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AutobiografieGorbatschows große Gefühle

6 min

Raissa und Michael Gorbatschow 1997 in Paris.

Michail Gorbatschow blickt voller Sorge auf seine Heimat: „Die Gefahr von Nomenklatura und Bürokratie ist nicht gebannt“, sagt der frühere sowjetische Präsident, als er seine jetzt auf Deutsch erschienene Autobiografie vorstellt. Es gebe  immer mehr Menschen in Russland, die Vergangenheit und Gegenwart kritisch hinterfragten, die sich gegen die Politik „der harten Hand“ auflehnten: „Das heißt, der Kampf ist noch nicht zu Ende“.

Das sagt der Mann, der am 21. September 2000 in sein Tagebuch geschrieben hat: „Mein Leben hatte seinen eigentlichen Sinn verloren“. Vor einem Jahr ist Gorbatschows Frau Raissa gestorben. Ein von Gewissensbissen geplagter Mann berichtet von ihrem Leiden, von seinem Leiden. „Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich schuld bin an Raissas Tod“. Und später: „Wie konnte es geschehen, dass unanständige, gewissen- und verantwortungslose Menschen in unserem Land die Oberhand gewonnen hatten?“ Es quälte ihn, dass sie litt.

Der deutsche Titel lautet „Alles zu seiner Zeit – Mein Leben“, das russische Original. „Allein mit mir“, was sicher den Gemütszustand des Autors besser wiedergibt. Seine Frau, der er das Buch widmet, sei letztlich nicht an Leukämie, sondern an seiner Perestrojka (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit) gestorben,  aus Gram und wegen der tiefsitzenden Kränkung darüber, wie die alten Kader mit dem Ehepaar nach 1991 in seiner Heimat umgesprungen seien.

In Deutschland  wird der frühere Präsident immer noch wie ein Held verehrt,  die Hannoversche Rockband  „Scorpions“ hat ihm ja bekanntlich die Hymne „Wind of Change“ gewidmet.  Der Weltruhm allerdings steht in eklatanten Kontrast zur Geringschätzung in seinem eigenen  Land. Im Buch – das fünfte übrigens, das Gorbatschow geschrieben hat - geht es natürlich auch die große Politik, um Russland und die Welt. Es geht dem Wegbereiter der deutschen Einheit aber zunächst um seine große Liebe.

Einblicke in privates und politisches Leben

„Michail ist für uns verloren“, scherzen Kommilitonen, als Michail Raissa kennenlernt. Der erste Kuss, die erste gemeinsame Nacht: So offen wie noch kein Kremlchef vor ihm beschreibt die Annäherungsversuche an seine spätere Frau. Fast eine Homestory mit leicht schräg anmutenden Einblicken. „In all den Jahren, die wir zusammenleben sollten, sah ich sie morgens nie ungepflegt“. Sie ist der ästhetische Gegenentwurf zu den eher etwas raumfüllenden Partnerinnen der Machthaber, die man aus der Sowjetära ab und an zu sehen bekam.

Michail und Raissa lernen sich im Studentenwohnheim auf den Moskauer Leninbergen kennen, wo sie ihn zunächst kaum beachtet, wie Gorbatschow schreibt. „Elegant, sehr zart, rothaarig“ ist die junge Studentin. Spaziergänge, Kinobesuche, Hochzeitspläne: „Die wunderschönen, nie wiederkehrenden Tage der Hochgefühle“, schwelgt Gorbatschow. „ Ich umarmte und küsste sie ungeschickt, aber leidenschaftlich“. Als sie heiraten, ist sie 21, er 22. Gorbatschow berichtet von den Familien, von einer Abtreibung, der Geburt der Tochter, von den Enkelkindern, die im heutigen so einsamen Leben sein Halt sind. Fast 50 Jahre sind Raissa und Michail zusammen. Selbst ein kleiner Teppich, den die beiden aus Stawropol nach Moskau mitgenommen haben, ruft Erinnerungen wach.

