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Auftritt in Köln
Roger Waters mit antisemitischer Hetze und exzellentem Konzert

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Roger Waters gehört zu den international bekanntesten BDS-Verfechtern

Köln – Vor der Zugabe wird getrollt. Offensichtlich sei er ja wohl kein Antisemit, ruft Roger Waters in die ausverkaufte Lanxess-Arena. Beschwert sich, dass eine Minderheit seine Karriere zerstören wolle und erzählt noch einmal, aus seiner Sicht, die Geschichte von der Petition einer Bürgerin dieses Bundeslandes, deren jüdischen Namen - Malca Goldstein-Wolf - er dreimal genüßlich wiederholt. Die hatte den WDR-Intendanten Tom Buhrow aufgefordert, von der Präsentation des Kölner Konzertes abzusehen. Buhrow folgte der Aufforderung prompt und das völlig zu recht: Der ehemalige Bassist und konzeptuelle Kopf von Pink Floyd ist der unverblümteste Unterstützer der BDS-Kampagne.

Antisemitische Hetze höflich überhören?

Das Akronym steht für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“. Mit eben diesen Maßnahmen will der BDS den Staat Israel politisch, wirtschaftlich und kulturell isolieren, solange dieser noch „arabisches Land“ besetze oder besiedle. Erfüllte Israel morgen alle Forderungen des BDS, hätte es übermorgen aufgehört zu existieren. Roger Waters sieht das völlig anders: „Ich glaube an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, sagt er unterm Jubel des Publikums, „Malca Goldstein-Wolf glaubt, dass manche Tiere gleicher sind als andere, voilà.“

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Womit der 74-Jährige das Gebot der Schweine aus George Orwells „Farm der Tiere“ zitiert. Will er wirklich Frau Goldstein-Wolf mit einem Schwein gleichsetzen? Sollte man antisemitische Hetze höflich überhören, nur weil sie von einem zweifellos bedeutenden Künstler kommt?

Niemand buht nach musikalisch exzellentem Konzert

Jedenfalls hat niemand gebuht. Verständlicherweise. Gerade hatten Waters und seine acht Mitmusiker ein musikalisch exzellentes Konzert gegeben, hatten sich den guten Willen des Publikums redlich erarbeitet. Der Klang in der akustisch nicht einfachen Arena war von staunenswerter Klarheit, Soundcollagen ertönten aus allen Windrichtungen, und auch bei der optischen Umsetzung seiner Lieder hatte Waters keinen Aufwand gescheut, zum elegischen „Eclipse“ bildete eine Laserpyramide das berühmte Prisma vom „The Dark Side of the Moon“-Cover und ein Regenbogen gebündelten Lichts ergoss sich auf die nun restlos begeisterte Menge.

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Roger Waters

Schon nach der Pause hatte eine aus allen vier Schloten schmauchende Battersea Power Station, die über den Köpfen der Zuschauer im bestuhlten Innenraum schwebte, für offene Münder gesorgt. Und um sie herum zog eine Drohne in Gestalt eines riesigen Schweins seine Bahnen, was angesichts der vielen Einspielfilme, die das Zerstörungswerk des modernen Drohnenkrieges zeigten einer gewissen Ironie nicht entbehrte. Bei früheren Konzerten soll unter anderem ein Davidstern auf der Schweinebacke geprangt habe. Davon zumindest sieht Waters inzwischen ab: „Bleibe menschlich“ steht jetzt auf dem Schwein zu lesen.

Trump mit Steinzeitmethoden der Satire kritisiert

Wer am allgemein Menschlichen teilhaben darf, bestimmt an diesem Abend allerdings allein Roger Waters. „Donald Trump ist ein Schwein“ steht in meterhohen Lettern auf den Leinwänden am Ende von „Pigs (three different ones)“ zu lesen. Großer Jubel. Zuvor hat man den US-Präsidenten bereits als schreiendes Baby, als Klu-Klux-Klan-Anhänger, als Hitler, als Transvestit, sich übergebend und selbstredend auch als Schwein gesehen. Öffentlich seine Verachtung für den Narzissten im Weißen Haus auszudrücken, ist hierzulande in etwa so kontrovers, wie ein einleitender Satz zur Wetterlage. Was will Waters also bloß mit solchen Steinzeitmethoden der Satire bewirken?

Zumal sie von der zeitlos gültigen Musik ablenken, die man seit den aktiven Tagen Pink Floyds nicht mehr so dynamisch und drängend hören konnte. Setzt ein Solist oder die ganze Band zum Höhenflug an, ersetzt tatsächlich oft ein funkelnder Sternenhimmel die politisch aufgeladen Bilder auf der hallenbreiter LED-Wand hinter der Bühne.

Höhenflüge und ein erschreckender Eindruck

Und was für Höhenflüge dieser Abend zu bieten hat: Dave Kilminster übernimmt das Gros von David Gilmours Gitarrensoli und spielt diese so uneitel und doch nie sklavisch imitierend, dass man sich in kosmische Sphären gehoben fühlt. Gilmours Gesangsparts gibt er indes an Jonathan Wilson ab, von Waters als „resident hippie“ der Band vorgestellt. Seine Stimme bildet den sanft entrückten Gegensatz zu Waters gepressten Agit-Prop-Zeilen. Noch schöner singen nur Jess Wolfe und Holly Laessig. Die beiden platinblond perückten Damen von der amerikanischen Indie-Band Lucius teilen sich Clare Torrys wortlose Arie von „The Great Gig in the Sky“, bilden eine tollkühne Seilschaft in den Pophimmel.

„The Dark Side of the Moon“, das zweitmeistverkaufte Album der Popgeschichte, bildet gewissermaßen das Rückgrat der Setliste, darin eingestreut hat Waters weitere unverzichtbare Hits, vom manischen Basssolo „One of These Days“ über die mit Verzückungsrufen begrüßte Ballade „Wish You Were Here“ bis zum antipädagogischen Gassenhauer „Another Brick in the Wall“, zu dem ein Dutzend Kölner Kinder in oranger Häftlingskleidung und über den Köpfen gestülpten schwarzen Säcken auf die Bühne geführt werden. Von denen befreien sie sich bald, ebenso wie von den Overalls. Darunter tragen sie schwarze T-Shirts wie der Zeremonienmeister selbst. „Resist“ verkünden die Shirts, aber in Ehren ergraute Konzertbesucher, die 300 Euro für ihren Sitzplatz bezahlt haben, werden wohl kaum eine Widerstandsbewegung bilden.

Letztlich sind das alles leere Gesten und Roger Waters nur einer dieser wütenden alten Männer, die Kommentarspalten vollschreiben. „Wäre ich Gott gewesen, hätte ich einen besseren Job gemacht“, singt Waters in „Déja Vu“, einem der wenigen neuen Songs im Set. Am Ende des Konzerts bleibt ein erschreckender Eindruck: Der meint das ernst!

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