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CaravaggioProblemfall der Kunstgeschichte

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Original von Caravaggio (farbig) und ein Ausschnitt aus einer gefunden Skizze –  Ähnlichkeit ist vorhanden.

Köln – Sein halbes Leben befand sich der italienische Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) in irgendwelchen Streitereien. Er überwarf sich mit Nachbarn, Vermietern oder Kellnern, trank, spielte und prügelte sich, wurde zuletzt wegen Mordes gesucht und entkam den Folgen seines gewalttätigen Temperaments nur dank mächtiger Gönner innerhalb der katholischen Kirche. Auf der Flucht und in langen Jahren der Verbannung malte er Bilder, die heute seinen Ruf als einen der großen Umstürzler der Kunst begründen: Biblische Szenen voller ergreifender Dramatik, ins harte Schlaglicht der Wirklichkeit gesetzt und gleichzeitig so feinfühlig wie Stillleben gezeichnet.

Es liegt nahe, dass man bei diesem Lebenswandel kein allzu zahlreiches Werk hinterlassen kann und jedes erhaltene Gemälde umso kostbarer erscheint. Aber zu einem der berühmtesten Problemfälle wird Caravaggio aus einem anderen Grund: „Er war einer von den großen Künstlern“, schrieb der Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich, „die die heiligen Geschichten mit eigenen Augen sehen wollten, als ob sie sich eben im Nachbarhaus zutrügen.“ Sein Gemälde „Der ungläubige Thomas“ (1603) zeigt die drei Apostel als die Tagelöhner, die sie nach der Überlieferung tatsächlich waren, und lässt sie mit zerschlissener Kleidung und gerunzelter Stirn dem Wunder der Auferstehung begegnen. Auch Thomas wirkt weniger ungläubig als erschüttert: Sein Blick geht ins Leere, Christus muss die Finger des gebeugten Mannes in die Wunde führen.

Simone Peterzano (1540-1596) war nach eigenen Angaben ein Schüler Tizians. Peterzanos erstes bekanntes Werk sind die Fresken in der Mailänder Kirche San Maurizio al Monastero Maggiore (1573). Die Arbeiten wurden von Tintoretto beeinflusst. Auch der Altaraufsatz im Mailänder Dom ist von ihm. (ksta)

Genau aus diesem Grund war Caravaggio nach einer Zeit des kometenhaften Ruhms bald als Naturalist verschrien, der die Gesetze der klassischen Kunst verhöhnt und die biblische Überlieferung ins Kellerlicht seines gepeinigten Gemüts hinabzieht. Nach seinem Fiebertod von 1610 verliert sich die Spur seines Lebens deshalb rasch, später gehen ganze Epochen der Kunstgeschichte achtlos über ihn hinweg. Schriftliche Belege über ihn sind rar, und entsprechend schwer lässt sich ein Original von einer zu Lebzeiten des Künstlers angefertigten Kopie unterscheiden.

Diese Kopien sind zahlreicher als man es dem frühen Barock in der Regel zutraut. Caravaggios Stil war damals so revolutionär, dass er neben strikter Ablehnung auch eine reißende Nachfrage provozierte. Und so blühte das Kopiengewerbe auf, teilweise unter Anleitung von Caravaggio selbst. Zwar wird daraus noch kein zweiter Fall Rembrandt, bei dem jedes neue Forschungsprojekt Furcht und Schrecken unter den Sammlern und Museen verbreitet. Doch auch bei Caravaggio gibt es eine Warteliste von möglichen Nachrückern, denen wiederum einige bislang ihm zugeschriebene Bilder zum Opfer fallen können.

Heute beugt sich ein ganzer Kunsthistorikerzweig über Röntgenaufnahmen von Caravaggios Gemälden, als wären es Indizien in einem Mordfall. Dabei geht es um die Deutungshoheit auf einem wissenschaftlichen Gebiet, auf dem auch über Millionenwerte entschieden wird. Ein echter Caravaggio ist am Kunstmarkt leicht das Vielfache dessen wert, was ein unbekannterer Zeitgenosse einbringen würde, der in seinem Stil malte – selbst wenn die Nachahmung an handwerklicher Qualität ebenbürtig ist.

Freihändig oder mit Skizze?

Besonders schwierig wird der Fall dadurch, dass sich die Experten nicht darüber einig werden, wie Caravaggio seine Bilder malte. Seit einem knappen Jahrhundert schwelt der Streit um seinen „freihändigen“ Stil, seine sichere Hand, die angeblich auf jede Vorzeichnung verzichten kann. Tatsächlich sind bislang keine Skizzen von Caravaggios Hand überliefert, und man weiß, dass er seine Bilder in abgedunkelten Ateliers mit Modellen von der Straße malte. Schon immer sprach aber die exakte Komposition seiner Gemälde und ihre meisterliche Ausführung gegen das Bild vom stürmischen Originalgenie. Sollten sich die neuen Fundstücke als echt erweisen, könnte der Streit entschieden sein.

