Köln – „Silence“, assistiert eine Frau in den vorderen Reihen. „Silence“ ist das Wort, das Adrianne Lenker braucht, um weiterzukommen im Song „Mary“ vom zweiten Album ihrer Band Big Thief, das Wort, das ihr gerade entfallen war. Was insofern bemerkenswert ist, als eigentlich alle Big-Thief-Songs aus einer tiefen Stille heraus zu entstehen scheinen.
Einer Stille, wie man sie vielleicht findet, wenn man sich allein in den Bankreihen eines mitternächtlichen Kirchenschiffes wiederfindet. Eine Stille als Hallraum des eigenen Innenlebens.Weshalb man Lenkers Liedern wohl am besten allein in abgedunkelten Räumen lauscht. Tatsächlich jedoch ist Big Thiefs Popularität sprunghaft angestiegen, nachdem die Band aus Brooklyn vergangenes Jahr gleich zwei hochgelobte Alben veröffentlicht hat, das folkig-versponnene „U.F.O.F.“ (das zweite „F“ steht für „Freunde“) und das erdverwachsenere „Two Hands“, aufgenommen in einem Studio am Rande des Rio Grande.
Big Thief: In England und den USA füllen sie längst Hallen
In Köln mussten Big Thief vom Luxor in die doppelt so große Kantine umziehen, und auch die ist längst ausverkauft. In England und der amerikanischen Heimat füllt das Quartett längst 5000er Hallen.Aber wahrscheinlich würde sich selbst in einem Stadion noch jede und jeder Einzelne ganz persönlich angesprochen fühlen, denn Lenker beherrscht die hohe Kunst, von Einsamkeit zu singen und dabei die Hand zu reichen: „Reich mir das Kabel/ schließ es an, egal wo“, lädt sie gleich im zweiten Song des Abends, „Rock and Sing“.
Später lobt Lenker die „gute Erde“ rund um die Konzerthalle, gestern waren Big Thief noch in Amsterdam, von Deutschland haben sie offensichtlich bislang nicht mehr gesehen als die Neusser Landstraße. Womit sie ganz zufrieden scheinen, denn auch wenn sie sich in New York zusammengefunden haben, sind ihre ländlichen Wurzeln unüberhörbar, und wenn Lenker in hohen Lagen singt, hat ihre Stimme einen unüberhörbaren Country-Näsler, durchdringend und zugleich altvertraut.
Zusammenspiel wie im Proberaum
Sie übernimmt auch die Solo-Gitarrenparts, und doch sind die drei Herren mehr als nur Begleiter (Zeit für Klatsch: Buck Meek, der zweite Gitarrist, ist auch ihr Ex-Mann), Big Thief sind ganz entschieden eine Band, und zwar eine, deren Zusammenspiel von derart schlafwandlerischer Sicherheit ist, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, gerade in ihren Probenraum eingeladen worden zu sein — was selbstredend auch zur Intimität des Gigs beiträgt.
Überraschenderweise spielen Big Thief mehr Material von ihren ersten Veröffentlichungen und kaum etwas von ihrem Durchbruchsalbum „U.F.O.F.“, dafür aber zwei neue Stücke, von denen Lenker eines abbrechen muss, weil sie, wie sie sagt, von Gefühlen übermannt ist, „I feel like I‘m tripping“. Die fürsorglichen Blicke ihrer Mitstreiter verraten alles, was man über die innere Dynamik dieser Band wissen muss. Bevor sie zu „Not“, dem letzten Song vor den Zugaben ansetzen, schauen sie sich noch einmal in die Augen, zögern, bis Lenker einen tiefen Atemzug nimmt und die Saiten anschlägt: Es ist der zwingendste, mitreißendste und erschütterndste Song, der ihr bis heute gelungen ist, ihr „A Day in the Life“, ihr „All Along the Watchtower“.
Ein kathartischer Moment, der Jubel ist riesig
Dabei ist „Not“ kaum mehr als eine Aufzählung von all den Dingen, die ihr Leben oder eine bestimmte Beziehung, das bleibt offen, nicht ausmachen. Oder eben gerade doch, ähnlich wie das 10cc einst mit „I‘m Not in Love“ gemacht haben: Die Negation ist zugleich die Ausrufung des Negierten. In „Not“ mündet dieser Konflikt in einem epischen, alles Ungesagte erzählenden Gitarrensolo. Schließlich schwingt sich die ganze Band zu einem Crescendo auf, das niemanden unberührt lässt. Ein kathartischer Moment, der folgende Jubel ist riesig. Und das alles ist aus der Stille entstanden.
