Maderna. „Stele für Diotima“ des 1973 verstorbenen italienischen Komponisten und Dirigenten beginnt mit einer Folge vereinzelter Akzente, deren Besetzung von Mal zu Mal variiert und mit verschieden langen Ausklängen jeweils anders gefärbte Schlagschatten hören lässt. In der zweiten Hälfte verkehrt sich das im Jahr 1966 entstandene Stück zu einem weiteren Violinkonzert. Die Stimme eines Individuums emanzipiert sich gegenüber den Tutti-Impulsen des bestens einstudierten WDR Sinfonieorchesters unter Leitung von Michael Wendeberg.

Raum und Zeit im WDR-Sendesaal gehören plötzlich allein dem Konzertmeister Slava Chestiglazov, dessen großes Geigensolo auch dann noch kein Ende findet, als die Bläser ihrerseits mit Soli antworten.

Großer Applaus für alle Interpreten.