2002 wurde durch Zufall entdeckt, dass ein hundert Jahre altes Altersheims im polnischen Trzebiechow (Trebschen) diverse chromglänzende Klinken, geschwungene Türbögen, Treppengeländer und Wandornamente des bekannten belgischen Malers, Architekten und Designers Henry van de Velde (1863-1957) beherbergt.

2003 nahm die New Yorkerin Elizabeth Gibson ein Bild aus dem auf der Straße stehenden Sperrmüll. Vier Jahre später stellte sich heraus: Es handelte sich um „Three People“; ein Werk des Mexikaners Rufino Tamayo von 1970, das 20 Jahre zuvor gestohlen worden war. Später wurde es für umgerechnet rund 850 000 Euro im Auktionshaus Sotheby's versteigert.

2006 entdeckte ein Rentner beim Aufräumen des Speichers seiner verstorbenen Tochter ein mit „Nolde“ signiertes Frauenporträt. Er übergab den Fund der Polizei, die herausfand, dass das Gemälde Ende der 70er Jahre aus einer Spedition verschwunden war und dem Kunstverleger Ernest G. Rathenau gehörte. Seine Erben erhielten das Porträt namens „Nadja“ zurück und verkauften es für 2,58 Millionen Dollar.

2006 wollte eine Dame aus dem Rheinland ein altes Ölbild mit einer langstieligen Blume darauf auf dem Flohmarkt verkaufen. Beim Verpacken bemerkte sie auf der Rückseite jedoch eine Signatur. In einer Galerie stellte sich dann heraus, dass es sich bei dem Flohmarkt-Bild um die „Weiße Tulpe“ von Franz Radziwill handelte. Das Gemälde wird auf rund 15 000 Euro geschätzt.

Im Juli 2011 bestätigten Kunstexperten die Echtheit eines weiteren, bisher unbekannten Bildes von Leonardo da Vinci. Es zeigt Jesus Christus in der Pose des Weltretters. Der New Yorker Galerist Robert Simon will das Gemälde einige Jahre zuvor bei einer kleinen Auktion in der amerikanischen Provinz entdeckt haben. Es war wohl in so schlechtem Zustand, dass sein Wert zunächst nicht erkannt wurde.

Im Februar 2012 sorgte die „Zwillingsschwester“ der Mona Lisa für Aufsehen. Das Bild, dass seit Jahren im Prado in Madrid hängt, galt lange als Plagiat. Bei Restaurierungsarbeiten wurde festgestellt, dass das Bild wohl zeitgleich mit dem Original in der Werkstatt von Leonardo da Vinci entstand. Der Maler ist wahrscheinlich Francesco Melzi, der zu den bedeutendsten Schülern da Vincis gehörte.

Diese Woche konnte die Münchner Universitätsbibliothek ein bislang unbekanntes Exemplar der berühmten Weltkarten des deutschen Kartographen Martin Waldseemüller (1470-1522) präsentieren. Mitarbeiter hatten das rund 500 Jahre alte und wie ein Bastelbogen in Lamellen unterteilte Dokument in einem Bibliothekseinband gefunden. Sie ist eine kleine Schwester von Waldseemüllers drei Quadratmeter großer Weltkarte. (ksta)

Im Düsseldorfer Museum Kunst Palast bekam man vor sechs Jahren anschaulich vorgeführt, womit sich die Caravaggio-Forschung abplagt. Es stellte echte Caravaggios neben täuschend echte, zu seinen Lebzeiten oder kurz danach entstandene Kopien, und verblüffte das Publikum mit dieser Gegenüberstellung ein ums andere Mal. Mitunter glaubte man, durch bloßen Augenschein entscheiden zu können, welches Bild gelungener und deswegen vom Meister war. Um dann festzustellen: Beide Werke stammen von Caravaggio, der offenbar selbst ein zweites Mal für ein von der Kundschaft besonders nachgefragtes Motiv zum Pinsel gegriffen hatte.

Vielleicht hat es daher sogar etwas Tröstliches, wenn sich Caravaggios Geheimnis auch unter dem Röntgenapparat nicht immer entschlüsseln lässt. Eines der wichtigsten Merkmale, die ihn von seinen zahlreichen Kopisten unterscheiden sollen, sind die Korrekturen in den unteren Farbschichten eines Bildes. Dass ausgerechnet diese sogenannten Reuezeichen als Visitenkarte des sündhaften Caravaggio dienen, lässt sich wohl nur als im Himmel gefügte Ironie verstehen.