Köln – Für Chuck Berry war es Ausdruck seiner persönlichen Rebellion: Weil seine Schwester das häusliche Klavier mit ihren Klassik-Übungen beschlagnahmte, rächte er sich mit dem Song „Roll Over Beethoven“ und verkündete, dass Tschaikowsky und Beethoven „out“ seien. Quasi nebenbei befeuerte der Rock’n’Roll-Pionier so das Lebensgefühl einer Jugend, die keine Vorbilder mehr akzeptieren wollte, erst recht keine „Genies“ wie Beethoven.
Ludwig van Beethoven (1770-1827) war damals schon im bürgerlichen Kunstverständnis ein Säulenheiliger, und viele arbeiteten sich an der Dekonstruktion des Geniebegriffs ab. Während Maurizio Kagel zum Beethoven-Jahr 1970 mit seinem Film „Ludwig van“ polemisierte, brachte Stanley Kubrick den Widerstreit nicht minder provokant in „A Clockwork Orange“ (1971) auf den Punkt: Der sadistische Randalierer Alex (Malcolm McDowell) ist ein fanatischer Beethoven-Hörer, der im Gefängniskrankenhaus ausgerechnet mit dessen „heiliger“ Musik gewaltsam therapiert werden soll.
Entspannte Beschäftigung
Kubricks Provokation um schöpferische Kraft und hemmungslose Gewalt hat heute noch Sprengpotenzial, auch wenn die Beschäftigung mit Beethoven im Jahr seines 250. Geburtstags weit entspannter, freilich nicht weniger differenziert geworden ist. Gerade auch im Jazz: Zu den Musikveranstaltungen unter dem Titel „BTHVN 2020“ gehört das ambitionierte Projekt „Re: Immortal Beloved“, mit dem die Initiative Kölner Jazz Haus fünf Kölner Musikerinnen und Komponistinnen beauftragte, sich intensiv mit Beethoven auseinanderzusetzen.
Konzipiert von der Kontrabassistin Ulla Oster, ist das zweitägige Mini-Festival ein Beleg dafür, dass der menschlichen Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. So wie sich einst Beethoven jeder Konvention oder Routine verweigerte und seine Musik ständig erweiterte, so entwickeln nun Ulla Oster, Rebekka Ziegler, Angelika Niescier, Christina Fuchs und Caroline Thon aus Beethovens Werk ihre eigene „komponierte Interpretation“ und bringen den Jubilar mit Techniken ihrer eigenen musikalischen Jazz-Ästhetik in einen zeitgemäßen Kontext.
Reizvolle Aufgabe
„Bei Werken großer alter Meister aus den letzten Jahrhunderten“, erläutert Ulla Oster, „läuft man Gefahr, sich zu „verheben.“ Trotz aller Hindernisse und Bedenken fand sie die Aufgabe reizvoll und war bei ihrer Recherche aufs Neue von Beethovens Melodien, Klängen, Instrumentierung und kompositorischer Kunst beeindruckt.
„Mir wurde aber auch bewusst, wie sehr sich die Musik – und mein Horizont – inzwischen weiterentwickelt hat, erweitert und angereichert, differenziert in so viele Genres, Stilistiken, musikalische Bausteine, Kompositionstechniken, Spiel- und Aufführungsformen.“
Sensationelle Zusammensetzung des Ensembles
Über solche Gedanken hinaus ist allein schon die Zusammensetzung der Ensembles sensationell. So spielt Rebekka Ziegler unter anderem mit Saxofonist Sebastian Gille und der Harfinistin Kathrin Pechlof, bei Ulla Oster treffen Keyboards und Piano (Liz Kosack, Lucas Leidinger) auf Violine und Cello.
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Angelika Niescier befasst sich mit Beethovens Streichquartetten mittels Saxofon, Posaune (Shannon Barnett) und doppelt besetztem Vibrafon (Evi Filippou, Christopher Dell), Christina Fuchs und Caroline Thon nutzen die Gestaltungskraft ihres Fuchsthone Orchestra. Wie schade, dass man dieses herausragende Festival-Ereignis nicht auf der Bühne erleben kann, zumindest aber an zwei Tagen via Streaming.
BTHVN 2020: Rebekka Salomea Ziegler & Ulla Oster (3.12.), Angelika Niescier & Fuchsthone Orchestra (4.12.), jeweils 20 Uhr. Online über www.stadtgarten.de/streams