Natürlich schreibt auch der Politiker, der erste Mann an der Spitze einer Weltmacht, die bis ins Mark erschüttert wird. Auch hier gewinnt der Leser intime Einblicke in die innersten Zirkel der Macht in den letzten zwei Jahrzehnten der Sowjetära. Vieles hat man geahnt, vermutet, auch schon irgendwo gelesen, gehört. Intrigen, Speichelleckereien und Postengeschachere. Als innerhalb weniger Jahre drei Generalsekretäre der KPdSU sterben, erkennt Gorbatschow: „Das System selbst lag im Sterben, es war vergreist und hatte keine Lebenskraft mehr“. 1990 wird für ihn allerdings auch klar, welche Last er sich als Aspirant für den Posten des Generalsekretärs aufbürden würde. Die Parteikarriere ist mühsam, so verworren und unheimlich wie die Flure im Kreml.

Zwei Dollar Rente

Ist die erste Hälfte des Buches eine Liebeserklärung an Raissa, wird die zweite zur Verteidigung  für die  Reformbemühungen Gorbatschows, den Freunde und Förderer 1978 als Gegengewicht zur amtierenden Altherrenriege in den Kreml bugsieren. „Ich werde oft gefragt: Hat die Perestrojka eine Niederlage erlitten oder hat sie gesiegt? Meine Antwort darauf lautet: Die Perestrojka ist abgerissen, genauer: Man hat sie verhindert. Aber ihre Errungenschaften sind nicht umkehrbar“. Aber auch das: „Wir haben die Reformierung der Union und die Umgestaltung der KPdSU in eine demokratische Partei modernen Zuschnitts zu spät in Angriff genommen“.  Das sind seine Fehler, er selbst hätte  gegenüber dem Parteiapparat skrupelloser sein müssen.  Der Kompromissler, zu weich!

Und immer wieder taucht Boris Jelzin auf. Gorbatschow trägt schwer daran, dass er selbst es war, der dem Provinzsekretär den Weg auf die Moskauer Bühne geebnet hat. Dieser Mann, der ihn später so gedemütigt, der ihn 1991 gestürzt hat. Gorbatschow kommt nicht darüber hinweg, dass Jelzin nach seinem Abgang jede Menge Privilegien bekam, er aber umgerechnet nur zwei Dollar Rente und keine Immunität. Vielleicht wäre ja alles ganz anders gelaufen, wenn 1987 ein Selbstmord-Versuch des in Ungnade gefallenen Jelzins „Erfolg“ gehabt hätte. Gorbatschow hadert: „Später warfen mir viele vor, ich hätte die Sache nicht konsequent zu Ende geführt: „Man hätte ihn aus dem ZK ausschließen und in die Provinz schicken sollen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Oder als Botschafter in irgendeine Bananenrepublik“. Dann wäre der Weg frei gewesen.

Putin: Tiger statt Ehefrau

Es kam alles anders, wie wir wissen. Bereits 1986 sinkt der Ölpreis auf zehn Dollar, die russischen Deviseneinnahmen brechen um zwei Drittel weg. Gleichzeitig werden Gehälter und Renten erhöht, und wegen der Anti-Alkohol-Kampagne des „Mineralsekretärs“ bleiben gewaltige Steuereinnahmen aus. Als zweiten Wendepunkt sieht Gorbatschow die erste halbwegs freie Wahl im März 1989, bei der die kommunistischen Führungskader haushoch verlieren - woraufhin die Gorbatschow-Gegner zum Gegenangriff übergehen. Das Ergebnis ist Wladimir Putin.

Der Westen hat das „Glamourpaar, das aus der Kälte kam“ gefeiert. Und nun ist Russland wieder kalt. Kennt jemand  Putins Ehefrau Ljudmila? Da sieht man den aktuellen Präsidenten häufiger mit Pferden oder Tigern. Gorbatschow wurde wahrgenommen als Politiker, der durch seine Liebe zu Raissa stark geworden ist. Am Ende nicht stark genug. „Mir tut es noch heute leid, dass ich das Schiff, an dessen Steuer ich stehen durfte, nicht in ruhige Gewässer habe lenken können“, schreibt er am Schluss. „Was die Gegner und Kritiker der Perestroika heute auch sagen mögen, es war eine wunderbare Zeit. Wir haben den Menschen frei gemacht“.

Michail Gorbatschow: „Alles zu seiner Zeit – Mein Leben“. Hoffmann und Campe, 547 Seiten, 24,99 Euro