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Anne Truitt in DüsseldorfMit der einfachsten Form ein Maximum an Bedeutung erreichen

5 min
Ausstellungsansicht Anne Truitt, K20 Düsseldorf

Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Anne Truitt (1921–2004) im K20, Düsseldorf: Ihre Verwendung von Geometrie und Farbe wies der Skulptur eine neue Richtung.  

Die Kunstsammlung NRW präsentiert die erste umfassende europäische Ausstellung zum Werk von Anne Truitt. Eine wunderbare Entdeckung.

Mehr als vierzig Jahre lang spielte sie eine wichtige Rolle in der amerikanischen Kunst, wurde zu vielen maßgeblichen Ausstellungen eingeladen, ihre kühne Verwendung von Geometrie und Farbe wies der Skulptur eine neue Richtung. Dennoch ist die US-amerikanische Künstlerin Anne Truitt (1921–2004) in Europa, und wohl besonders in Deutschland, viel weniger bekannt als ihre Zeitgenossen-Kollegen Donald Judd, Carl Andre, Barnett Newman und andere, deren Werke häufig auf denselben Geometrien aufbauen und ähnliche Oberflächen zu besitzen scheinen. Deren künstlerische Interessen allerdings, das Streben nach Objektivität, schematischer Klarheit und Logik, das serielle Wiederholen, die industrielle Produktion und der Einsatz von Fertigprodukten waren nicht ihre.

Die Kunstsammlung NRW zeigt im K20 mit rund 120 Werken aus gut vierzig Jahren jetzt eine umfassende Ausstellung zu Anne Truitt, die mit ihren Skulpturen als Wegbereiterin der Minimal Art der frühen 1960er Jahre gilt, obwohl sie selbst sich gerade dieser Zuschreibung ausdrücklich entzog. „Für mich ist meine Kunst maximal …“, so die Künstlerin 1986, und ein Jahr später: „Meine Arbeit ist vollständig referentiell. Mein ganzes Leben habe ich dafür gekämpft, mit der einfachsten Form ein Maximum an Bedeutung zu erreichen.“

Schwarz-Weiß Aufnahme der Künstlerin in Maleranzug und mit Leiter

Anne Truitt (1921-2004) in ihrem Atelier, 1978

Wenngleich also auch Truitt von einfachen geometrischen Grundstrukturen ausging, sind ihre Skulpturen ausdrücklich subjektiv, sehr persönlich und voller Verweise. Jede einzelne Skulptur, jedes einzelne Bild ist ein Individuum, ein singuläres Gegenüber, dem auch wir alleine begegnen. „Was ich eigentlich versuchte, war, Bilder von der Wand zu nehmen, Farbe um ihrer selbst willen in drei Dimensionen zu entgrenzen“, so formuliert die Künstlerin 1974.

Die immer und immer wieder abgeschliffenen und neu gemalten Acryl-Oberflächen sowohl der  Skulpturen als auch der Malerei lassen die Farbe tief im Innern des Objekts glühen. Es braucht Zeit, die verschiedenen verwandten Farben, ihre Nuancen, ihre Berührungen, ihre Grenzen auszumachen. Und dann das Zusammenwirken. Die Farbfelder und Längsstreifen, die sich erst beim Umrunden der Stelen in ihrem ganzen Reichtum entfalten, die umlaufenden Farbbänder und minimalen Variationen.

1975 waren ihre Bilder ein Skandal

Das gilt für die dunklen Blöcke wie „North“ (1963) und das gilt ebenso für die Weiß-in-Weiß-Malerei der „Arundel Serie“ (1973–1999): Subtile, kaum wahrnehmbare Linien aus Grafit und dichtem Titanweiß auf einheitlich weißer Grundierung sind für die Betrachtenden eine Herausforderung, für die Ausstellungsbesucher 1975 waren die Bilder ein Skandal.

