Wegen der exorbitanten Hitze Ende Juni hatten drei Konzerte des Brühler Haydn-Festivals verlegt werden müssen – und das war keine Notlösung.
Brühler Haydn-FestivalEin Sommerkonzert im Oktober

Akademie für Alte Musik Berlin
Copyright: Uwe Arens
Das Licht, in das Schloss Augustusburg bei hereinbrechender Dämmerung getaucht wird, ist zauberhaft, frühherbstliche Heiterkeit erfüllt den Ehrenhof. Dem Park sieht man freilich die Wut des vergangenen Sommers an, Bäume stehen in desillusionierter Bräune da, und das Innere der Rondelle jenseits der intakten äußeren Rabatten darf man sich auch nicht so genau angucken. Irgendwie steht doch schon alles auf Abschied, die Parktore werden auch früher geschlossen.
Das macht aber nicht so viel, ein schönes Erlebnis ist die ungewohnte Verlängerung des sommerlichen Brühler Haydn-Festivals in den Oktober hinein so oder so. An das Ungewohnte wird man sich vielleicht noch gewöhnen müssen: Wegen der exorbitanten Hitze Ende Juni hatten drei Konzerte auf das vergangene Wochenende verlegt werden müssen. Am Freitag konnte Andreas Spering mit der Capella Augustina sein Haydn/Mozart-Konzert nachholen, während die beiden Auftritte der Neuen Hofkapelle Osnabrück nicht mehr anzuberaumen waren. Hier musste die Akademie für Alte Musik Berlin mit neuem Programm, Bachs sechs Brandenburgischen Konzerten, einspringen.
Eine eingeschworene Truppe
Anlass, diesen Wechsel zu bedauern, hatte der Besucher nicht – das Ensemble von der Spree gehört zu den drei besten deutschen Barockformationen, und wer glaubt, die Brandenburgischen zu kennen, konnte sie jetzt im Treppenhaus so frisch und eindringlich wie am ersten Tag erleben. Klar passt diese Architektur gut zu dieser Musik – wobei sich freilich auch unweigerlich der Gedanke einstellt, dass Bach hier im 18. Jahrhundert nie erklungen ist – nicht erklingen konnte: Der Lutheraner aus Mitteldeutschland am tiefkatholischen Kurkölner Hof Clemens Augusts und seiner Nachfolger? Undenkbar.
Zweifellos sind die Berliner unter ihren einander abwechselnden Konzertmeistern Georg Kallweit und Elfa Rún Kristinsdóttir eine eingeschworene Truppe, integriert auch durch den alles durchdringenden Spaß am eigenen Tun. Vor allem knallt aus dem Ensembleklang niemand ungebührlich heraus. Das zweite Konzert mit dem hervorragenden Trompeter Raphael Pouget wird eben kein Trompetenkonzert, hier kommt tatsächlich jeder mal dran. Die schöne Balance von Homogenität und Differenz reicht bis in den Unterbau der Partitur. Köstlich etwa die Hörner im ersten Konzert, wenn sie stur-effektvoll gegen die gerade Mensur der übrigen Stimmen ihre Triolen setzten. In diesen Sound eingebettet wurde sogar die gelassen-fehlerfreie Virtuosität des Cembalisten Raphael Alpermann in der Nummer 5.
Und immer wieder gab es Strecken mit einem psychedelischen Verwandlungspotenzial. Die stets neue Beleuchtung des Seufzerthemas im Mittelsatz des zweiten gehörte genauso dazu wie der murmelnd-lallende Effekt der Streicherfiguration in der Polonaise des ersten Konzerts. Den Grund für die Verschiebung, den Klimawandel, wird niemand gut finden wollen. Aber so ein Sommerkonzert im Oktober – das hat schon was. Von einer Notlösung konnte jedenfalls keine Rede sein.