In vielen der grandiosen farbigen Gemälde gibt es nicht nur die feinen Nuancen von Helligkeit, sondern auch diese kleinen, fast unmerklichen Abweichungen von gestrenger Geometrie und Regelhaftigkeit. Ein bisschen trotzig krümmen sich das rahmende Farbband oder eine vermeintliche Horizontlinie, schimmert irgendwo ein heller Streifen Untermalung hervor, manche der Farbbänder haben verwaschene Ränder. Trotz all der Perfektion leugnen die Arbeiten nie ihr Gemacht-Sein. Und das macht sie nahbar und sympathisch.

Farbe als Bedeutungsträger

Für Truitt stellten die Abstraktionen eine Sprache für ihre Impressionen und Erinnerungen zur Verfügung, für Eindrücke von Personen, Landschaften, Ideen. Mitunter sind ihre Werke einzelnen Personen gewidmet, Orten, Ereignissen („Hardcastle“, 1962), Tageszeiten („Morning Moon“, 1969) oder auch indigenen Gesellschaften (das Gemälde „Oijbwa“, 1993) oder einem Snack („Quipe“, 1984).

In ihren eigenen Worten klingt das bereits 1965 so: „Was für mich wichtig ist, ist nicht die geometrische Form an sich oder die Farbe an sich, wichtig ist, eine Beziehung zwischen Form und Farbe herzustellen, die sich anfühlt wie meine eigene Erfahrung. Etwas zu schaffen, das sich für mich wie die Wirklichkeit anfühlt.“ Noch in ihrem Todesjahr, 2004, entsteht die Skulptur „Evensong“, das Abendgebet. Im selben Jahr entstand auch die Serie „Pith“, die die Künstlerin im Anschluss an 9/11 schuf: an den Rändern ausgefranste, dick mit schwarzer Acrylfarbe bestrichene Leinwände, stocksteif und unbeweglich geworden. Sie sehen ein wenig aus wie verkohlt.

Geheimnisvoll und offenbar zugleich

Ein besonders explizites und greifbares Beispiel für die beschriebene Sensation ist wohl die blau hingelagerte Bodenarbeit „Remembered Sea“ von 1974, die die Oberflächen und Farben des Meeres, seine Tiefen und Untiefen, Wetter und Horizonte in sich trägt. Eine Arbeit, geheimnisvoll und offenbar zugleich, wie das Meer mit seinen Gezeiten, dem Kommen und Gehen, hoch und tief, nah und fern. „Remembered Sea“ ist vielleicht eine Erinnerung an einen bestimmten und persönlichen Moment und ist zugleich umfassend und universal. Eine poetische Metapher für einen einzelnen besonderen Tag am Meer und für alle Tage seit jeher.

blau hingelagerte Bodenarbeit, die die Oberflächen und Farben des Meeres in sich trägt

Anne Truitt, Remembered Sea, 1974, Acryl auf Holz, 21 x 366 x 24 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

1943 hatte Anne Truitt ihren Abschluss in Psychologie am Bryn Mawr College gemacht, arbeitete für zwei Jahre in einer psychiatrischen Abteilung des Massachusetts General Hospital. Als sie 1949 anfing zu malen und zu bildhauern, war dies wohl auch ein Versuch, das Denken und Empfinden durch und mit einem neuen Medium zu untersuchen. Sie begann irgendwann, Lyrik und Short Fiction zu schreiben, später dann Tagebuch. Und sie hat erste Ton- und Zementskulpturen geschaffen, angelehnt etwa an die Architekturen der Maya-Pyramiden in Mexiko; eine wunderschöne dieser kleinen Arbeiten ist auch in Düsseldorf zu sehen („Untitled“, 1959). Die meisten ihrer frühen Werke hat die Künstlerin allerdings zerstört, als sie in den frühen 1960er Jahren begann, ihre eigene Sprache für Skulptur zu entwickeln.

Anne Truitts visuelle Grammatik, bei der sie Farbe und Form als gemeinsamen bildlichen Ausdruck für Gedanken und Erinnerungen verwendete, und dies in der reinen Anschauung erlebbar machte, sollte in der Kunstgeschichte ziemlich einzigartig bleiben.


Anne Truitt. Pioneer of Minimal Art, Kunstsammlung NRW K20, bis 2. August 2026, Di–So 11–18 Uhr, jeden 1. Mi des Monats 11–22 Uhr, www.kunstsammlung.de.